Desi­gn­ide­en, die sich zu weit, und das heißt für die Adres­sa­ten unver­mit­tel­bar vom Gemein­sinn, ent­fer­nen, schei­tern – frei­lich nicht not­wen­di­ger­wei­se auf Dau­er. Wenn es gelingt, den Vor­stoß ins Unbe­kann­te, Unver­trau­te, Anstö­ßi­ge nach­träg­lich durch Zwi­schen­for­men zu ver­mit­teln, so kann das in der unver­mit­tel­ten Prä­sen­ta­ti­on erfolg­lo­se Figu­ren-Kon­zept noch zum Erfolg füh­ren.

All­ge­mein gilt die rhe­to­ri­sche Devi­se, dass der kon­trol­lier­te Ver­stoß, das gut aus­ge­steu­er­te Befrem­den, die Über­ra­schung eine Wir­kung ver­stär­ken und dau­er­haf­ter machen. Sie wir­ken dem Über­druss am Abge­grif­fe­nen, Ver­schlis­se­nen ent­ge­gen. Auch kein Kunst­werk ist gegen die­sen Effekt gefeit. Wer sieht noch wirk­lich den Blick der Put­ten in Raf­fa­els »Six­ti­ni­scher Madon­na«, das Lächeln der Mona Lisa oder der Venus von Bot­ti­cel­li – man kann sie eben im über­tra­ge­nen wie im buch­stäb­li­chen Sin­ne »nicht mehr sehen«, weil die mas­sen­haf­te Repro­duk­ti­on, die ste­reo­ty­pe Über­tra­gung auf Wäsche, Beklei­dung, Pla­kat­wän­de sie um ihre sinn­li­che Über­zeu­gungs­kraft gebracht hat. Sie sind tri­vi­al gewor­den, unfä­hig, unse­re Sin­ne zu affi­zie­ren. Visu­el­le als an die sinn­li­che Vor- stel­lung und Emp­fin­dung adres­sier­te Phä­no­me­ne sind der Tri­via­li­sie­rung stär­ker aus­ge­setzt als ihre sprach­li­chen Pen­dants, inso­fern auch die geron­ne­ne Meta­pher – ja gera­de sie – intel­lek­tu­el­le Wirk­sam­keit (also auf argu­men­ta­ti­ve Wei­se) ent­fal­ten kann. Die zum Kli­schee erstarr­te Figur erweckt nichts ande­res als Über­druss und kann neue Bedeut­sam­keit nur durch einen ande­ren, zum Bei­spiel einen kri­tisch-ana­ly­ti­schen, Zugriff erfah­ren.

8. Ohne die­se uns allen geläu­fi­ge Erfah­rung zu ver­tie­fen, bleibt zu resü­mie­ren, dass die Design­theo­rie die beson­de­re Ver­schleiß­an­fäl­lig­keit des Bil­des schon immer in ihre Kon­zep­te auf­zu­neh­men hat­te. Die Frucht­bar­keit rhe­to­ri­scher Erb­schaft erweist sich auch von die­ser Sei­te, inso­fern Wir­kungs­in­ten­tio­na­li­tät für die Rhe­to­rik nicht eine For­de­rung unter ande­ren, son­dern das Basis­prin­zip ist – und zwar pro­duk­ti­ons­theo­re­tisch wie her­me­neu­tisch –, die Wir­kung also durch Gewohn­heit abge­schwächt, sogar ver­hin­dert wer­den kann. Denn Rhe­to­rik bewirkt nicht nur die Siche­rung des Kon­sen­ses, son­dern eben­so und mit ihm ver­mit­telt auch die Siche­rung des Wider­spruchs, der Ver­frem­dung, des Neu­en. Ihr Wesen ist dia­lek­tisch: Affir­ma­ti­on und Nega­ti­on in einem. For­men, die aus die­ser Span­nung leben, kön­nen zwar ver­al­ten, besit­zen aber immer das Poten­zi­al zu neu­er Wirk­sam­keit.

[Die­ser Essay von Gert Ueding wur­de erst­mals ver­öf­fent­licht in: Joost, Gesche; Scheu­er­mann, Arne (Hg.): Design als Rhe­to­rik: Grund­la­gen, Posi­tio­nen, Fall­stu­di­en. Basel: Birk­häu­ser, 2008. S. 81–88.]

 

Illus­tra­tion: Thilo Rothacker

Illus­tra­tion: Thi­lo Rot­ha­cker


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 1, Herbst 2012X