Mythen des Alltags

Lastenrad

Leiser Transporter mit Muskelkraft und Ökostrom

Von Julia Valter


Wie ein Wal­hai zwi­schen Put­zer­fi­schen glei­tet das üppig bela­de­ne »Cargo­bike« zwi­schen den ande­ren Fahr­rä­dern auf dem Rad­weg dahin. Es wirkt durch sei­ne Grö­ße eher behä­big, biegt dafür über­ra­schend schnell in eine Stra­ße ein, wo es direkt vor dem Ein­gang einer Kita parkt und drei klei­ne Kin­der aus dem Las­ten­korb klet­tern.– Kein ganz neu­es Bild, aber immer häu­fi­ger zu beob­ach­ten: Las­ten­fahr­rä­der, die das Fami­li­en­au­to erset­zen oder zumin­dest ergän­zen. Bei immer­hin 120 kg Zula­dung kön­nen locker drei Kin­der und der Wochen­ein­kauf ver­staut wer­den. Nicht nur Fami­li­en kom­men auf den Geschmack, eine Kon­stan­zer Fahr­rad­händ­le­rin erkennt ein neu­es Lebens­ge­fühl rund um die »Cargo­bikes«. Ihre Kun­den sind oft jun­ge, umwelt­be­wuss­te Men­schen, die noch nie ein Auto hat­ten und auch kei­nes wol­len. Sie trans­por­tie­ren ein­fach alles mit den Bikes: Hun­de, Bier­käs­ten, Umzugs­kar­tons, Zim­mer­pflan­zen, Instru­men­te, Matrat­zen — und spä­ter viel­leicht auch mal Kinder. 

Nach­dem Las­ten­rä­der Ende des 19. Jahr­hun­derts ihren ers­ten Hype hat­ten, gerie­ten sie durch die zuneh­men­de Moto­ri­sie­rung des Stra­ßen­ver­kehrs bei­na­he in Ver­ges­sen­heit. In Däne­mark über­leb­ten sie als »Long Johns«[1] und »Chris­tia­na-Bikes«[2], in den Nie­der­lan­den als »Bak­fietsen«. Hier sind sie erst seit den 2000ern wie­der im Kom­men. Rich­tig Fahrt auf­ge­nom­men hat die neue »Cargobike«-Begeisterung durch die Aus­stat­tung der Las­ten­rä­der mit Elek­tro­mo­tor. Eine stu­fen­los ein­stell­ba­re Unter­stüt­zung bis 25 km/h macht das Fah­ren von Anfang an sehr leicht und ange­nehm. Feh­len­de Aus­dau­er braucht man so nicht zu fürch­ten. Selbst wenn der Korb mit dem Liebs­ten, einem Pick­nick­korb und zusätz­lich dem dicken Hund bela­den ist, kann man unbe­schwert losbrausen.

Mit einem Las­ten­rad ist man in der Stadt deut­lich unab­hän­gi­ger und güns­ti­ger unter­wegs als mit einem Auto. Zudem fällt die ner­ven­rau­ben­de Park­platz­su­che weg; geparkt wird ein­fach genau da, wo man hin will. Der Akku kann an jeder Steck­do­se gela­den wer­den, vor­zugs­wei­se natür­lich mit grü­nem Strom. Das kos­tet pro Akku­la­dung etwa 20 Cent, Steu­er- und Ver­si­che­rungs­kos­ten fal­len kei­ne an. 

Nur die Anschaf­fung eines Cargo­bikes ist mit rund 8000 Euro ziem­lich teu­er. Das hin­dert die Deut­schen jedoch nicht dar­an, immer mehr Trans­port­rä­der zu kau­fen: Laut des Zwei­rad-Indus­trie-Ver­bands (ZIV)[3] sind die Ver­kaufs­zah­len von Cargo­bikes in Deutsch­land im Jahr 2020 auf über 100000 Stück ange­stie­gen. Die oben erwähn­te Fahr­rad­händ­le­rin kann die­sen Trend bestä­ti­gen. Durch die »Lock­downs« wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie sind offen­bar vie­le Men­schen wie­der aufs Fahr­rad gestie­gen, beson­ders Las­ten­rä­der sind beliebt. Sie berich­tet von über­glück­li­chen Men­schen, die gar nicht glau­ben kön­nen, dass sie jemals frei­wil­lig auf das bele­ben­de Fahr­rad­fahr-Gefühl ver­zich­tet haben. Viel­leicht ist das die neue Frei­heit: Fahrt­wind in den Haa­ren und Öko­strom unterm Hintern.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 19 und 20, Frühjahr 2022