Mythen des Alltags

Das Mountainbike

Von der Aura der Bergbezwinger

Von Bettina Schröm


Der Weg ist stei­nig, und er ist nicht das Ziel. Manch einer wür­de ihn zu Fuß kaum bewäl­ti­gen, Fahr­zeu­ge müs­sen an ihm schei­tern. Nicht so das Moun­tain­bike: Es erlaubt sei­nem Besit­zer, auf zwei Rädern die Welt zu erobern, auch da, wo Mut­ter Erde sich sehr uneben zeigt. Es hat die Vor­stel­lung von dem ver­än­dert, was einst als Fahr­rad bekannt war. Frü­her gab es Men­schen, die radel­ten, und dann noch ganz weni­ge – Ver­zei­hung, in Ita­li­en und Frank­reich waren es etwas mehr – die Renn­rad fuh­ren. Gera­delt wird aber kaum mehr in der Welt der Breit­rei­fen und Feder­ga­beln. Und das Renn­rad ist nach den Doping­sün­den der Tour-de-Fran­ce-Sie­ger in Ver­ruf gera­ten.

Moder­ne Men­schen, die mit sport­li­cher Ambi­ti­on Fahr­rad fah­ren, gehen »biken«, eine Tätig­keit, die sich als aus­ge­spro­chen schweiß­trei­bend erweist. Auf Pfa­den vol­ler Hin­der­nis­se und mit beträcht­li­chen Stei­gungs­win­keln quä­len sie sich nach oben, aus­ge­rüs­tet mit Helm, Bril­le, syn­the­ti­scher Klei­dung. Es ist kei­ne zweck­freie Fahrt. Genießt der Rad­ler das Radeln an sich, will der Biker ankom­men, will den Gip­fel mit­samt der anschlie­ßen­den Abfahrt.

Denn unmit­tel­bar nach der Ankunft zieht es ihn wie­der hin­ab. In wag­hal­si­gem Tem­po stürzt er sich »down­hill«, ger­ne auch auf eigens ange­leg­ten Stre­cken, die der Natur zu ihrer eigent­li­chen Bestim­mung ver­hel­fen: Par­cours zu sein für einen Par­force-Ritt, der dem Adre­na­lin­schub des Ein­zel­nen dient. Wer her­un­ter­kommt, außer Atem, dreck­ver­spritzt, ver­schrammt, der hat sich und den Berg über­wun­den – und der Welt etwas bewie­sen.

Nicht jeder setzt sich sol­chen Stra­pa­zen aus. Vie­le aber möch­ten etwas abha­ben von der Aura der Berg­be­zwin­ger, von ihrem Mut, ihrer Aus­dau­er, ihrer Gestählt­heit. Der Sport als eine der letz­ten Domä­nen, in denen es noch Hel­den gibt, muss her­hal­ten für die Hel­den des All­tags.

Und das Moun­tain­bike hat sich so neben den Ber­gen ein Ter­rain erobert, für das es nicht gedacht war: die Innen­städ­te. Dort ist es das fahr­rad­ge­wor­de­ne Pen­dant zum Gelän­de­wa­gen und zur Trek­king­ho­se. Mit­ten im Gewühl kli­ma­ti­sier­ten Kon­sums ist die Aus­rüs­tung für Auf­ent­hal­te in Ber­gen und Wäl­dern zum Sta­tus­sym­bol einer Lebens­hal­tung gewor­den, die sich natur­ver­bun­den gibt. Ein All­rad­an­trieb ist im Park­haus der City eben­so wenig not­wen­dig wie eine Feder­ga­bel auf dem Asphalt der ver­kehrs­be­ru­hig­ten Zonen. Und auch der schnel­le Griff zum Jagd­mes­ser ist im Ein­kaufs­zen­trum nur sel­ten von­nö­ten.

Den­noch signa­li­sie­ren Men­schen, die sich in »Outdoor«-Kleidung durch Innen­städ­te bewe­gen, dass sie gerüs­tet sind, dass sie archai­schen Kämp­fen und Natur­ge­wal­ten stand­hal­ten, dass auch in ihnen ein Rest Hel­den­mut schlum­mert. In klei­ner Über­set­zung und auf brei­ten Rei­fen fährt man vors Kauf­haus – und benutzt dann doch lie­ber die Roll­trep­pe.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 3, Herbst 2013