Mythen des Alltags

Das Profilbild

Über die »Selfies der Seele«

Von Benedikt Bischler


Pro­vo­kant, geheim­nis­voll, ober­fläch­lich, intim, tief­grün­dig oder schlicht eine anony­me, graue Sil­hou­et­te – das Pro­fil­bild hat vie­le Gesich­ter.

Fast jeder von uns wird tag­täg­lich bewusst oder unbe­wusst mit den Facet­ten die­ses expres­si­ven Aus­drucks­mit­tels der Gegen­wart kon­fron­tiert. Ein Minia­tur-Por­trät, das im digi­ta­len Sozi­al­um­gang an die Stel­le der eige­nen Per­son tritt, scheint einen fes­ten Platz in der Kom­mu­ni­ka­ti­on unse­rer Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft erlangt zu haben. Die Anony­mi­tät des Inter­nets bie­tet jedem Nut­zer die Mög­lich­keit sich sei­ne eige­ne, ganz per­sön­li­che Mas­ke auf­zu­set­zen - der all­täg­li­che Online-Kar­ne­val. Oder sind die klei­nen Bild­chen viel­leicht doch mehr, als nur ein amü­san­ter Aus­wuchs der Digi­ta­li­sie­rung?

Scrollt man am eige­nen Smart­pho­ne durch die Chat-Über­sicht sei­ner What’s-App-Kontaktliste, gewinnt man schnell den Ein­druck durch die per­sön­lichs­ten Lebens­mo­men­te sei­ner engs­ten und weni­ger engen sozia­len Kon­tak­te stö­bern zu kön­nen - eine Ansamm­lung von Kühl­schrank­bil­dern, Pass­fo­tos, Post­kar­ten­mo­ti­ven, Fami­li­en­por­träts und Sed­card-Shoots. Alles frei zugäng­lich und wil­lent­lich von den Urhe­bern plat­ziert, zusam­men­ge­fasst unter dem neu­deut­schen Begriff des »Pro­fil­bilds«. Die ursprüng­li­che Bedeu­tung des Wor­tes aus dem fran­zö­si­schen »pro­fil«, was so viel heißt wie »Sei­ten­an­sicht« oder »Schat­ten­riss«, scheint dabei längst über­wun­den. Es geht nicht mehr dar­um, die per­sön­li­che Erschei­nung sche­men­haft zu umrei­ßen, um die Zuord­nung von Inhal­ten im Netz zu erleich­tern, als viel­mehr dar­um, ein ein­deu­ti­ges, indi­vi­du­el­les State­ment zur eige­nen Per­son, ja zur eige­nen Exis­tenz zu set­zen - sich im digi­ta­len Umfeld wort­wört­lich zu pro­fi­lie­ren. Dem eige­nen, all­zu aus­tausch­bar ober­fläch­li­chen Dasein eine cha­rak­te­ris­ti­sche Anmu­tung, ein Pro­fil, zu ver­lei­hen - das scheint der Anspruch an den moder­nen Soci­al-Media-Nut­zer zu sein. In der krea­ti­ven Umset­zung die­ses Pro­fi­lie­rungs­pro­zes­ses schei­nen sich aller­dings sehr unter­schied­li­che Her­an­ge­hens­wei­sen ent­wi­ckelt zu haben. Bei nähe­rer Betrach­tung sind vier ver­schie­de­ne Typen von Pro­fil­bild-Nut­zer­grup­pen aus­zu­ma­chen.

Da wäre zum einen die Grup­pe der semi-pro­fes­sio­nel­len Selbst­dar­stel­ler, deren Mit­glie­der vor­wie­gend qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Por­trät-Foto­gra­fi­en als Pro­fil­bild favo­ri­sie­ren. Meist wird das eige­ne Gesicht mit dezent lei­dend ver­zerr­tem Blick zur Kame­ra insze­niert. Alter­na­tiv kann auch ein hip­pes Ganz­kör­per-Por­trät in gestellt läs­si­ger Geh­po­se und gewollt spon­ta­nem Snapshot-Cha­rak­ter zum Ein­satz kom­men. In jedem Fall muss es ästhe­tisch ein­wand­frei sein. Inspi­riert von der Mode­fo­to­gra­fie wird das eige­ne sozia­le Umfeld dafür oft als Hob­by-Foto­gra­fen miss­braucht. Die Selbst­dar­stel­ler ver­mit­teln mit ihren Moti­ven Über­le­gen­heit, Stär­ke und Selbst­be­wusst­sein.

Die Roman­ti­ker hin­ge­gen set­zen eher auf emo­tio­na­le Tie­fe und phi­lo­so­phisch anmu­ten­de Melan­cho­lie in ihren Bil­dern. Das klas­si­sche Motiv die­ser Nut­zer­grup­pe ist der nach­denk­li­che Blick in die Fer­ne. Auf­ge­nom­men von der Sei­te oder ger­ne auch von hin­ten, zeigt sich der Nut­zer gedan­ken­ver­sun­ken mit unschar­fem Blick in die Wei­ten einer meist para­die­sisch anmu­ten­den Urlaubs­land­schaft – vor­zugs­wei­se bei Son­nen­auf­gang oder -unter­gang und mit aus­rei­chend Gegen­licht um das mär­chen­haf­te Stim­mungs­bild durch gold­gel­be Licht­ef­fek­te per­fekt zu machen. Roman­ti­ker ver­mit­teln mit ihren Bil­dern ger­ne die eige­ne Tief­grün­dig­keit und ihre erstre­bens­wert viel­schich­ti­ge, phi­lo­so­phi­sche Sicht auf die Welt.

Die drit­te Nut­zer­grup­pe, die Grup­pe der Mit­tei­lungs­be­dürf­ti­gen, zeich­net sich vor allem durch häu­fig wech­seln­de Pro­fil­bil­der aus. Der Fokus liegt dabei weni­ger auf der eige­nen per­sön­li­chen Erschei­nung, als viel­mehr auf den unzäh­li­gen neu­en Errun­gen­schaf­ten in den schein­bar über­durch­schnitt­lich ereig­nis­rei­chen Leben die­ser Nut­zer. Ob aktu­el­le Par­ty­bil­der mit den neu­en bes­ten Freun­den, ein Sel­fie mit der gelieb­ten Haus­kat­ze, der letz­te Besuch im Ster­ne­re­stau­rant oder Action­auf­nah­men von diver­sen Out­door-Akti­vi­tä­ten – alles wird aus­sa­ge­kräf­tig im Pro­fil­bild dar­ge­stellt. Die Mit­tei­lungs­be­dürf­ti­gen legen den Fokus auf die Ver­mitt­lung eines vor Krea­ti­vi­tät spru­deln­den, erfüll­ten Lebens, das jedem Betrach­ter erstre­bens­wert erschei­nen soll. Einen aner­ken­nen­de Kom­men­tar zu ihren Bil­dern neh­men sie meis­tens dan­kend ent­ge­gen.

Die Phan­to­me fal­len als vier­te und letz­te Nut­zer­grup­pe etwas aus der Rei­he, da sie der vor­ge­se­he­nen Ver­wen­dung des Pro­fil­bil­des aktiv ent­ge­gen­wir­ken. Sie grei­fen meist ent­we­der auf völ­lig zusam­men­hangs­lo­se Moti­ve zurück oder ver­zich­ten gar voll­stän­dig auf ein Pro­fil­bild. Ihnen geht es vor­ran­gig dar­um, sich selbst eben gera­de nicht zu zei­gen. Dies kann aus ver­schie­de­nen Moti­va­tio­nen her­aus gesche­hen. Sei es über­mä­ßi­ger Anspruch an die eige­ne Erschei­nung, gene­rel­le Unsi­cher­heit, das Bedürf­nis, sich gegen den Main­stream zu stel­len, oder aber bewuss­ter Pro­test gegen die gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen. Da man bekann­ter­ma­ßen nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren kann, ver­mit­teln auch die Ange­hö­ri­gen die­ser Nut­zer­grup­pe mit der Wahl oder Nicht-Wahl ihres Pro­fil­bil­des mehr über ihre Per­son, als ihnen lieb oder bewusst sein mag.

Fakt ist: Pro­fil­bil­der schei­nen wohl einen höhe­ren sozia­len Stel­len­wert erreicht zu haben als uns gemein­hin bewusst sein mag. In gewis­ser Wei­se wer­den sie zum digi­ta­len Spie­gel der See­le. Die Wir­kung der vie­len sub­ti­len Signa­le, die die klei­nen Bild­chen kom­mu­ni­zie­ren, ist dabei oft weit­rei­chen­der, als man zunächst anneh­men wür­de. Ob man will oder nicht – aktua­li­siert man sein Pro­fil­bild, wird unver­züg­lich das gesam­te sozia­le Umfeld zu pro­fes­sio­nel­len Kunst­kri­ti­kern, Semio­ti­kern und Psy­cho­ana­ly­ti­kern. Jedes Detail des neu­en Bil­des wird kri­tisch beäugt, beur­teilt und gege­be­nen­falls kom­men­tiert: »Mit sei­ner Ex hat­te der aber nie ’n Pär­chen-Bild drin …«, »Auf dei­nem alten Pro­fil­bild hast du aber so hübsch gelä­chelt«, »Hat die ‘nen Freund oder is’ das ihr Bru­der?«.

Es scheint also, als ob uns die­ser Pro­zess der Pro­fil­bild­wahl zu einer nie dage­we­se­nen bewuss­ten Defi­ni­ti­on der eige­nen Per­son for­ciert. Nun kön­nen wir direk­ten Ein­fluss auf unse­ren ers­ten Ein­druck neh­men und müs­sen uns dafür wohl oder übel mit unse­rer eige­nen Iden­ti­tät oder zumin­dest der eige­nen Erschei­nung befas­sen. Zei­ge ich mich allein oder in Gesell­schaft? Zei­ge ich mich fröh­lich oder seri­ös? Wer bin ich, und wer will ich sein?

Der Ver­such, unse­rem eige­nen Dasein damit Pro­fil zu ver­lei­hen, scheint aller­dings oft im Gegen­teil, in einer unge­woll­ten Ober­fläch­lich­keit zu resul­tie­ren. Dem ursprüng­li­chen Wort­stamm zufol­ge (pro­fil von lat. filum, »Faden«) hängt unse­re wah­re Per­sön­lich­keit dabei wohl am sei­de­nen Faden.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 14 und 15, Herbst 2019