Frage und Antwort

»… dass der fachliche Wortschatz geringer wird …«

Petra Stephan über Sprache und Architektur

Von Stefanie Schulz


Petra Ste­phan ist Chef­re­dak­teu­rin der der Fach­zeit­schrift »AIT« (Archi­tek­tur, Innen­ar­chi­tek­tur und Tech­ni­scher Aus­bau). Im Inter­view beschreibt sie ihre Arbeit.

Was ist Ihre Lieb­lings­auf­ga­be als Chefredakteurin?

Mit den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen die uns für die jewei­li­ge »AIT«-Ausgabe vor­lie­gen­den Pro­jek­te zu sich­ten, zu dis­ku­tie­ren und letzt­end­lich zur Ver­öf­fent­li­chung aus­zu­wäh­len. Und natür­lich: jede ganz frisch gedruck­te AIT auf­zu­schla­gen und durchzublättern.

Und wel­che Auf­ga­be füh­ren Sie eher ungern aus?

Innen­ar­chi­tek­ten und Archi­tek­ten, die uns Bei­trä­ge zur Ver­öf­fent­li­chung ein­ge­sandt haben, zu erklä­ren, war­um wir ihr Pro­jekt nicht aus­ge­wählt haben. Das Glei­che gilt für Mit­ar­bei­ter von PR-Agen­tu­ren, die anfra­gen, war­um gera­de ihr Text- und Bild­ma­te­ri­al nicht berück­sich­tig wer­den konnte.

Wie haben Sie es geschafft, Chef­re­dak­teu­rin der Fach­zeit­schrift »AIT« zu werden?

In dem ich mich seit dem Abitur ent­we­der mit Jour­na­lis­mus oder mit Innen­ar­chi­tek­tur und Archi­tek­tur beschäf­tigt habe: Tages­zei­tungs­vo­lon­ta­ri­at, Innen­ar­chi­tek­tur­prak­ti­kum, Archi­tek­tur­stu­di­um, freie Mit­ar­beit bei Archi­tek­tur- und Bau­her­ren-Maga­zi­nen und Archi­tek­tur­bü­ros, eige­nes Archi­tek­tur­bü­ro, Redak­teu­rin, Res­sort­lei­te­rin und dann Chef­re­dak­teu­rin. Neben der Aus­bil­dung ist natür­lich die Lust und Begeis­te­rung am Schrei­ben, am Gestal­ten und am Kon­takt mit Men­schen not­wen­dig; sowie Fleiß, Enga­ge­ment, Durch­hal­te­ver­mö­gen, Geduld, Krea­ti­vi­tät, Füh­rungs­qua­li­tät, Empa­thie und natür­lich sehr gute Fach- und Branchenkenntnisse.

Wie gewich­ten Sie ver­schie­de­ne Text­ar­ten in der »AIT«?

Wir unter­schei­den, wie all­ge­mein üblich im Jour­na­lis­mus, die Bei­trä­ge in Nach­rich­ten, Mel­dun­gen, Kom­men­ta­re, Essays, Glos­sen, Beschrei­bun­gen und Inter­views. Die­se ver­schie­de­nen Bei­trags­for­men sind unter­schied­lich gewich­tet: Unser nach­richt­li­cher Teil am Heft­an­fang, genannt Forum, ent­hält kur­ze, prä­gnan­te Mel­dun­gen und Kom­men­ta­re und ist mög­lichst aktu­ell, von all­ge­mei­nem Inter­es­se und unab­hän­gig vom Heft­the­ma. Im Mit­tel­teil brin­gen wir eine Anzahl von umfang­rei­chen Seri­en, dabei steht in ers­ter Linie unse­re Ziel­grup­pe, die Innen­ar­chi­tek­ten und Archi­tek­ten im Vor­der­grund, sie wer­den inter­viewt oder lie­fern einen eige­nen Autoren­text. Die Lese­rin­nen und Leser sind bes­ten­falls bereits ver­traut mit der ein oder ande­ren Serie und erwar­ten schon die nächs­te Folge.

Der Haupt­teil dient den Pro­jekt­be­schrei­bun­gen, die sich jeweils an einer innen­ar­chi­tek­to­ni­schen Bau­auf­ga­be – Laden­bau, Woh­nen, Büro, Öffent­li­che Bau­ten, Gas­tro­no­mie, Gesund­heits- und Frei­zeit­bau­ten sowie Behör­den – ori­en­tie­ren. Die Bei­trä­ge sind vier bis acht Sei­ten lang, mit vie­len gro­ßen Fotos und rela­tiv viel erläu­tern­dem Text. Ergänzt wird die­ser Heft­teil durch zum The­ma pas­sen­de län­ge­re Essays und Theo­rie­bei­trä­ge sowie kur­ze Pro­dukt- und Pro­jekt­be­schrei­bun­gen. Die­se ver­schie­de­nen Bei­trags­ar­ten wer­den – laut Leser­be­fra­gun­gen – zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten und Anläs­sen gele­sen, sowie von ver­schie­de­nen Leser­grup­pen. Das hat den Vor­teil, dass eine Aus­ga­be nicht nur ein­mal in die Hand genom­men wird, son­dern mehr­fach – aus unter­schied­li­chen Inten­sio­nen von unter­schied­li­chen Inter­es­sen­ten. Die Mischung ist wich­tig, um mög­lichst vie­le spe­zi­fi­sche Nei­gun­gen und Inter­es­sen der Lese­rin­nen und Leser abzu­de­cken und um eine hohe Auf­merk­sam­keit und gro­ßen Leser­nut­zen zu erzielen.

In der Archi­tek­tur­bran­che sind Fach­be­grif­fe sehr geläu­fig, wie sehen Sie die Situa­ti­on in der Designbranche?

Fach­be­grif­fe in der Archi­tek­tur sind wich­tig, damit sehr prä­zi­se und sach­lich zwi­schen Fach­leu­ten kom­mu­ni­ziert wer­den kann – zwi­schen Innen­ar­chi­tek­ten, Archi­tek­ten, Hand­wer­kern, Lie­fe­ran­ten, Indus­trie aber auch Fach­in­ge­nieu­ren und Fach­jour­na­lis­ten –, ähn­lich wie bei Medi­zi­nern oder Juris­ten. Fach­be­grif­fe in der Design­bran­che ken­ne ich eher als modi­sche, emo­tio­na­le und kurz­le­bi­ge Begriff­lich­kei­ten, die auch für den Kun­den oder Käu­fer ver­ständ­lich sein müssen.

Neh­men Sie Ver­än­de­run­gen im sprach­li­chen Ver­ständ­nis Ihrer Leser­schaft wahr?

Unse­re Lese­rin­nen und Leser geben uns in der Regel kei­ne Rück­mel­dung, wenn sie etwas nicht ver­stan­den haben. Das wür­den sie dann eher goo­geln oder es als etwas neu Dazu­ge­lern­tes bewer­ten. In der Zusam­men­ar­beit mit jün­ge­ren Kol­le­gen mer­ke ich jedoch, dass der fach­li­che Wort­schatz gerin­ger wird und die Nei­gung, sich sehr prä­zi­se, dif­fe­ren­ziert und bewer­tend aus­zu­drü­cken, abnimmt. Das spie­gelt sich auch in den ein­ge­sand­ten stu­den­ti­schen Bei­trä­gen wider.

Im Hin­blick auf die Zukunft: Wie geht die »AIT« mit The­men wie Digi­ta­li­sie­rung oder Akqui­se jun­ger Leser um?

Die Coro­na-beding­te Kurz­ar­beit hat aus­ge­rech­net den Teil der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen getrof­fen, der für die digi­ta­len Medi­en – Home­page, News­let­ter, Face­book, Insta­gram – zustän­dig ist. Wir wären da sehr ger­ne sehr viel wei­ter und hof­fen nach Been­di­gung der Kurz­ar­beit in unse­rem Ver­lag an die Bemü­hun­gen in der Ver­gan­gen­heit anknüp­fen zu kön­nen. Die jün­ge­ren Lese­rin­nen und Leser ver­su­chen wir immer schon mit Seri­en­bei­trä­gen wie »Stu­die­ren­de ent­wer­fen« oder »Lehr­jah­re bei …« anzu­spre­chen, ver­öf­fent­li­chen Auf­ru­fe zu stu­den­ti­schen Wett­be­wer­bern, Hoch­schul­in­ter­na oder neu­en Studiengängen. 

Die jun­gen Autorin­nen und Autoren bekom­men ein Jah­res-Abon­ne­ment und je nach Bei­trag ein Hono­rar. Zu Semes­ter­be­ginn schi­cken wir den Erst­se­mes­tern unter den Innen­ar­chi­tek­tur- und Archi­tek­tur­stu­den­ten seit vie­len Jah­ren ein »AIT«-Willkommenspaket mit einem Fach­buch, »AIT«-Ausgaben, Schreib­un­ter­la­gen etc. zu; und wer uns den Nach­weis über den Bache­lor- oder Mas­ter­ab­schluss mailt, bekommt ein Halb­jah­res-Abon­ne­ment der »AIT«. Und natür­lich gewäh­ren wir 50 Pro­zent Stu­die­ren­den­ra­batt auf das »AIT«-Jahres-Abonnement.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 19 und 20, Frühjahr 2022