Mythen des Alltags

Der James Bond in mir?

Für fünf Minuten Superheld, das geht: im Kino

Von Constanze Schneider


Die­ser Text ist laut­ge­dreht und geht unter die Haut, wie im Kino, Sound­ef­fek­te gepaart mit Bil­dern, mit pas­sen­den, unter­stüt­zen­den Bil­dern. Ange­spro­chen wer­den die bei­den wich­tigs­ten Sin­nes­or­ga­ne, die Fern­sin­ne. Das war nicht immer so. Wenn man auf die Anfän­ge des Kinos blickt, auf die Vor­füh­run­gen der Gebrü­der Lumiè­re mit ihren Cine­ma­to­gra­phen, feh­len sämt­li­che, für uns heu­te uner­läss­li­che Din­ge.

Plötz­lich sprin­gen alle Zuschau­er auf und ver­las­sen flucht­ar­tig und panisch den Vor­führ­raum. Die Sze­ne, in der die Lumiè­re Brü­der ihre Fami­lie am Bahn­hof filmt, bei der Ankunft eines Zuges, kennt wohl jeder, der sich ein wenig mit dem The­ma »Film« aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Bei der ers­ten Vor­füh­rung waren die Zuschau­er durch die rea­lis­ti­sche Dar­stel­lung und Unwis­sen­heit über die­ses neue Medi­um so in den Bann gezo­gen, dass sie tat­säch­lich Angst hat­ten, der Zug kön­ne sie erfas­sen. Sie haben den Film als Rea­li­tät ver­stan­den, doch Ende des 19. Jahr­hun­derts kann­te die Mehr­heit der Men­schen die­ses Medi­um nicht. Heu­te hin­ge­gen ist jeder damit ver­traut und war schon im Kino. Das lässt ver­mu­ten, dass die­ses Phä­no­men ver­blasst ist. Doch nichts der­glei­chen: Durch spek­ta­ku­lä­re 3-D-Ani­ma­tio­nen und die Laut­stär­ke kommt der Film immer näher an den Zuschau­er her­an, zieht ihn mit­ten ins Gesche­hen, als einen agie­ren­den Teil, jemand der mit­ten in der Sze­ne steht und jemand der zurück­weicht, wenn eine Faust in die Kame­ra schnellt. Sie sind wäh­rend des Films mit auf der Büh­ne! Die­ser Zuschau­er baut aller­dings nicht gemein­sam mit ande­ren Akteu­ren eine Rol­le auf [1], son­dern spielt sie ganz allein. Wenn der Film endet, kommt es jedoch zur Inter­ak­ti­on mit ande­ren Kino­gän­gern. Im Kino gibt es also eine Platt­form für die Kom­mu­ni­ka­ti­on unter­ein­an­der. Alle Besu­cher haben den glei­chen Film gese­hen und ver­las­sen danach das Kino, wo auch immer es hin­geht. Es wird, ganz nach Luh­mann, der beob­ach­ten­de Beob­ach­ter beob­ach­tet [2], es wird ver­sucht Reak­tio­nen bei ande­ren abzu­le­sen und abzu­glei­chen mit sich selbst. Dar­um ver­hält es sich mit dem Film, den man im Kino sieht anders als mit dem Film, den man allein zu Hau­se sieht – das Beob­ach­ten fällt weg.

Im Kino: das Licht geht lang­sam an, die letz­te Sequenz wird abge­blen­det. Nun herrscht eine gewis­se Ruhe im gesam­ten Saal, kei­ner ver­mag so recht zu spre­chen — vor dem Film war von die­ser Wort­karg­heit nichts zu spü­ren. Nach dem James Bond fühlt man sich, als kön­ne man selbst auch die Welt ret­ten, beherrsch­te sämt­li­che Nah­kampf­tech­ni­ken und füh­re mit einem Motor­rad not­falls auch über bren­nen­den Asphalt. Die »Action« des Super­hel­den aus dem Film hat man noch eine Zeit lang im Blut, man hat das glei­che durch­lebt, wie 007. Das Gefühl hell­wach zu sein, für alles, was sich regt, emp­find­sam, nur man selbst fühlt so. Es wird zu einem per­sön­li­chen, eide­ti­schen Erleb­nis. 
Doch dies ist bloß ein Gefühl, was dadurch ent­steht, dass man die ande­ren Kino­be­su­cher nur »von außen« sieht, sie sehen ganz »nor­mal« aus, nicht wie Super­hel­den. Man selbst sieht sich nicht, son­dern fühlt nur, daher ist es mög­lich, James Bond zu sein. Dabei ver­gisst man wohl, dass man nicht nur beob­ach­ten­der Beob­ach­ter, son­dern auch beob­ach­te­ter Beob­ach­ter ist; allen ande­ren könn­te es genau­so gehen …

Jedoch, ein Bedürf­nis, mit ande­ren zu spre­chen, gibt es nicht. Man ist noch in sei­ner Rol­le. Doch nur solan­ge bis man auf der Toi­let­te sei­nem völ­lig unver­än­der­ten Spie­gel­bild gegen­über steht oder mit jeman­dem spricht. Dann näm­lich sind die fünf Minu­ten (Ver­län­ge­rung) Super­held vor­bei und die Rea­li­tät hat einen wie­der.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 7, Herbst 2015