Buchbesprechung

»Design ist politisch, weil …«

Friedrich von Borries über Design und Gesellschaft

Eine Rezension von Stefanie Schulz


Im Ver­gleich zu ande­ren Dis­zi­pli­nen gibt es in der Design­bran­che weni­ge wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen und theo­re­ti­sche Abhand­lun­gen. Fried­rich von Bor­ries, stu­dier­ter Archi­tekt, lehrt das noch jun­ge Fach Design­theo­rie an der Hoch­schu­le für bil­den­de Küns­te in Ham­burg. Er beschäf­tigt sich mit der Bezie­hung von Gestal­tung und gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lung. So erschien 2016 sein Buch »Welt­ent­wer­fen – Eine poli­ti­sche Designtheorie«.

Dar­in stellt von Bor­ries ein Bewer­tungs­ras­ter für Design unter poli­ti­schen Aspek­ten vor. Für ihn hat jedes Design heut­zu­ta­ge eine poli­ti­sche Aus­sa­ge: »Design ist poli­tisch, weil Design in die Beschaf­fen­heit der Welt ein­greift.« (S. 31) Bei der Bewer­tung von Design sei­en »poli­ti­sche und ethi­sche Kri­te­ri­en (…) lan­ge abge­lehnt« (S. 34) wor­den. Die­se The­sen könn­ten die Dring­lich­keit und Wich­tig­keit sei­nes Buches unter­mau­ern – aller­dings ist zu erwäh­nen, dass die poli­ti­sche Dimen­si­on von Design durch­aus von bei­spiels­wei­se Vic­tor Papanek, den er selbst zitiert (vgl. S.20), betrach­tet wur­de oder auch von Andre­as Koop.– Als wei­te­re Grund­la­ge teilt der Autor mit, dass sei­ne Theo­rie auf Gedan­ken der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten auf­baut. Im Lau­fe des Buches bezieht er sich daher auf Phi­lo­so­phen, Anthro­po­lo­gen oder Sozio­lo­gen wie Mar­tin Hei­deg­ger, Vilém Flus­ser, Arnold Geh­len, Gün­ther Anders, Gior­gio Agam­ben, Imma­nu­el Kant, Jean-Jac­ques Rous­se­au oder Peter Sloterdijk.

Zu Beginn defi­niert von Bor­ries den Begriff »Design« und stellt damit eine gemein­sa­me Basis her. Er ver­steht Design nicht nur als die Gestal­tung von Din­gen oder Gegen­stän­den, son­dern viel­mehr als das Ent­wer­fen von Pro­zes­sen, gesell­schaft­li­chen Sys­te­men und der Selbst­ge­stal­tung. Dabei lehnt er sich an einen bekann­ten Satz Imma­nu­el Kants an: »Ent­wer­fen ist der Aus­gang des Men­schen aus sei­ner Unter­wor­fen­heit.« (S. 15) Wei­ter­hin erklärt er: »Design kann damit als Aus­druck von Nor­men, aber auch von Ängs­ten und Hoff­nun­gen ver­stan­den wer­den.« (S. 18)

Aus die­ser weit gefass­ten und poli­ti­schen Betrach­tung von Design ent­wi­ckelt von Bor­ries vier Kate­go­rien: Über­le­bens­de­sign, Sicher­heits­de­sign, Gesell­schafts­de­sign und Selbst­de­sign. »Sie ste­hen gleich­be­rech­tigt neben­ein­an­der, tre­ten mit­ein­an­der in Bezie­hung, bau­en auf­ein­an­der auf, um sich schließ­lich inein­an­der auf­zu­lö­sen.« (S. 33 f.) Im Haupt­teil des Buches defi­niert er eben­die­se vier Kate­go­rien und zeigt anhand von aktu­el­len, inter­es­san­ten, gesell­schafts­re­le­van­ten Bei­spie­len auf, wie­so etwas als gut oder schlecht ver­stan­den wer­den kann. Gut bedeu­tet für ihn ent­wer­fen­des Design, das Frei­hei­ten und neue Mög­lich­kei­ten schafft. Schlecht bedeu­tet für ihn unter­wer­fen­des Design, das Zwän­ge kre­iert oder zu Macht­zwe­cken instru­men­ta­li­siert wird. »Ent­wer­fen­dem Design steht unter­wer­fen­des Design gegen­über. Die Gren­zen sind flie­ßend.« (S. 20) Genau die­se Wech­sel­be­zie­hung von Ent­wer­fen und Unter­wer­fen »bür­det Desi­gnern die Ver­pflich­tung auf, sich immer wie­der mit den Ver­wer­tungs­kon­tex­ten (…) ihrer Arbeit aus­ein­an­der­zu­set­zen.« (S. 21) Dar­aus folgt auch von Bor­ries‹ Appell, jeder Desi­gner müs­se sich selbst und sich inner­halb sei­ner Arbei­ten poli­tisch positionieren. 

Das Buch ist ange­nehm for­dernd zu lesen und erweist sich als gute Lek­tü­re für Gestal­ter, die Inter­es­se an poli­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Design-Fra­ge­stel­lun­gen haben. Fried­rich von Bor­ries hat sich umfas­send mit geis­tes­wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur aus­ein­an­der­ge­setzt und stellt span­nen­de, teils bekann­te Brü­cken zwi­schen Design und Poli­tik her. Sei­ne vier gesetz­ten Kate­go­rien ana­ly­siert er Schritt für Schritt und unter­sucht sie nach ent- und unter­wer­fen­den, also nach guten und schlech­ten Aspek­ten. Die Bei­spie­le umfas­sen dabei die Gestal­tung der Was­ser- und Nah­rungs­ver­tei­lung, die Debat­te um die Balan­ce von Frei­heit und Sicher­heit, Pro­ble­me, die sich aus Big Data erge­ben, oder die Fra­ge, wie man Frei­tod kate­go­ri­sie­ren könn­te. Da er selbst – kon­se­quen­ter­wei­se – poli­tisch Posi­ti­on ein­nimmt, baut sei­ne Theo­rie sehr auf sei­ner west­li­chen, libe­ra­len Sicht auf die Din­ge auf.

Schluss­end­lich fol­gert er, dass hin­ter jedem gestal­te­ten Gegen­stand und Pro­zess ein Stück Welt­ent­wer­fen steckt: »Im Anthro­po­zän ist die Welt gleich­zei­tig Gegen­stand und Ergeb­nis von Design.« (S. 119) Und nicht zuletzt lüf­tet er das Geheim­nis um die omi­nö­se Tür­klin­ke, die es auf das Buch­co­ver geschafft hat. Inwie­weit ist ihre Gestal­tung ein poli­ti­scher Ausdruck?


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 19 und 20, Frühjahr 2022