Mythen des Alltags

Die Autobahn

Frust der Freiheit

Von Charlotte Gagel


Nein, Hit­ler hat die Auto­bahn nicht erfun­den. Der Traum einer gro­ßen, brei­ten Stra­ße ohne Kreu­zun­gen und Ampeln exis­tier­te bereits in den 1920-Jah­ren.[1] Unge­ach­tet des­sen ris­sen die Natio­nal­so­zia­lis­ten die Auto­bahn an sich, pro­pa­gier­ten sie als Aus­druck von Macht, Stär­ke und Fort­schritt. Kurz: das Wirt­schafts­wun­der Auto­bahn. Dass die­ses »Wun­der« auf Zwangs­ar­beit von aus­ge­beu­te­ten Men­schen beruh­te, dass die­se Plä­ne schon vor­her fest­stan­den, dass Hit­ler selbst anfangs gegen die Auto­bahn war und sie als Spie­le­rei der Super­rei­chen bezeich­ne­te, wur­de unter den Tisch gekehrt. Wer gegen die schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen pro­tes­tier­te, den schick­te man zur »Umer­zie­hung« ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Sta­tis­ti­ken zur Stei­ge­rung der Arbeits­lo­sig­keit wur­den beschö­nigt, Bil­der der Bau­stel­len in allen Zei­tun­gen gefei­ert. Ein Spek­ta­kel der Lügen, ein Bei­spiel der Pro­pa­gan­da der Natio­nal­so­zia­lis­ten.[2]

Die Deut­schen und die Auto­bahn, das ist also eine gar nicht all­zu lan­ge Geschich­te. Den­noch ist die Asphalt-Ader eines der wich­tigs­ten natio­na­len Sym­bo­le, wenn über Deutsch­land gere­det wird. Bier, Okto­ber­fest, Autos … und die Auto­bahn. Täg­lich ver­bin­det sie Mil­lio­nen von Men­schen, bean­sprucht über 13200 Kilo­me­ter Stre­cke, ver­teilt in alle Him­mels­rich­tun­gen von Deutsch­land.[3] Für man­che ein Aus­druck von Frei­heit, für ande­re der pure Frust, wenn man mal wie­der zwei Stun­den still im Stau ste­hen muss. Für man­che ist es der Traum, das Gas­pe­dal kom­plett durch­zu­drü­cken, für ande­re bedeu­tet es Stress, Laut­stär­ke, Umwelt­ver­schmut­zung und Zer­stö­rung. Sel­ten gibt es ein The­ma, das so vie­le Dis­kus­sio­nen und lei­den­schaft­li­che Fans her­vor­ge­bracht hat – von einer eige­nen Action-Serie »Alarm für Cobra 11«, die seit 1996 auf RTL läuft,[4] bis zum Klas­si­ker der Musik­grup­pe »Kraft­werk«, die ihr Album »Auto­bahn« nann­te – inklu­si­ve gleich­na­mi­ger Sin­gle. Ein inter­na­tio­na­ler Erfolg.[5] Heu­te steht die Auto­bahn vor allem für Frei­heit und Mobi­li­tät. In der Hoff­nung, Staus und Ver­kehrs­chaos zu ver­rin­gern, wird das Netz wei­ter aus­ge­baut, auch wenn sich in der Ver­gan­gen­heit eines gezeigt hat: Wer Stra­ßen sät, wird Ver­kehr ern­ten.[6] In Deutsch­land gibt es weder Maut für Pkw noch ein Tem­po­li­mit – das ist im welt­wei­ten Ver­gleich durch­aus eine Sel­ten­heit. Mit Stolz weh­ren sich vie­le – ob in der Poli­tik oder pri­vat – gegen die Ein­füh­rung eines Tem­po­li­mits, obwohl zahl­rei­che Stu­di­en bele­gen, dass ein ver­rin­ger­tes Tem­po Unfäl­le und Staus redu­zie­ren und in punc­to Kli­ma­schutz hel­fen könn­te.[7] Lie­ber aber bret­tert man mit sei­nem SUV mit Tem­po 170 über den Asphalt und ruft dabei »Frei­heit!« als einen sau­be­ren Pla­ne­ten zu hinterlassen.

Aber was ist die Alter­na­ti­ve? Die deut­sche Bahn, deren Züge zu ver­mut­lich 50 Pro­zent zu spät kom­men oder gar aus­fal­len?[8] Oft wird als Alter­na­ti­ve das E-Auto genannt, aber auch das braucht eine Stra­ße, braucht Platz, Res­sour­cen und Geld.[9] Die Lösung kann nicht dar­in lie­gen, noch mehr Autos auf die Stra­ßen zu brin­gen.[10] Ver­bo­te und Ver­zich­te hören sich unse­xy an. Statt­des­sen muss Mobi­li­tät nach­hal­tig gedacht wer­den. Die Bedürf­nis­se der Pend­ler müs­sen wahr­ge­nom­men wer­den. Fle­xi­ble Home­of­fice-Optio­nen gehö­ren geför­dert und der Aus­bau des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs vor­an­ge­trie­ben. Car­sha­ring ist eine ernst­zu­neh­men­de Alter­na­ti­ve, muss den Men­schen aber schmack­haft gemacht wer­den. Für die Deut­schen und ihre Auto­bahn ist es an der Zeit, die Ver­kehrs­re­geln neu zu defi­nie­ren. Viel­leicht ist das der Moment, sich ein neu­es Sta­tus­sym­bol zu suchen, für das man in der Welt bekannt ist – eines, das zeit­ge­mäß ist und für das es sich wirk­lich lohnt, mit Stolz geradezustehen.

  1. [1] Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ver­kehr, Bau- und Woh­nungs­we­sen; Minis­te­ri­um für Wis­sen­schaft, Wirt­schaft und Ver­kehr des Lan­des Schles­wig-Hol­stein; Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern; Minis­te­ri­um für Infra­struk­tur und Raum­ord­nung des Lan­des Bran­den­burg; 2005. Neu­bau der Auto­bahn A20 Lübeck (A1)—Stettin (A11). Ver­füg­bar unter: https://www.deges.de/wp-content/uploads/2019/08/2005_A20_Dokumentation.pdf?type=original
  2. [2] http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_epoche/das-maerchen-von-der-autobahn-73113.html (Zugriff am 7.11.2024)
  3. [3] Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Digi­ta­les und Ver­kehr, 2021, Aus- und Neu­bau von Stra­ßen, 30.9.2021. https://bmdv.bund.de/SharedDocs/DE/Artikel/StB/aus-und-neubau-von-strassen.html (Zugriff am 7.11.2024)
  4. [4] https://www.rtl.de/cms/25-jahre-alarm-fuer-cobra-11-deutschlands-actionserie-feiert-geburtstag-4720433.html (Zugriff am 7.11.2024)
  5. [5] https://www.swr.de/swr1/rp/meilensteine/kraftwerk-autobahn-100.html (Zugriff am 12.12.2024)
  6. [6] Kun­ze, Con­rad, 2022. Deutsch­land als Auto­bahn. 1. Auf­la­ge, tran­script Ver­lag, Bie­le­feld. ISBN 9783837659436 
  7. [7] Fried­rich, Mar­kus; Bawi­da­mann, Jür­gen; Schmaus, Mat­thi­as, 2024. Model­lie­rung der Umwelt­wir­kung von Tem­po­li­mit-Maß­nah­men auf Auto­bah­nen und Außer­orts. Umwelt­bun­des­amt. ISSN 1862–480
  8. [8] https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/deutsche-bahn-puenktlichkeit-100.html (Zugriff am 7.11.2024)
  9. [9] Öko-Insti­tut, 2017: Stra­te­gien für die nach­hal­ti­ge Roh­stoff­ver­sor­gung der Elek­tro­mo­bi­li­tät. Syn­the­se­pa­pier zum Roh­stoff­be­darf für Bat­te­rien und Brennstoffzellen.Studie im Auf­trag von Ago­ra Verkehrswende. 
  10. [10] https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/mobilitaet/mobilitaet_a20_kosten_studie.pdf (Zugriff am 10.2.2025)