Mythen des Alltags

Die Büroklammer

Soldaten im Dienste der Ordnung

Von Sophia Haug


Seit Wochen seh­nen sie sich nach dem einen Tag. Der Tag der Ent­schei­dung. Es geht an die Front. Wel­chen Auf­trag wer­den wir bekom­men? Wo wird unser Ein­satz sein?

Hät­ten Büro­klam­mern einen Ver­stand, stell­ten sie sich wahr­schein­lich genau die­se Fra­gen. Doch Büro­klam­mern kön­nen nicht den­ken. Büro­klam­mern sind aus Metall. Doch eines ist sicher: Die Ein­satz­be­rei­che von Büro­klam­mern sind so unter­schied­lich wie die der Metal­le. Rei­he an Rei­he, Glied an Glied war­ten die klei­nen Sol­da­ten auf ihren Ein­satz.

Plötz­lich ist es soweit. Der Appell wur­de gespro­chen. Die Ent­schei­dung ist gefal­len. Kunst­stoff­be­schich­tet, ver­kup­fert, ver­mes­singt oder ver­zinkt wer­den sie in ihr Ein­satz­ge­biet geschickt. Ihr Auf­trag: Ord­nung schaf­fen und Hil­fe leis­ten. Die häu­figs­te Mis­si­on lau­tet: Papie­re zusam­men­hal­ten. Klam­mern sind bekannt für ihre Ver­bun­den­heit und ihren star­ken Zusam­men­halt.

Sind die klei­nen Hel­fer an ihrem Bestim­mungs­ort ange­kom­men, gibt es zwei Mög­lich­kei­ten, wie ihr Leben wei­ter ver­läuft. Ers­tens: Die Büro­klam­mer bleibt ein Leben lang an der­sel­ben Front. Das bedeu­tet ein Leben ohne Abwechs­lung, aber mit dem immer­wäh­ren­den Ziel, Ord­nung zu hal­ten. Zwei­tens: Die Klam­mer kehrt in die Hei­mat zurück. Dies kann aus zwei Grün­den gesche­hen. Ent­we­der der Sol­dat wur­de ver­wun­det oder der Sol­dat konn­te sei­nen Auf­trag erfolg­reich abschlie­ßen. Zurück in der Hei­mat, gibt es nur eines: war­ten auf den nächs­ten Ein­satz.

Beson­ders aus­ge­bil­de­te Büro­klam­mern bekom­men regel­mä­ßig einen Spe­zi­al­auf­trag als Super-Werk­zeu­ge. Die Eli­te­klam­mern wur­den spe­zi­ell dazu aus­ge­bil­det, Mini-Reset- und Not-Aus­wurf-Tas­ten zu drü­cken. Magne­ti­sche Eli­te­klam­mern, bekannt als Daten­kil­ler, wur­den häu­fig zur Zeit der Dis­ket­te zum Ein­satz geru­fen.

Wird die Klam­mer nach mona­te- oder jah­re­lan­gem Gehor­sam aus dem Dienst ent­las­sen, ist es noch lan­ge nicht vor­bei. Die Büro­klam­mer bekommt die höchs­te Aus­zeich­nung, die ihr je zuge­spro­chen wer­den kann: Sie wird zu Kunst ver­ar­bei­tet.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 2, Frühjahr 2013