Mythen des Alltags

Die dreikantige Wolfsmilch

Das schnelle Ende der Euphorbia

Von Evelyn Prochota


Da steht sie, im Wohn­zim­mer, nahe bei Licht und Wär­me, in einem über­di­men­sio­nal gro­ßen Topf. Sie füllt die Zim­mer­ecke kom­plett aus, stellt ihre benach­bar­ten Topf­pflan­zen pro­blem­los in den Schat­ten. Sie ist der Boss. Die drei­ecki­gen Trie­be, eigent­lich nur drei an der Zahl, stre­ben der hohen Decke des Alt­baus ent­ge­gen. Ihrem Wachs­tum sind kei­ne Gren­zen gesetzt. Hoch rei­chen die Fens­ter des Alt­baus hin­auf, schaf­fen die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen für den Ehr­geiz der soge­nann­ten drei­kan­ti­gen Wolfs­milch: Wei­ter, schnel­ler und hier beson­ders auch höher, das ist ihr Mot­to. Doch wie im mensch­li­chen Leben droht für sol­chen Hoch­mut der tie­fe Fall: Irgend­wann wird sie ster­ben. Ein­fach zusam­men­bre­chen. Ohne Vor­war­nung und ohne eine Mög­lich­keit, sie zu ret­ten.

Ihre mensch­li­chen Züge sind stell­ver­tre­tend für vie­le von uns: hager, ste­chend und gif­tig. Liegt es viel­leicht dar­an, dass sie sich allein gelas­sen und ein­ge­pfercht fühlt und dadurch den ihr ein­zig mög­li­chen Bewe­gungs­drang aus­lebt: sich zur Decke zu stre­cken? Braucht sie auch des­halb ab einer bestimm­ten Grö­ße Stüt­zen, die an die Geh­stö­cke eines alten Man­nes erin­nern?

Sie ent­wi­ckelt sich aus einem klei­nen Steck­ling, der mit viel Lie­be und Sorg­falt gepflegt wird, in der Hoff­nung, gut zu gedei­hen. Anfäng­lich ver­brei­tet die Pflan­ze Freu­de, Gemüt­lich­keit und Wär­me. Ein „grü­ner Dau­men“ ist eigent­lich nicht nötig, wenn genü­gend Wär­me und Licht vor­han­den sind. Wie ein Baby ist sie zu Beginn, but­ter­zart, die Sta­cheln sind noch weich, rosa­ro­te Blü­ten unter­strei­chen die noch vor­han­de­ne Unschuld. Erst spä­ter tritt der wah­re Cha­rak­ter her­vor: Wenn sie sticht, droht Gefahr durch den gif­ti­gen Saft. Ein unzu­gäng­li­ches Geschöpf: Die Sta­cheln ver­weh­ren jeg­li­chen Zugriff auf das Gewächs. In der Gärt­ne­rei wird gera­ten, es erst gar nicht auf dem Fens­ter­brett zu ver­su­chen, da der Wei­ter­trans­port in die Zim­mer­ecke sehr müh­sam und gefähr­lich sei. Die Pflan­ze ent­wi­ckelt eine Art Eigen­le­ben. Rühr‹ mich nicht an und ich tu‹ dir nichts, ist ihre Bot­schaft. Und auch trotz der viel­fäl­ti­gen Ver­zwei­gun­gen ver­liert sie ihre schlan­ke, auf­stre­ben­de Form nicht.

Die Ver­hol­zung am Boden, ihre knor­ri­gen Ver­wach­sun­gen deu­ten auf das Alter. Die Trie­be hin­ge­gen sind von hell­grü­ner Fri­sche, ver­brei­ten Leben. In ursprüng­lich lebens­feind­li­cher Natur wach­send hat die Wolfs­milch im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de Über­le­bens­me­cha­nis­men ent­wi­ckelt: Der­be Pflan­zen­haut, die Hit­ze abhält und im inne­ren Feuch­tig­keit spei­chert. Die Kan­ten sind mit spit­zen har­ten Sta­cheln ver­se­hen, um durs­ti­ge Tie­re abzu­hal­ten. Sie kann sich zur Wehr set­zen.

Ursprüng­lich behei­ma­tet in tro­pi­schen Gebie­ten Asi­ens und Afri­kas kann man sie auch in gemä­ßig­ten Brei­ten immer häu­fi­ger antref­fen. Dort ursprüng­lich als Hecken­pflan­ze ein­ge­setzt, ziert sie hier Wohn- und Bade­zim­mer. Der Schutz­me­cha­nis­mus wird durch den gif­ti­gen Milch­saft ver­stärkt, der ihr bei der Abgren­zung von Grund­stü­cken, der Abwehr von unge­be­te­nen Besu­chern hilft. Ihrer ursprüng­li­chen Hei­mat beraubt, sind ihre Blü­ten ver­küm­mert, nicht mehr bunt und fal­len als blatt­för­mi­ge bis zu zwei Zen­ti­me­ter lan­ge Struk­tu­ren auf. An der Außen­sei­te röt­lich gefärbt, an der Innen­sei­te dun­kel­grün. Fal­len sie ab, so blei­ben die Sta­cheln übrig. Bei art­ge­rech­ter Hal­tung (Tem­pe­ra­tur, Licht) kann sie bis zu drei Meter hoch wer­den. Die drei­kan­ti­ge Wolfs­milch wird oft mit einem Kak­tus ver­wech­selt. Zur Unter­schei­dung die­nen die Art und Form der Sta­cheln, die beim Kak­tus büschel­wei­se aus fil­zi­gen Pols­tern her­aus­ra­gen. Bei der Wolfs­milch sind nur die Kan­ten mit Sta­cheln besetzt.

Auf den ers­ten Blick scheint der Ver­gleich weit her­ge­holt, aber der Lebens­zy­klus der Wolfs­milch­pflan­ze ähnelt der einer Lawi­ne. Die­se wird grö­ßer — die Pflan­ze höher; die Schnee­wand bricht – die Pflan­ze eben­falls; die Lawi­ne rast zu Tal – die Pflan­ze fällt zu Boden. Ver­hin­dern kann man das alles nicht – nur in Deckung gehen.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 2, Frühjahr 2013