Mythen des Alltags

Die Routine

Wie Professionalität und Kreativität zusammenhängen

Von Bettina Schröm


Was sind wir doch alle krea­tiv. Stän­dig auf der Suche nach dem Neu­en, der Inno­va­ti­on oder zumin­dest nach dem Selbst und sei­ner Ver­wirk­li­chung. Die Wie­der­ho­lung hat im moder­nen Arbeits­markt der Indus­trie 4.0 kei­ne Kon­junk­tur. Dort ist die Rede vom lebens­lan­gen Ler­nen, von neu­en Her­aus­for­de­run­gen, von maxi­ma­ler Fle­xi­bi­li­tät und rasen­dem tech­ni­schen Fort­schritt. Rou­ti­ne? Lang­wei­lig. Erfah­rung? Nicht so wich­tig, es ändert sich angeb­lich ja sowie­so alles, und das stän­dig. Und was immer gleich ist, könn­te doch gleich von einer Maschi­ne über­nom­men wer­den. Ist das wirk­lich so?

Viel­leicht soll­ten die Anhän­ger der rasan­ten 4.0-Ideologien für einen kur­zen Moment in ihrem digi­ta­len Wett­lauf inne­hal­ten und einen Koch­kurs machen. Wer ein­mal einem Koch bei der Zube­rei­tung einer simp­len Gemü­se­sup­pe zuge­schaut hat, wird ver­ste­hen, dass man sehr vie­le Gemü­se­sup­pen im Leben gekocht haben muss, um in so kur­zer Zeit ein so wohl­schme­cken­des Gericht auf den Tisch zu brin­gen. Denn wäh­rend man selbst noch mit trä­nen­den Augen an der Zwie­bel säbelt, beschäf­tigt sich der Pro­fi gedank­lich bereits mit dem Nach­tisch.

Rou­ti­ne bedeu­tet zunächst ein­mal nichts ande­res, als dass ein Mensch etwas schon oft getan hat und es daher sehr gut kann. Eine beru­hi­gen­de Sache. Nie­mand möch­te sei­nen Wagen ger­ne in eine Werk­statt geben, in der die Mecha­ni­ker zum ers­ten Mal einen Motor­scha­den behe­ben. Nie­mand möch­te der ers­te Pati­ent eines Arz­tes sein. Auch in unse­rem eige­nen Berufs­le­ben schät­zen wir in der Regel Momen­te, in denen nicht die maxi­ma­le Krea­ti­vi­tät gefragt ist. Rou­ti­ne­tä­tig­kei­ten schen­ken Ruhe und Selbst­ver­trau­en. Sie bil­den erst die Basis dafür, krea­tiv zu sein. Oder um im Bild zu blei­ben: Wer zum ers­ten Mal eine Sup­pe kocht, ist froh, wenn es am Ende über­haupt etwas zu essen gibt. Der Koch hin­ge­gen kann ent­spannt dar­über nach­den­ken, das Gericht zu vari­ie­ren. Genau des­we­gen ist es auch über­haupt nicht gewinn­brin­gend, ein­fa­che Gemü­se­sup­pen von Robo­tern kochen zu las­sen, weil es dann irgend­wann kei­ne Köche mehr geben wird, die über­haupt Sup­pe kochen und auf die­ser Basis neue Gerich­te ent­wi­ckeln kön­nen.

Doch es soll ja nicht nur um Sup­pe gehen. Der Blick über den Tel­ler­rand bestä­tigt die Ver­mu­tung zumin­dest inso­fern, als die gro­ßen krea­ti­ven Köp­fe der Geschich­te eben nicht vom Him­mel gefal­len sind oder vor­aus­set­zungs­los von der Muse geküsst wur­den. Mozart war ein her­vor­ra­gen­der Musi­ker, Leo­nar­do da Vin­ci ein Uni­ver­sal­ge­lehr­ter, Bill Gates hat bereits in der ach­ten Klas­se sein ers­tes Com­pu­ter­pro­gramm geschrie­ben und auch Goe­thes ers­ter Text war nicht gleich der »Faust«. Alle­samt waren die gro­ßen Genies auch flei­ßi­ge Arbei­ter – und gro­ße Rou­ti­niers.

Ganz offen­bar hat Rou­ti­ne etwas mit Pro­fes­sio­na­li­tät zu tun und Pro­fes­sio­na­li­tät etwas mit Krea­ti­vi­tät. Die Vor­stel­lung, das eine ohne das ande­re zu bekom­men, ist Wunsch­den­ken derer, die die eiser­ne Dis­zi­plin, die Zeit und die Kos­ten scheu­en, die nötig sind, um vom Küchen­hel­fer zum Spit­zen­koch zu wer­den.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 10, Frühjahr 2017