Mythen des Alltags

Die Schokolade

Auch ein Aphrodisiakum muss entkleidet werden

Von Constanze Schneider


Kul­ti­viert liegt sie in ihrer gol­de­nen Hül­le auf dem Glas­tisch, ein­ge­schweißt und edel-glän­zend. Wer sie kos­ten möch­te, begibt sich auf eine Rei­se durch edles Mate­ri­al hin zum exqui­si­ten Kern.

Kein ande­res Lebens­mit­tel ist so mühe­voll ver­packt. Dem gol­de­nen Pfeil auf der Folie fol­gend, rollt sich die Lasche um die Scho­ko­la­de und knis­tert dabei herr­lich wie ein lodern­des Feu­er im Kamin. Die trans­pa­ren­te Umhül­lung raschelt beim Abstrei­fen durch einen leich­ten Sog. Schwer und ein­drucks­voll liegt die gan­ze Tafel Scho­ko­la­de in den Hän­den, die sie wen­den und nach der nächs­ten Öff­nung absu­chen. An eini­gen Stel­len erhebt sich die Form zu einem Reli­ef und deu­tet auf das Fabri­kat oder weist den Ein­gang. An einer Schlau­fe geht es wei­ter. Gleich­mä­ßig rat­ternd öff­net sich die Per­fo­ra­ti­on der Schach­tel und klappt sich auf. Umman­telt mit Per­ga­ment schmiegt sich ihr gehalt­vol­ler Kör­per pass­ge­nau in die Ver­pa­ckung. Wert­vol­ler Inhalt in einer Schmuck­scha­tul­le, doch gewiss nicht so halt­bar wie Dia­man­ten. Kaum traut man sich, die akku­ra­te Falt­kunst zu zer­stö­ren. Ent­klei­det gibt die Süßig­keit den Blick auf ihre Prä­gung preis und zeigt stolz, was sie wert ist. Die fili­gra­ne Gra­vur lässt an ein anti­kes Schnitz­werk den­ken und gemahnt an die tra­di­ti­ons­rei­che Her­kunft.

Ursprüng­lich ließ sich Scho­ko­la­de als bit­te­res und süßes cre­mi­ges Getränk genie­ßen. Ver­edelt und noch völ­lig unbe­rührt ist sie ein Genuss­stück der beson­de­ren Art. Vor­sicht, jetzt beim Anhe­ben, sie schmilzt in war­men Hän­den. Ent­hüllt liegt sie zwi­schen den Fin­gern, schwebt über ihrer Ver­pa­ckung. Das ele­gan­te Aro­ma erfüllt den Raum schon beim ers­ten Bre­chen des kakao­hal­ti­gen Blocks. Leicht uneben zeigt sich die Abbruch­stel­le und es blät­tern klei­ne Ras­peln her­un­ter. Der Genuss lässt nicht mehr lan­ge auf sich war­ten. Schon bevor der Mund die Scho­ko­la­de fühlt, lässt sich der Hauch von Kakao durch das Ein­at­men schme­cken. Auf der Zun­ge nun ent­fal­tet sie ihr gan­zes geschmack­li­ches Volu­men. In der woh­li­gen Wär­me des Mun­des wan­delt sich ihre ecki­ge Form in einen Zun­gen­schmeich­ler. Alle Geschmacks­knos­pen sau­gen und  durch­stö­bern die geschmei­di­ge Deli­ka­tes­se nach neu­en gusta­to­ri­schen Erfah­run­gen. Zart­schmel­zend liegt sie da – ver­gäng­lich.

Designt von Kopf bis Fuß bie­tet sie dem, der sich dar­auf ein­lässt, ein Lebens­ge­fühl.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 2, Frühjahr 2013