Filmbesprechung

»Die Zeit für Gerechtigkeit ist immer!«

»The Great Debaters« – ein Film über die Kraft der Argumente

Eine Rezension von Saskia Klingebiel


Mar­shall, Texas 1935. Am Wiley Col­le­ge grün­det Pro­fes­sor Mel­vin B. Tol­son, gespielt von Den­zel Washing­ton, einen Debat­tier­club, für den er vier Stu­den­ten aus­wählt. Zum Team gehö­ren: der bereits debat­tier-erfah­re­ne Hamil­ton Bur­gess (Jer­main Wil­liams), der erst 14-Jäh­ri­ge Pas­to­ren­sohn James Far­mer Juni­or (Den­zel Whita­ker), Drauf­gän­ger Hen­ry Lowe (Nate Par­ker) sowie die ers­te Frau auf die­sem Gebiet, Saman­tha Boo­ke. Sie alle ver­bin­det ihre schwar­ze Haut­far­be und ihre Lei­den­schaft für Wor­te. Unter der Regie von Tol­son schaf­fen es die vier, meh­re­re Debat­tier­wett­be­wer­be gegen ande­re far­bi­ge Col­le­ge­teams zu gewin­nen. Als sie schließ­lich gegen das ers­te wei­ße Debat­tier­team antre­ten sol­len, scheint alles mög­lich.

Doch das Dop­pel­le­ben ihres Pro­fes­sors soll der Grup­pe zum Ver­häng­nis wer­den. Tol­son enga­giert sich gegen die Ras­sen­tren­nung und vor allem gegen den Ras­sen­hass. Die­se poli­ti­schen Umtrie­be brin­gen nicht nur ihn, son­dern auch sein Debat­tier­team in Gefahr. Bur­gess ver­lässt auf­grund Tol­sons poli­ti­scher Ansich­ten die Grup­pe. Auch die Staats­macht bedrängt ihn zuse­hends. Als er fest­ge­nom­men wird, hal­ten er und die drei übri­gen Stu­den­ten zwar zusam­men, doch von die­sem Moment an hagelt es Duel­l­ab­sa­gen von zahl­rei­chen Wett­be­wer­bern. Trotz­dem geben sie nicht auf. Nicht umsonst meint Tol­son: »Debat­tie­ren ist ein kno­chen­har­ter Sport, ein Wett­kampf.« [1] Die Stu­den­ten stei­gern sich von Wett­be­werb zu Wett­be­werb und set­zen ihre Argu­men­te immer geziel­ter ein. Schließ­lich kommt es zum fina­len Duell: Wiley Col­le­ge gegen Har­vard.

Den­zel Washing­ton spiel­te nicht nur eine der Haupt­rol­len, son­dern führ­te bei dem US-ame­ri­ka­ni­schen Film­dra­ma »The Gre­at Deba­ters – Die Macht der Wor­te« aus dem Jahr 2007 auch Regie. Das Dreh­buch schrieb Robert Eisele. Es beruht auf einer wah­ren Bege­ben­heit. Die bei­den erzäh­len die Geschich­te vor allem aus der Per­spek­ti­ve des Jüngs­ten, James Far­mer Juni­or. Durch ihn erlebt der Zuschau­er Höhe­punk­te und Tief­schlä­ge. Eine gewis­se Distanz bleibt jedoch und ver­hin­dert, dass der Film zu pathe­tisch wird. Denn es geht um nicht weni­ger als die gro­ßen The­men Mensch­lich­keit und Gerech­tig­keit.

Die »Sto­ry« ist durch­aus mit einem Sport­dra­ma um den unaus­weich­li­chen Auf­stieg eines Under­dog­teams zu ver­glei­chen. Die Prot­ago­nis­ten müs­sen Ras­sen­vor­ur­tei­le über­win­den und ihren Glau­ben an sich und das Team ent­wi­ckeln und stär­ken. Dabei wird deut­lich, dass ein­drucks­vol­le Zie­le kla­re Bot­schaf­ten brau­chen. Das Wiley-Team darf bei­spiels­wei­se immer die poli­tisch kor­rek­ten Argu­men­ta­tio­nen aus­füh­ren (zivi­ler Unge­hor­sam, Segre­ga­ti­on an Bil­dungs­ein­rich­tun­gen). Trotz­dem ver­sinkt Den­zel Washing­ton nicht in Kli­schees, son­dern plä­diert ein­drucks­voll für Gerech­tig­keit, Gleich­heit, Mensch­lich­keit und Bil­dung. Zu Beginn des Films lässt er den Geist­li­chen Dr. James Far­mer die­se Hal­tung zusam­men­fas­sen: »Ich glau­be, wir haben in die­sem Land ein gro­ßes Pri­vi­leg, denn wir haben die wich­tigs­te Auf­ga­be in Ame­ri­ka: die Bil­dung unse­rer Jugend. […] Bil­dung ist der ein­zi­ge Weg. Der ein­zi­ge Weg aus der Unwis­sen­heit […].« [2] Musi­ka­lisch unter­legt wird die Hand­lung mit atmo­sphä­ri­schem Blues, Jazz und Gos­pel. Auch akus­tisch bleibt der Film also in sei­ner Zeit.

Abge­se­hen von den erwähn­ten Klei­nig­kei­ten, hat es die­se mit­rei­ßen­de und glaub­wür­di­ge Geschichts­ver­ar­bei­tung der Ras­sen­tren­nung und -dis­kri­mi­nie­rung in den USA ver­dient, welt­weit in den Kinos gezeigt zu wer­den. Wer hier­zu­lan­de mit­fie­bern möch­te, kann sich den Film aller­dings nur auf DVD und Blu-Ray anse­hen.

Abschlie­ßend lässt sich die Bot­schaft des Fil­mes am bes­ten durch ein Zitat von Saman­tha Boo­ke zusam­men­fas­sen: »[…] [M]ein Kon­tra­hent sagt, heu­te ist noch nicht der Tag für Wei­ße und Far­bi­ge auf’s glei­che Col­le­ge zu gehen, den glei­chen Cam­pus zu tei­len, im sel­ben Klas­sen­zim­mer zu sit­zen. Wür­den Sie mir freund­li­cher­wei­se mit­tei­len wann die­ser Tag kom­men wird? Kommt er schon mor­gen? Oder erst nächs­te Woche? In 100 Jah­ren? Nie?! Nein, die Zeit für Gerech­tig­keit, die Zeit für Frei­heit und die Zeit für Gleich­heit ist immer! Ist immer, genau jetzt!« [3]


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 10, Frühjahr 2017