Buchbesprechungen

»Du wirst hier rauskommen – frei!«

Tief bewegend: Art Spiegelmans Graphic Novel »Maus«

Eine Rezension von Anke Westphal


Wie erin­nert man an eine Ver­gan­gen­heit, die kaum zu begrei­fen ist? »Maus« von Art Spie­gel­mann ist eine bio­gra­fi­sche und his­to­ri­sche Gra­phic Novel, die den Holo­caust aus der Per­spek­ti­ve des Über­le­ben­den Vla­dek Spie­gel­man, der Vaters des Autors, erzählt. Gleich­zei­tig doku­men­tiert die Gra­phic Novel die belas­te­te Bezie­hung zwi­schen Art und sei­nem Vater.

Die Geschich­te wech­selt zwi­schen zwei Zeit­ebe­nen: den Erleb­nis­sen Vla­deks wäh­rend des Holo­causts und den Gesprä­chen zwi­schen Vater und Sohn in den 1980er-Jah­ren, in denen Art Spie­gel­mann ver­sucht, die Erin­ne­run­gen sei­nes Vaters fest­zu­hal­ten. Die­se Struk­tur ermög­licht es dem Leser, auf 293 Sei­ten von den düs­te­ren Berich­ten der Ver­gan­gen­heit hin zu den oft schwie­ri­gen, von Kon­flik­ten gepräg­ten Inter­ak­tio­nen in der Gegen­wart zu wech­seln. Dies inten­si­viert den Zugang zur Geschich­te, zeigt aber auch gleich­zei­tig die gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­den Aus­wir­kun­gen des Holocaust.

Spie­gel­man nutzt dabei einen beson­de­ren Stil: Die Juden wer­den als Mäu­se, die Nazis als Kat­zen und die Polen als Schwei­ne dar­ge­stellt. Die­se Tier­me­ta­pher ver­leiht der Erzäh­lung eine zusätz­li­che sym­bo­li­sche Ebe­ne, die die The­men von Ver­fol­gung und Macht anschau­lich ver­deut­licht. Spie­gel­mann sagt selbst über die Wahl der Dar­stel­lung als Mäu­se, dass dies für ihn gut zum Bild der Nazis von den Juden als Unge­zie­fer, pas­se.[1] Die Illus­tra­tio­nen in Schwarz-Weiß ohne Schat­tie­run­gen unter­strei­chen die düs­te­re Atmo­sphä­re und len­ken den Fokus auf die Inhalte.

Vla­deks Bericht beginnt in Polen, wo er ein erfolg­rei­cher Geschäfts­mann war, bevor die Nazis ein­mar­schier­ten. Vla­dek erzählt von den zuneh­men­den Ein­schrän­kun­gen, der Flucht und den Ver­ste­cken, bis er schließ­lich mit sei­ner Frau Anja nach Ausch­witz depor­tiert wird. Trotz unvor­stell­ba­rer Qua­len über­lebt Vla­dek das Konzentrationslager.

Ein wesent­li­ches The­ma von »Maus« ist die gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­de Wir­kung des Holo­causts. Vla­dek ist nicht nur durch sei­ne trau­ma­ti­schen Erleb­nis­se geprägt, son­dern auch durch den Ver­lust sei­ner Frau Anja, die den Holo­caust über­leb­te, sich jedoch spä­ter das Leben nahm. Dies hat nicht nur Vla­dek, son­dern auch sei­nen Sohn Art tief geprägt (S. 100—105). Art kämpft sein Leben lang mit Schuld- und Verantwortungsgefühlen.

Eine Sze­ne, die beson­ders in Erin­ne­rung bleibt, zeigt Art nach einem anstren­gen­den Tag mit sei­nem Vater. Wäh­rend Art auf der Ter­ras­se sitzt, ver­treibt er Mücken mit Insek­ten­spray und kom­men­tiert dies mit »läs­ti­ges Vieh­zeug«. Die­se Bemer­kung steht kurz nach einer Schil­de­rung der Grau­sam­kei­ten in den Gas­kam­mern und zeigt sub­til die Par­al­le­len von Ent­mensch­li­chung und Gewalt (S. 232).

Bewe­gend ist außer­dem, wie die Geschich­te die Bezie­hung zwi­schen Art und Vla­dek beleuch­tet. Die Gesprä­che der bei­den spie­geln nicht nur die Unter­schie­de ihrer Gene­ra­tio­nen wider, son­dern auch, wie schwer es für Nach­ge­bo­re­ne sein kann, die Last der Ver­gan­gen­heit zu tra­gen. Art ist einer­seits Chro­nist der Geschich­te, ande­rer­seits selbst Betrof­fe­ner, der unter der Schwe­re der Erzäh­lung und der schwie­ri­gen Bezie­hung zu sei­nem Vater lei­det. Dabei zeigt das Buch ein­drucks­voll, wie der Holo­caust nicht nur die Über­le­ben­den, son­dern auch die nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen geprägt hat.

Ver­öf­fent­licht wur­de »Maus« 1989, in einer Zeit, in der das Bewusst­sein für den Holo­caust wuchs, aber die gesell­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung damit noch nicht so umfas­send war wie heu­te. Die Gra­phic Novel wur­de viel­fach aus­ge­zeich­net, dar­un­ter 1992 mit dem Pulit­zer-Preis, als ers­te Gra­phic Novel über­haupt.[2] Die inno­va­ti­ve Ver­bin­dung von his­to­ri­scher Rea­li­tät, per­sön­li­cher Erzäh­lung und gra­fi­scher Kunst macht das Werk zu einem Mei­len­stein der Lite­ra­tur und der Holo­caust-Auf­ar­bei­tung. Der Kon­stan­zer Illus­tra­tor und Pro­fes­sor Thi­lo Roth­acker bringt es tref­fend auf den Punkt: »Da die­se Kata­stro­phen sich unse­rem Ver­stand ent­zie­hen, ist solch eine Art der Annä­he­rung ein gutes Mittel.«

Das Buch »Maus« hat eine tief­grei­fen­de Wir­kung und hin­ter­lässt einen nach­hal­ti­gen Ein­druck. Die unvor­stell­ba­ren Gräu­el­ta­ten der Nazis wer­den durch die Dar­stel­lung in die­sem Werk auf eine Wei­se spür­bar, die nur weni­gen ande­ren Büchern oder Fil­men gelingt. Die per­sön­li­che Per­spek­ti­ve ver­leiht dem Buch den Cha­rak­ter eines wert­vol­len Zeit­zeu­gen­do­ku­ments, des­sen Rele­vanz heu­te eben­so groß ist wie vor 40 Jah­ren und zeigt ein­drück­lich, wie Kunst das Unbe­greif­li­che ver­mit­teln und zugäng­lich machen kann.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 26 und 27, Frühjahr 2026