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Dürfen die das?

Normative Fragen an »VroniPlag Wiki«

Von Denis Basak


Die Arbeits­wei­se auf Vro­ni­Plag Wiki wirft eine Rei­he nor­ma­ti­ver Fra­gen auf, an denen sich in wis­sen­schaft­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen wie in der Tages­pres­se immer wie­der Dis­kus­sio­nen ent­zün­den. Der fol­gen­de Text nimmt Stel­lung zu Fra­gen nach den Rech­ten der »Opfer«, nach der Legi­ti­ma­ti­on der Pla­gi­ats­su­cher und nach den Regeln, nach denen auf bei­spiels­wei­se Vro­ni­Plag Wiki Text­über­ein­stim­mun­gen als Pla­gia­te gekenn­zeich­net wer­den.

Ein­lei­tung

Wäh­rend der 2011 auf­kom­men­den Dis­kus­sio­nen um die Pla­gia­te in der Dis­ser­ta­ti­on des dama­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters zu Gut­ten­berg bil­de­te sich auf einer Wiki-Platt­form ein Forum, dass zunächst die­se Arbeit als in jeder Hin­sicht offe­nes Pro­jekt gründ­lich auf Pla­gia­te unter­such­te und letzt­lich auf eine Quo­te von 94,4 % der Sei­ten der Arbeit kam, die Text­über­nah­men ent­hiel­ten, die nicht den wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards ent­spre­chend als sol­che aus­ge­wie­sen waren.[1] Die damals ange­fan­ge­ne gemein­sa­me Arbeit setz­ten eini­ge der Betei­lig­ten fort auf der nach Vero­ni­ca Saß, der Toch­ter von Edmund Stoi­ber, benann­ten Platt­form Vro­ni­Plag Wiki[2], die bis heu­te unaus­ge­wie­se­ne Fremd­text­über­nah­men in 172 wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten aus prak­tisch allen Fach­rich­tun­gen doku­men­tiert hat (Stand: 7.6.2016). Obwohl nur ein klei­ner Teil die­ser doku­men­tier­ten Fäl­le Autoren[3] betraf, die als Poli­ti­ker oder in ande­rer Funk­ti­on in der Öffent­lich­keit stan­den, führ­te das immense Medi­en­echo auf die­se Fäl­le und der Drang zur Ver­tei­di­gung popu­lä­rer Funk­ti­ons­trä­ger dazu, dass die Arbeit von Vro­ni­Plag Wiki sowohl in der Tages­pres­se als auch in Fach­ver­öf­fent­li­chun­gen auf ver­schie­dens­te Arten in Fra­ge gestellt und die dort Betei­lig­ten in immer neu­en Varia­tio­nen her­ab­ge­wür­digt wur­den, ger­ne auch von Autoren, wel­che die Web­site von Vro­ni­Plag Wiki augen­schein­lich noch nie auf­ge­ru­fen hat­ten.[4] Der vor­lie­gen­de Text will zu eini­gen nor­ma­ti­ven Punk­ten Stel­lung neh­men, die in den ver­gan­ge­nen Pla­gi­ats­de­bat­ten immer wie­der ein­mal auf­ka­men. Die­se wer­den in drei Haupt­ka­te­go­ri­en gebün­delt: Fra­gen zu den Rech­ten derer, deren Arbei­ten unter vol­ler Anga­be von Autoren­na­me und Titel der Arbeit auf einer sol­chen Platt­form mit dem Vor­wurf des Pla­gi­ats in Zusam­men­hang gebracht wer­den (dür­fen?), Fra­gen rund um die Betei­lig­ten und ihre Legi­ti­ma­ti­on (die?), und Fra­gen zu den Regeln, nach denen eine sol­che Zuschrei­bung über­haupt vor­ge­nom­men wird (das?). Eigent­lich sind die­se Punk­te alle weder neu noch beson­ders ori­gi­nell. Da sie aber immer wie­der mit nur klei­nen Varia­tio­nen in die Debat­te ein­ge­bracht wer­den, besteht auch immer wie­der Anlass dazu, sich mit ihnen aus­ein­an­der zu set­zen.

1 »Dür­fen?« Die Rech­te der Betrof­fe­nen

Eine Per­spek­ti­ve der Kri­tik an Vro­ni­Plag Wiki und ähn­li­chen Pro­jek­ten stellt auf die Rech­te derer ab, in deren wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten nicht pla­gi­ier­te Text­stel­len doku­men­tiert wer­den. Hier ist ger­ne die Rede von einem »Inter­net­pran­ger«, gegen den sich die Betrof­fe­nen nicht weh­ren könn­ten. Die­se wür­den in ihrer Ehre her­ab­ge­setzt, in ihren Per­sön­lich­keits­rech­ten ver­letzt.[5] Der Straf­recht­ler denkt dabei sofort an die Belei­di­gungs­tat­be­stän­de der §§ 185 ff. StGB. Bei die­sen wird zwi­schen Wert­ur­tei­len und Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen unter­schie­den – letz­te­re sind unab­hän­gig von poten­ti­el­len Ehr­ein­bu­ßen dann nicht straf­recht­lich rele­vant, wenn sie erweis­lich wahr sind, wie es § 186 StGB for­mu­liert. Vro­ni­Plag Wiki besteht ganz über­wie­gend aus der Doku­men­ta­ti­on von Text­über­ein­stim­mun­gen, die zei­len­ge­nau nach­voll­zo­gen wer­den kön­nen und die nach dem Vier­au­gen­prin­zip von min­des­tens zwei Betei­lig­ten dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob die Wie­der­ga­be den Vor­bil­dern exakt ent­spricht. Es geht also um die Dar­stel­lung von Tat­sa­chen, und deren Wahr­heits­ge­halt stellt letzt­lich nie­mand in Fra­ge. Zu die­sen Tat­sa­chen zäh­len auch die voll­stän­di­gen biblio­gra­fi­schen Anga­ben der unter­such­ten Arbeit (die ja ohne­hin öffent­lich zugäng­lich sind).[6] Über die­se hin­aus gibt es zudem gute Grün­de, auch die Gut­ach­ter zu benen­nen (deren Namen eben­falls öffent­lich zugäng­lich recher­chier­bar sind), vor allem wenn meh­re­re Arbei­ten der­sel­ben Gut­ach­ter betrof­fen sind, so dass aus der Zusam­men­schau der Arbei­ten auch Rück­schlüs­se auf Defi­zi­te bei der Betreu­ung und wis­sen­schaft­li­chen Anlei­tung der Dok­to­ran­den mög­lich wer­den.[7]

Sekun­där wird aus die­sen doku­men­tier­ten Tat­sa­chen die Fol­ge­rung abge­lei­tet, die Arbeit ent­hal­te Pla­gia­te in einem Umfang, der sie als Bei­trag zur Wis­sen­schaft zumin­dest in Fra­ge stellt. Die­se Fol­ge­rung beinhal­tet auch einen wer­ten­den Anteil[8], was sich schon dar­an zeigt, dass aus den doku­men­tier­ten Fak­ten an ver­schie­de­nen Hoch­schu­len auch prak­tisch sehr unter­schied­li­che Kon­se­quen­zen gezo­gen wer­den.[9] Aber die­se Wer­tung erfolgt nach einem an vie­len Stel­len nie­der­ge­leg­ten Regel­werk[10], ist also ein zwar auch nor­ma­ti­ver, aber nicht unbe­grün­de­ter Schluss.[11] Unter­schied­li­che Fol­ge­run­gen aus den Fak­ten deu­ten hier eher auf Unter­schie­de im Regel­ver­ständ­nis und sind damit ein legi­ti­mer Anknüp­fungs­punkt für wis­sen­schafts­in­ter­ne Debat­ten zu den Regeln und ihrer Aus­le­gung.[12]

Dies erkennt das deut­sche Straf­recht auch aus­drück­lich an, das in § 193 StGB ins­be­son­de­re tadeln­de Urtei­le über wis­sen­schaft­li­che Leis­tun­gen als sol­che von einer Straf­bar­keit wegen Belei­di­gung aus­nimmt (wenn es sich nicht um soge­nann­te For­mal­be­lei­di­gun­gen han­delt, die auf Vro­ni­Plag Wiki soweit ersicht­lich nicht vor­kom­men). Die­se Bewer­tung ist eben­so rich­tig wie auf ande­re Bewer­tungs­ebe­nen als das Straf­recht über­trag­bar: Wis­sen­schaft muss Kri­tik an ihren Ergeb­nis­sen in jeder Facet­te aus­hal­ten, am For­schungs­an­satz eben­so wie an den Arbeits­me­tho­den, denn nur durch sol­che Kri­tik kann die Qua­li­tät der Ergeb­nis­se sicher­ge­stellt wer­den.

  1. [1] http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki (Stand: 7.6.2016).
  2. [2] http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Home (Stand: 7.6.2016).
  3. [3] Die Ver­wen­dung des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums erfolgt in die­sem Text allein aus Grün­den der Les­bar­keit. Ange­spro­chen und gemeint sind damit grund­sätz­lich immer alle Men­schen, gleich wel­chen bio­lo­gi­schen oder sozia­len Geschlechts.
  4. [4] v. Münch, Ingo; Man­kow­ski, Peter: Pro­mo­ti­on. Tübin­gen 2013(4). S. 190 ff.; Wein­gart, Peter: Nun auch: Skan­da­li­sie­rung in der Wis­sen­schaft. In: Gegen­wor­te, Heft 292013, S. 79 (80 f.); sie­he auch Brügg­mann, Mathi­as; Bran­den­burg, Gero: Chat­zimarka­kis am Pla­gi­ats-Pran­ger. In: Han­dels­blatt vom 20.6.2011, http://t1p.de/Brueggmann-Brandenburg-Handelsblatt-20110620 (Stand: 7.6.2016), oder Heid­böh­mer, Cars­ten: Das Jahr des Schwarms. In: stern.de vom 13.12.2011, http://t1p.de/Heidboehmer-stern-20111213 (Stand: 7.6.2016); sehr aus­drück­lich Plin­ge, Wal­ter: Vro­ni­Plag Wiki: Ret­ter der Wis­sen­schaft oder poli­ti­sche Stim­mungs­ma­cher?. In: Page­wizz vom 8.7.2011, http://t1p.de/Plinge-Pagewizz-20110708 (Stand: 7.6.2016).
  5. [5] Sie­he etwa Holz­hau­er, Ste­fan: Recht­lich bedenk­lich: Der Pla­gi­ats­pran­ger auf Face­book. In: phantanews.de vom 16.2.2016, http://t1p.de/Holzhauer-Phantanews-20160216 (Stand: 7.6.2016).
  6. [6] In der Regel zumin­dest über die Deut­sche Natio­nal­bi­blio­thek, http://www.dnb.de, (Stand: 7.6.2016).
  7. [7] Viru­lent wur­de dies im ver­gan­ge­nen Jahr in Müns­ter, wo ein Dok­tor­va­ter meh­re­rer pla­gi­ats­be­trof­fe­ner Dis­ser­ta­tio­nen sank­tio­niert wur­de, sie­he Zafar, Hei­ke: Uni kün­digt Kon­se­quen­zen für Dok­tor­va­ter an. In: deutschlandfunk.de vom 22.10.2015, http://t1p.de/Zafar-DLF-20151022 (Stand: 7.6.2015).
  8. [8] Wes­we­gen das Land­ge­richt Ham­burg, Zeit­schrift für Urhe­ber- und Medi­en­recht 2011, S. 679 (682), auch aus­führt: »Der Vor­wurf der zit­at­lo­sen Über­nah­me von Gedan­ken ist – gera­de im wis­sen­schaft­li­chen Bereich – in hohem Maße geeig­net, das Anse­hen und die Repu­ta­ti­on des Betrof­fe­nen zu schä­di­gen. Der Vor­wurf ist in hohem Maße ehren­rüh­rig. Ein Betrof­fe­ner muss aber einen sol­chen Vor­wurf nur hin­neh­men, wenn es auch hin­rei­chen­de tat­säch­li­che Anknüp­fungs­punk­te hier­für gibt, andern­falls könn­te der Vor­wurf der zit­at­lo­sen Über­nah­me von Grund­ge­dan­ken (der letzt­lich nichts ande­res ist als der Vor­wurf des Pla­gi­ats) belie­big ohne jede Begrün­dung gegen jeden erho­ben wer­den, der wis­sen­schaft­lich publi­ziert.«
  9. [9] Sie­he dazu etwa Basak, Denis; Reiß, Marc; Schim­mel, Roland: Wis­sen­schaft­lich­keit der Rechts­wis­sen­schaft? Über­le­gun­gen zum Umgang mit Pla­gia­ten in rechts­wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen und Prü­fungs­ar­bei­ten. In: Rechts­wis­sen­schaft 2014, S. 277 (285 ff. und 298 ff.).
  10. [10] Sie­he dazu Basak, Denis; Gußen, Lars; Köchel, Manu­el; Reiß, Marc; Schim­mel, Roland; Schli­wa, Cris­ti­ne: Wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten (Pla­gia­te) als Pro­blem der Hoch­schul­leh­re für ange­hen­de Juris­tin­nen und Juris­ten. In: Zeit­schrift für Didak­tik der Rechts­wis­sen­schaft 2015, S. 263 (265, Fn. 10), mit einer umfang­rei­chen Lis­te ver­schie­de­ner Regel­wer­ke zu guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis im aka­de­mi­schen Betrieb in Deutsch­land.
  11. [11] So auch das Land­ge­richt Frank­furt am Main, Urteil vom 5.12.2013, Az. 2-03 O 2613, Par. 43 ff.
  12. [12] Als Bei­spiel für eine dis­zi­pli­nä­re Dis­kus­si­on sol­cher Fra­gen mag das Wiki »Wie zitie­ren Juris­ten?« die­nen: http://de.wzj.wikia.com/wiki/Wie_zitieren_Juristen (Stand: 7.6.2016).