Nachruf

Ein Gestalter – in allem

Zum Tod von Vilim Vasata

Von Volker Friedrich


In einem unse­rer letz­ten Tele­fo­na­te, eini­ge Tage zuvor war das Atten­tat auf die Redak­ti­on von »Char­lie Heb­do« ver­übt wor­den, waren wir uns einig: Die Welt gerät aus den Fugen, und wir wer­den uns nur weh­ren kön­nen gegen den Irr­sinn, gegen die Fein­de der Ver­nunft und der offe­nen Gesell­schaft, wenn wir bereit sind, Zusam­men­hän­ge zu ver­ste­hen. Und, das hob Vilim Vasa­ta her­vor, das gel­te auch für sei­nen Berufstand, für die Gestal­ter, das müss­ten die Stu­di­en, die Pro­fes­so­ren berück­sich­ti­gen und leben, es gehe nach wie vor um den gebil­de­ten Men­schen, den auf­ge­klär­ten, dem müss­ten sich auch die Desi­gner stel­len.

Das Gespräch hall­te lan­ge in mir nach, tut es bis heu­te. Denn ich ahne, dass die­se Idee vom gebil­de­ten Gestal­ter, so rich­tig sie ist, kaum mehr eine Rol­le spielt. Mei­ne Genera­ti­on – kann sie von sich behaup­ten, die­ser Idee gerecht zu wer­den, sie zu leben, vor­zu­le­ben, wei­ter­zu­ge­ben? So einer wie er, der leb­te das, durch und durch. Den konn­te nie­mand im Ver­dacht haben, ein Ober­flä­chen­po­lie­rer zu sein, der nicht unter die Ober­flä­che zu schau­en wüss­te.

Als Freun­de und ich, jung, Mit­te 20, das ers­te Mal bei ihm prä­sen­tier­ten, ein neu­es Repor­ta­ge­ma­ga­zin, für das wir Unter­stüt­zer such­ten, da flo­gen die Bezü­ge nur so durch den Raum, nicht nur auf die aktu­el­le und inter­na­tio­na­le Maga­zin­sze­ne, son­dern quer durch die Geis­tes­ge­schich­te. Erst viel spä­ter wur­de mir klar, wie viel die loben­den Wor­te bedeu­te­ten, die wir, dosiert, zu hören beka­men, und wie unbe­stech­lich das Urteil war zu dem Teil, der uns nicht gelun­gen war: »von des Gedan­kens Bläs­se ange­krän­kelt«, lei­se vor­ge­tra­gen, unan­fecht­bar – es scha­det nicht bei der Urteils­fin­dung, Shake­speare gele­sen zu haben.

»Krea­ti­vi­tät ist die Über­win­dung der Gleich­gül­tig­keit.« Das sag­te er 2009 in einer Rede vor jun­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gnern (nach­zu­le­sen hier: festrede_prof_vilim_vasata), frisch geba­cke­ne Bache­lor und Mas­ter of Arts. Ohne eine Hal­tung ist die­ser Beruf nicht zu stem­men, jeden­falls nicht so, das irgend­et­was blei­ben könn­te von einem ohne­hin flüch­ti­gen Gewer­be in einer so schnell­le­bi­gen Welt.

Meri­ten sam­mel­te er in die­sem Gewer­be wie kaum ein zwei­ter, eine Kar­rie­re, die ihn inter­na­tio­nal zu einem der füh­ren­den Desi­gner und Agen­tur­ch­efs wer­den ließ. Aus der mit Jür­gen Scholz und Gün­ther Gah­ren gegrün­de­ten Agen­tur »Team« wur­de BBDO, er war in Deutsch­land als Krea­tiv­chef ihr Motor des Erfolgs eben­so wie im Vor­stand des welt­wei­ten Netz­wer­kes. Und er schuf in der Wer­bung und Mar­ken­füh­rung so eini­ges, was lan­ge blieb, womög­lich noch lan­ge im Gedächt­nis bleibt: Er ließ den »Audi quat­tro« die Ski­schan­ze hin­auf­fah­ren, nann­te das »Vor­sprung durch Tech­nik«, wuss­te den Rat »Man neh­me Dr. Oet­ker«, ließ vie­le »mei­len­weit für eine Camel« gehen, erfand den »Kra­wat­ten­muf­fel« und gab unse­rer »Zukunft ein Zuhau­se«. Er schrieb, auch das in eige­nem Ton, meh­re­re Bücher, dar­un­ter sei­ne »per­sön­li­chen Geschich­ten aus einem erstaun­li­chen Gewer­be«, die er 2010 »Gauk­ler, Gam­bler und Gestal­ter« beti­tel­te. Der Band dürf­te jedem, der sich für Zusam­men­hän­ge, Hin­ter­grün­de, Tie­fen­schich­ten die­ses Metiers inter­es­siert, Auf­klä­rung bie­ten, auch weil sie, die Auf­klä­rung sich aus vie­len Anek­do­ten eines rei­chen Lebens ent­wi­ckelt.

Indes war die­ses Leben, das 1930 in Zagreb begann, nicht »nur« das eines Wer­be-Exper­ten, nicht »nur« das eines Uni­ver­si­täts­pro­fes­sors für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign, als der er in Essen wirk­te, nicht »nur« das eines der Grün­der­vä­ter des »Art Direc­tors Club« und nicht »nur« das eines Prä­si­den­ten des »Gesamt­ver­ban­des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­agen­tu­ren GWA«, nicht »nur« das eines Man­nes, der tief in der Wirt­schaft ver­an­kert war und vie­len Mar­ken mit sei­nem Geschick und Geschmack ein Bild gab, nicht »nur« das eines Man­nes der vie­len Aus­zeich­nun­gen und Prei­se.

An einem Abend erzähl­te er mir, was ihm, dem Freund der japa­ni­schen Kul­tur, die höchs­te Aus­zeich­nung war in sei­nem Leben. (Ich gebe die Geschich­te aus dem Gedächt­nis wie­der und bit­te um Nach­sicht, soll­te ich mir nicht alle Details kor­rekt gemerkt haben, der Kern stimmt.) Vasa­ta sei ein­mal in Tokio zusam­men­ge­bracht wor­den mit einem Alt­meis­ter japa­ni­scher Kal­li­gra­fie. Die­ser Künst­ler und der Desi­gner hät­ten sich gut ver­stan­den, und dazu wird der Respekt des Euro­pä­ers vor, sei­ne Bewun­de­rung der japa­ni­schen Kul­tur bei­getra­gen haben, der Ver­such sich ihr anzu­nä­hern – und Annä­he­rung war ein zen­tra­ler Begriff für Vilim Vasa­ta. Der Alt­meis­ter, dem das nicht bekannt sein konn­te, habe irgend­wann gesagt, Vasa­ta kal­li­gra­fie­re auch, er wol­le des­sen Arbei­ten sehen. Nicht allein Beschei­den­heit ver­bot es, dar­auf ein­zu­ge­hen, aber der Japa­ner habe insis­tiert, bis er in Augen­schein neh­men konn­te, was Vilim Vasa­ta zu Papier gebracht hat­te. Der japa­ni­sche Meis­ter hat­te zu der Zeit den Auf­trag, in Tokio ein Muse­um für japa­ni­sche Kal­li­gra­fie auf­zu­bau­en. Und nun hän­ge dort, als ein­zi­ge Arbeit eines Nicht-Japa­ners, eine Kal­li­gra­fie von Vilim Vasa­ta – das sei die größ­te Aus­zeich­nung, die höchs­te Ehre in sei­nem Leben gewe­sen. Ja – man soll­te nicht ver­ges­sen, was wirk­lich wich­tig ist.

Wer im übri­gen Vilim Vasa­tas Lie­be zur japa­ni­schen Kul­tur ver­bun­den sehen möch­te mit sei­ner Fähig­keit, Bücher ästhe­tisch zu gestal­ten, der besor­ge sich den Band »Japan – Kul­tur des Essens« mit Foto­gra­fi­en von Rein­hart Wolf, 1987 erschie­nen, ein zeit­lo­ser, ästhe­ti­scher Genuss.

Vilim Vasa­ta wirk­te im wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat von »Spra­che für die Form« mit. Sein Essay »Du musst über­zeu­gend sein. Über ›Per­spec­tive‹, Hal­tung und Cha­rak­ter des Gestal­ters« (ver­öf­fent­licht in der Früh­jahrs­aus­ga­be 2015, Nr. 6) endet mit den Sät­zen: »Zur Bil­dung gehö­ren die Hand, das Auge und der Ver­stand. Denn die Bil­dung ist ganz offen­bar eine Kunst.«

Kar­frei­tag schrieb er mir noch einen Brief, die ele­gan­te Hand­schrift zeig­te nur wenig von der Anstren­gung, die das Schrei­ben ihm berei­tet haben muss – alles war gestal­tet … Am 8. Juli 2016 ist ein gro­ßer Desi­gner mit einer Hal­tung, ist Vilim Vasa­ta gestor­ben.

Foto: Richard Unger

Foto: Richard Unger


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016