Buchbesprechung

»Narrationen der Zukunft«

Olga Tokarczuk über das Weben von Geschichten

Eine Rezension von Annette Lorenz


Wel­ches Erleb­nis hat Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin Olga Tokar­c­zuk zum Erzäh­len gebracht? War­um zeugt die Ich-Erzäh­lung von der Rat­lo­sig­keit der heu­ti­gen Autoren? Wie ver­än­dern Seri­en die Art, wie erzählt wird, und was bedeu­tet das für die Nar­ra­tio­nen der Zukunft? Tokar­c­zuk nimmt den Leser in ihrer Rede zur Lite­ra­tur­no­bel­preis­ver­lei­hung mit auf eine Rei­se durch die Welt des Erzäh­lens, des­sen Wich­tig­keit, Ver­än­de­rung und Ent­wick­lung, und sie beschreibt ihren Traum einer neu­en Erzählart.

Neben der Rede ist auch das Essay »Wie Über­set­zer die Welt ret­ten« in dem Buch zu fin­den. Hier beschäf­tigt sich Tokar­c­zuk mit der Bedeu­tung von Über­set­zun­gen sowie mit Spra­che und Lite­ra­tur. Die letz­ten 32 Sei­ten des Buches bestehen aus einer chro­no­lo­gi­schen Abhand­lung über Tokar­c­zu­ks Erleb­nis­se und den Gescheh­nis­sen seit der Ver­kün­dung des Lite­ra­tur­no­bel­prei­ses bis zu des­sen Ver­lei­hung. Es folgt eine bio­gra­fi­sche Notiz und Bibliografie.

In dem Essay »Der lie­be­vol­le Erzäh­ler« steigt Tokar­c­zuk mit einem Erleb­nis aus ihrer Kind­heit ein, das ihr die Grund­la­ge für die Fähig­keit, zu erzäh­len, geschaf­fen haben soll. Mit einer bild­haf­ten Nach­er­zäh­lung die­ses Moments lei­tet sie in eine Geschich­te über das Erzäh­len ein. Der figu­ra­ti­ve Schreib­stil zieht sich durch die gesam­te Rede.

Sie äußert ihre Unzu­frie­den­heit über die häu­fi­ge Ver­wen­dung des »Ich-Erzäh­lers« und das dar­aus fol­gen­de Stim­men­ge­wirr, das den Lite­ra­turmarkt über­schwem­me. »Was uns fehlt, ist – so scheint es – die para­bo­li­sche Dimen­si­on der Erzäh­lung.« (S. 20) Also Geschich­ten, die durch das Ver­wen­den von Para­beln den Leser in einen »psy­cho­lo­gisch anspruchs­vol­len Vor­gang« (S. 21) zwin­gen und damit der Erfah­rung beim Lesen eine Uni­ver­sa­li­tät ver­lei­hen. Es sei ihr wich­tig, mehr als nur das Schick­sal einer Ein­zel­per­son dar­zu­stel­len. Dass die Men­schen die engen Bezie­hun­gen zum Rest der Welt ver­lo­ren haben, bedau­ert Tokar­c­zuk stark: »Die Ich-Erzäh­lung ist über­aus bezeich­nend für unse­ren gegen­wär­ti­gen Blick auf die Welt, bei dem der ein­zel­ne Mensch die Stel­lung eines sub­jek­ti­ven Mit­tel­punkts ein­nimmt.« (S. 17) Mit­hil­fe einer neu­en Erzähl­wei­se möch­te sie die Bezie­hung zwi­schen Leser und Welt stär­ken. Tokar­c­zuk möch­te so erzäh­len, dass die Welt wie­der zu einer leben­di­gen Ein­heit wird und der Leser sei­nen Platz in ihr ver­steht und sein Han­deln über­denkt. Für sie bedeu­tet »der lie­be­vol­le Blick […], ein ande­res Sein anzu­neh­men und auf­zu­neh­men, in sei­ner Zer­brech­lich­keit, sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit, sei­ner Wehr­lo­sig­keit gegen Lei­den und das Wir­ken der Zeit.« (S. 60)

Der Strea­ming­se­rie ord­net sie »eine neue Form des Welt-Erzäh­lens« (S. 23) zu. Eine alte Erzähl­form wür­de hier mit­hil­fe neu­er Ele­men­te zu einem gro­ßen Ein­fluss »auf die kol­lek­ti­ven Vor­stel­lungs­wel­ten« (S. 24) wer­den. Die Art, mit der Seri­en den Zuschau­er so lan­ge wie mög­lich in ihrem Bann hal­ten sol­len, kri­ti­siert sie zwar indi­rekt, aber hier wer­de tat­säch­lich an »den Nar­ra­tio­nen der Zukunft gear­bei­tet« (S. 26) und es gäbe eine »Anpas­sung der Erzähl­wei­se an eine neue Rea­li­tät« (S. 26). So sehr Tokar­c­zuk auch von der Lite­ra­tur über­zeugt ist, kann sie sich jedoch vor­stel­len, dass »der Roman und die Lite­ra­tur schlicht und ein­fach zu nar­ra­ti­ven Rand­er­schei­nun­gen wer­den. Dass die bild­haf­te Dar­stel­lung, die neu­en For­men direk­ter Erfah­rungs­ver­mitt­lung – Kino, Foto­gra­fie, Vir­tu­al Rea­li­ty, Aug­men­ted Rea­li­ty – eine wirk­li­che Alter­na­ti­ve zum klas­si­schen Lesen dar­stel­len wer­den.« (S. 34)

Der Essay »Wie Über­set­zer die Welt ret­ten« schließt im Buch direkt an ihre Rede zur Nobel­preis­ver­lei­hung an. Tokar­c­zuk geht dar­in auf die Wich­tig­keit der Über­set­zer in Bezug auf die zivi­li­sier­te Welt ein. Ihr Argu­ment eröff­net sie mit den ara­bi­schen Kali­fen, die in ihrer Haupt­stadt Bag­dad eine Aka­de­mie für Über­set­zun­gen gegrün­det hat­ten und dort Wer­ke von Geo­gra­phen, Astro­no­men, Medi­zi­nern und Astro­lo­gen gesam­melt und über­setzt hat­ten. Mit dem Nie­der­gang des Römi­schen Rei­ches sind vie­le Ori­gi­na­le zer­stört wor­den, die Kopien in der Aka­de­mie jedoch sicher ver­wahrt gewe­sen. Das wie­der­hol­te sich im Mit­tel­al­ter in Spa­ni­en mit der Recon­quis­ta – dem bewaff­ne­ten Kampf der Chris­ten gegen die Mau­ren – und den Kreuz­zü­gen. Nach der Erobe­rung ara­bi­scher Städ­te wur­den die dort gefun­de­nen Wer­ke wie­der ins Latei­ni­sche über­setzt. Dies stieß eine »Wen­de in der mit­tel­al­ter­li­chen Wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie« (S. 80) an. Durch die Über­set­zun­gen aus dem Ara­bi­schen, das eine deut­lich plas­ti­sche­re Spra­che ist, ent­stand außer­dem eine Viel­zahl an neu­en Begrif­fen, die der Wes­ten zuvor nicht kann­te. Dies zeigt die Qua­li­tät einer guten Über­set­zung, meint Tokar­c­zuk. Der Über­set­zer leis­tet eine unge­mei­ne »geis­ti­ge Vor­ar­beit« (S. 84), indem er das Geschrie­be­ne bereits ein­mal ver­ar­bei­tet, bevor er es in einer ande­ren Spra­che wie­der zu Papier bringt. Hier­mit wird nicht nur Wis­sen gesi­chert, son­dern auch ver­ein­facht und in moder­ne­rer Spra­che wie­der­ge­ge­ben. Lite­ra­tur beginnt für Tokar­c­zuk immer mit dem Autor, denn mit dem Wie­der­ge­ben der eige­nen Spra­che macht die­ser das Pri­va­te öffent­lich. Die pri­va­te Spra­che sieht Tokar­c­zuk als etwas ganz Beson­de­res und Ein­zig­ar­ti­ges an. Kul­tur ver­steht sie als einen Akt des »Aus­ta­rie­rens zwi­schen pri­va­ten und kol­lek­ti­ven Spra­chen« (S.92). Über­set­zer machen das Ver­ste­hen frem­der Wel­ten möglich.

Das Buch emp­fiehlt sich jedem, der in die Welt von Olga Tokar­c­zuk ein­tau­chen und einen Blick in ihre Art zu Den­ken wer­fen möch­te. In ihrer Rede zur Lite­ra­tur­no­bel­preis­ver­lei­hung gibt sie klei­ne Denk­an­stö­ße, denen der Leser gut fol­gen kann. Durch die Klar­heit ihrer Spra­che flicht sie auch ver­ständ­lich ihre Vor­stel­lung eines neu­en Erzäh­lens ein.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 19 und 20, Frühjahr 2022