Buchbesprechung

»Eine Schale Tee«

Frank Berzbach regt zur Achtsamkeit im Kreativalltag an

Eine Rezension von Berit Homann


»Wie wol­len wir leben?« (S. 14), fragt Frank Berz­bach und rich­tet sich dabei an Krea­ti­ve, die in einer Bran­che arbei­ten, in der Arbeit oft zu einem gro­ßen Teil Lebens­form gewor­den ist und auch wei­ten Ein­fluss auf das Pri­vat­le­ben nimmt. Eine Situa­ti­on, die dann zum Pro­blem wer­den kann, wenn die Arbeit alle Lebens­be­rei­che bestimmt, das Los­las­sen immer schwie­ri­ger wird und in der Frei­zeit die ver­meint­li­che Untä­tig­keit zu Schuld­ge­füh­len führt. (S. 14)

In sei­nem ers­ten Buch zum The­ma Krea­ti­vall­tag »Krea­ti­vi­tät aus­hal­ten, Psy­cho­lo­gie für Desi­gner«[1] hat Frank Berz­bach einen Kata­log von Mög­lich­kei­ten vor­ge­stellt, die zu einem erfolg­rei­chen Krea­ti­vall­tag füh­ren kön­nen. In »Die Kunst ein krea­ti­ves Leben zu füh­ren, Anre­gung zu Acht­sam­keit« wen­det er sich nun an »Men­schen, für die Krea­ti­vi­tät eine grund­sätz­li­che Lebens­form ist« (S. 14), und setzt in den sechs Kapi­teln »Das Leben als Ate­lier«, »Die Kunst zu arbei­ten«, »Krea­ti­vi­tät ist eine stil­le Ange­le­gen­heit«, »Leben und Lei­den«, »Krea­ti­vi­tät und Spi­ri­tua­li­tät« und »Eine Scha­le Tee« den Fokus auf den Ursprung schöp­fe­ri­schen Han­delns und die inne­re Hal­tung gegen­über der eige­nen Arbeit.

Nur wer als Krea­ti­ver unzu­frie­den mit dem Ist-Zustand einer Sache ist, kann schöp­fe­risch aktiv und gestal­te­risch tätig wer­den. Die­se Unzu­frie­den­heit kann aber auch zu einem nega­ti­ven inner­li­chen Druck her­an­wach­sen (S. 21 ff.) Hin­zu kommt der sich selbst auf­er­leg­te Anspruch, sich als Per­son stän­dig selbst zu defi­nie­ren, da ein durch die Gesell­schaft zuge­wie­se­ner Platz fehlt (S. 120). Die­se Kom­bi­na­ti­on führt im schlimms­ten Fall zu Depres­si­on und »bur­nout«.

Als Ursa­che für den hohen Anspruch an sich selbst sieht der Autor die moder­ne Leis­tungs­ge­sell­schaft, die eine Unfä­hig­keit zur Muße her­vor­ge­bracht hat. Ohne schlech­tes Gewis­sen kön­ne heu­te kaum jemand mehr nicht arbei­ten. (S. 46) Frank Berz­bach wirft die Fra­ge auf, mit wel­cher inne­ren Hal­tung wir unse­re Arbeit absol­vie­ren und wie wir Druck im Arbeits­le­ben begeg­nen kön­nen. Dazu bie­tet er eine Rei­he von Lösungs­an­sät­zen an, die eine Anre­gung zur Beschäf­ti­gung mit dem The­ma Acht­sam­keit sind.

Anhand der Aus­ein­an­der­set­zung mit Ele­men­ten aus der Spi­ri­tua­li­tät, außer­halb strik­ter Glau­bens­struk­tu­ren und fern der Eso­te­rik, gibt Berz­bach Anre­gun­gen zur Betrach­tung des eige­nen Lebens. Der Zen-Bud­dhis­mus bie­tet zum Bei­spiel die Mög­lich­keit »Medi­ta­ti­on« als »Metho­de« zu nut­zen, um »den krea­ti­ven Pro­zess anzu­re­gen« (S. 150). Das Leben im Klos­ter ist eine Meta­pher für die Abge­schie­den­heit, Ruhe und Bedacht­heit, die eine krea­ti­ve Idee manch­mal braucht, um wach­sen zu kön­nen und sich zu ent­wi­ckeln. (S. 47)

Acht­sam­keit in die­sem Kon­text ist das »sich ins Gedächt­nis (…) rufen, dass man umsich­tig und bewusst auf das ach­tet, was in der unmit­tel­ba­ren Umge­bung geschieht« (S. 99). Der Autor ver­tritt die Auf­fas­sung, »gute Arbeit und gutes Leben gehö­ren zusam­men« (S. 67), und regt dazu an, als Krea­ti­ver nicht das eige­ne Ich aus dem Fokus zu ver­lie­ren. Am Bei­spiel des Zele­brie­rens einer Tas­se Tee zeigt er die Mög­lich­keit auf, durch das Schaf­fen einer neu­en All­tags­kul­tur den Arbeits­tag mit Pau­sen auf­zu­bre­chen und sich über sein Han­deln bewusst zu wer­den. Inne­hal­ten in der »atem­lo­sen Arbeits­kul­tur« soll man mit Bedacht arbei­ten (S. 179 ff.). »Team­fä­hig­keit, stän­di­ge Erreich­bar­keit, Groß­raum­bü­ros, trans­pa­ren­te Archi­tek­tur und zu gro­ße finan­zi­el­le Unsi­cher­heit sor­gen für Kon­for­mi­tät und sie sind Gift für krea­ti­ve Lebe­we­sen.« (S. 74)

Mit Bezug auf Erkennt­nis­se und Aus­sa­gen vie­ler »Phi­lo­so­phen, Wis­sen­schaft­ler und Mys­ti­ker« (S. 15) wirft der Autor einen geziel­ten Blick auf die heu­ti­gen Arbeits­be­din­gun­gen im Krea­tiv­be­reich und for­dert uns her­aus, uns damit aus­ein­an­der­zu­set­zen, wie wir arbei­ten und leben wol­len, fern von all­ge­gen­wär­ti­gen Begrif­fen wie »Work-Life-Balan­ce« und »Flow-Zustand«.

»Die Kunst, ein krea­ti­ves Leben zu füh­ren« ist ein Buch, das sei­ne Wir­kung erst nach dem Lesen, beim Sich-bewusst-Wer­den und dem­entspre­chen­den Han­deln voll ent­fal­tet. Somit ist es für Krea­ti­ve in den ver­schie­dens­ten Aus­bil­dungs- und Berufs­sta­di­en emp­feh­lens­wert und eine Lek­tü­re, die dazu geeig­net ist, sie von Zeit zu Zeit in Erin­ne­rung zu rufen, um bestimm­te Abschnit­te erneut zu lesen. Eine aus­führ­li­che Lite­ra­tur­lis­te regt zur wei­te­ren Beschäf­ti­gung mit den ange­spro­che­nen The­men an. Man merkt die­sem Buch an, dass es ohne Druck, ohne Dead­lines erar­bei­tet wur­de. (S. 6) So ist es selbst ein gutes Bei­spiel dafür, wie Arbei­ten in der Zukunft funk­tio­nie­ren kann.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 7, Herbst 2015