Buchbesprechung

»[…] es ist, als wenn man im Nebel geht.« 

Ecos Roman: »Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana«

Eine Rezension von Amelie Kreß


Ist das, was uns aus­macht, unse­re Erin­ne­rung? Und was, wenn wir die­se Erin­ne­run­gen ver­lie­ren? Umber­to Ecos illus­trier­ter Roman »Die geheim­nis­vol­le Flam­me der Köni­gin Loa­na« aus dem Jahr 2004 han­delt von eben die­sen Fra­gen. Der Prot­ago­nist der Geschich­te, ein ita­lie­ni­scher Anti­quar namens Giam­bat­tis­ta Bodo­ni – nicht mit dem Desi­gner der Schrift­art Bodo­ni zu ver­wech­seln – ver­liert durch einen Unfall sein auto­bio­gra­fi­sches Gedächt­nis. Was ihm bleibt, ist sein »Papier­ge­dächt­nis« und all sein lite­ra­ri­sches Wis­sen, das er über sei­ne 60 Lebens­jah­re hin­weg gesam­melt hat. Doch was nützt es, Gedich­te und Pas­sa­gen aus bekann­ten Büchern rezi­tie­ren zu kön­nen, wenn man sei­ne eige­ne Fami­lie nicht wie­der­erkennt? Mit einem unge­heu­ren Detail­reich­tum beschreibt Umber­to Eco auf 495 Sei­ten, wie Bodo­ni ver­sucht, mit Hil­fe von Büchern und Gegen­stän­den sei­ner Kind­heit, sein Gedächt­nis wiederzufinden.

Er arbei­tet sich durch Ber­ge von Comics, Pla­ka­ten, Mode­zeit­schrif­ten, Aben­teu­er­ro­ma­nen und alten Schul­hef­ten auf der Suche nach einem ganz bestimm­ten Gefühl: die­ser geheim­nis­vol­len Flam­me, die sich immer wie­der in sei­nem Inners­ten ent­zün­det, wenn er sich an etwas Per­sön­li­ches zu erin­nern scheint. Erst durch die Zeug­nis­se sei­ner Kind­heit, die auf dem Dach­bo­den des Hau­ses, in dem er auf­ge­wach­sen ist, ver­räumt wur­den, kann er sei­ne Erin­ne­run­gen zurück­ge­win­nen. Nicht die Lite­ra­tur ret­tet ihn, son­dern tri­via­le Geschich­ten. Er fin­det einen Comic mit dem Titel: »La mis­te­rio­sa fiam­ma del­la regi­na Loa­na. Nuo­ve aven­ture di Cino e Fran­co«. Dort, im Titel des Comics »Die geheim­nis­vol­le Flam­me der Köni­gin Loa­na« fin­det Bodo­ni die vie­len mys­te­riö­sen Flam­men wie­der, die immer wie­der etwas in ihm aus­lö­sen (S. 278). Dabei geht es nicht etwa um die Geschich­te des Comics, die ihm so bekannt vor­kommt. Viel­mehr hat­te er die belang­lo­se Erzäh­lung in sei­ner kind­li­chen Fan­ta­sie zum Mythos gemacht. So kann der Titel der Geschich­te immer wie­der aus dem Nebel sei­ner ver­lo­re­nen Erin­ne­rung an Bodo­ni her­an­tre­ten. Und Eco macht den Titel des Comics zum Titel des Romans.

Das Beson­de­re an die­sem Roman ist, dass nicht nur ver­bal, son­dern auch visu­ell erzählt wird. »Die geheim­nis­vol­le Flam­me der Köni­gin Loa­na« ist ein illus­trier­ter Roman, gespickt mit Bil­dern und Illus­tra­tio­nen der Gegen­stän­de, die Bodo­ni auf sei­nem Dach­bo­den fin­det. Als Leser­schaft kann man so noch tie­fer in die Geschich­te und in das Leben des Anti­quars blicken.

Ecos Roman ist eine nost­al­gi­sche Hom­mage an die Medi­en sei­ner Kind­heit und an bedeu­ten­de lite­ra­ri­sche Wer­ke. Das Buch erzählt eine sehr per­sön­li­che und spe­zi­fi­sche Geschich­te, mit der nicht jeder etwas anfan­gen kann. Der Inhalt des Romans han­gelt sich an ganz spe­zi­el­len Gegen­stän­den aus den 30er- und 40er-Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts ent­lang. Und man muss sich so beim Lesen dar­auf ein­stel­len, mit Inhal­ten kon­fron­tiert zu wer­den, die den meis­ten erst ein­mal nichts sagen. Im Gegen­zug bekommt man einen span­nen­den Ein­blick in die dama­li­ge faschis­ti­sche Prä­gung Italiens.

Die Lek­tü­re legt den Gedan­ken nah, dass die eige­ne Iden­ti­tät nur auf den Medi­en, die man kon­su­miert, basiert. Doch besteht unse­re Iden­ti­tät wirk­lich aus so tri­via­len Din­gen wie den alten Ziga­ret­ten­schach­teln unse­rer Väter, den Comics, die wir als Kind gele­sen haben, oder den Schall­plat­ten, die wir frü­her gehört haben? Oder gibt es etwas, unab­hän­gig von Medi­en, was unse­re Iden­ti­tät aus­macht? Natür­lich wäre es etwas kurz gedacht zu sagen, dass aus­schließ­lich unse­re Kon­sum­gü­ter unse­re Iden­ti­tät schaf­fen. Je nach­dem, wo wir auf­wach­sen sind und in wel­cher Zeit wir leben, sind Nor­men, Wer­te und Über­zeu­gun­gen ganz anders geprägt.

Aus Umber­to Ecos Buch kann der Leser vie­le Din­ge mit­neh­men. Vor allem aber, geht es um unse­re Iden­ti­tät. Was macht uns aus und wie viel Ein­fluss haben wir wirk­lich darauf?


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 26 und 27, Frühjahr 2026