Buchbesprechung

»Gebt dem Kind doch einfach einen Kakao«

300 Seiten sollen den »Maybes« Dampf machen

Eine Rezension von Sandra Rudolph


»May­be you should go fuck yours­elf«, schreit es in schwar­zen Let­tern vom wei­ßen Cover des gleich­na­mi­gen, 300 Sei­ten star­ken Taschen­buchs. Auf der Rück­sei­te zeigt sich die Aus­sa­ge in Form eines erho­be­nen Mit­tel­fin­gers noch kon­kre­ter. »Die Schock­star­re einer gan­zen Gesell­schaft« (S. 2) wol­len die bei­den Her­aus­ge­be­rin­nen Johan­na Drey­er und Katha­ri­na Weiß mit ihrem Buch bekämp­fen und eine »Lösung für May­bes« (S. 3) fin­den.

Ein typi­scher May­be ist zwi­schen 20 und 30 Jah­re alt. Er kann sich nicht zwi­schen den unend­lich vie­len Optio­nen, die ihm tag­täg­lich begeg­nen, ent­schei­den, denn »ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten sind nicht [sein] Ding« (S. 10). Sei­ne Zukunft besteht aus einem rie­si­gen Fra­ge­zei­chen, weil er mit unbe­zahl­ten Prak­ti­ka sein Leben nicht pla­nen kann. Als »digi­tal nati­ve« ver­bringt er sei­ne Frei­zeit online, und sein poli­ti­sches Enga­ge­ment beschränkt sich auf einen Klick auf den Face­book-Like-But­ton. Er wird durch die extre­me Leis­tungs­ge­sell­schaft unter Druck gesetzt und will gleich­zei­tig alles genau so gut machen wie sei­ne Eltern. Des­we­gen tut er lie­ber nichts, um nichts Fal­sches zu tun.

Nach einer kur­zen Ein­lei­tung kann jeder durch einen Test her­aus­fin­den, ob er selbst zu der »Genera­ti­on May­be« gehört. Dadurch und mit­tels einer foto­gra­fi­schen Befra­gung sowie eini­gen Infor­ma­ti­ons­gra­fi­ken nähert sich der Leser spie­le­risch dem The­ma. In den Abschnit­ten »Wo liegt der Hund begra­ben?« und »Den Stier bei den Hör­nern packen« wech­seln sich Inter­views und Tex­te ab, die sich alle mit den Pro­ble­men und Chan­cen der »Twen­ty­so­me­things« (S. 199) aus­ein­an­der­set­zen.

In der Ein­lei­tung erzählt Katha­ri­na Weiß, wie sie auf die Grup­pe der Unent­schlos­se­nen auf­merk­sam wur­de: Als der Ziga­ret­ten­her­stel­ler Marl­bo­ro mit sei­ner Kam­pa­gne »Don’t be a May­be – be Marl­bo­ro« Deutsch­land mit Pla­ka­ten über­flu­te­te, erkann­te die Autorin, dass sich Marl­bo­ro »eine aktu­el­le Pro­ble­ma­tik« (S. 3) zunut­ze mach­te, um neue Kun­den zu aqui­rie­ren. Sie selbst sah sich als »Para­de­bei­spiel eines May­bes« (S. 3), wor­auf­hin die Idee für ein Buch ent­stand, das die­sem Phä­no­men ent­ge­gen­wir­ken soll­te. Mit »May­be you should go fuck yours­elf« par­odier­te ein Stree­tart-Künst­ler den Slo­gan der Kam­pa­gne. Die­ses State­ment gefiel den bei­den Her­aus­ge­be­rin­nen so gut, dass sie ihn als Buch­ti­tel auf­grif­fen.

Johan­na Drey­er und Katha­ri­na Weiß spre­chen zunächst mit dem Jour­na­lis­ten Oli­ver Jeges, der 2012 einen umstrit­te­nen Arti­kel zum The­ma »Genera­ti­on May­be« ver­öf­fent­lich­te. Wei­te­re Gesprächs­part­ner sind zum Bei­spiel Fern­seh­mo­de­ra­tor Jan Böh­mer­mann, die Fach­ärz­tin für Psych­ia­trie Dr. med. Gis­lind Wach-Leibl, der Mit­au­tor der Shell-Jugend­stu­di­en Prof. Dr. Klaus Hur­rel­mann, »Kleiderkreisel«-Gründerin Sophie Uti­kal und der ehe­ma­li­ge Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der Pira­ten­par­tei Chris­to­pher Lau­er. Die Fra­gen, die die bei­den jun­gen Frau­en ihren Inter­view­part­nern stel­len, beschäf­ti­gen sich mit The­men wie »Ent­schei­dun­gen tref­fen«, »erwach­sen sein«, dem vor­herr­schen­den »Indi­vi­du­alzwang« (S. 71), Wer­te­sys­te­men, Unsi­cher­heit, Arbeits­markt, Poli­tik, Erzie­hung und Inter­net­nut­zung.

Die Tex­te neh­men die The­men und The­sen aus den Gesprä­chen auf und brin­gen die­se mit den Gedan­ken der jewei­li­gen Autorin in Ver­bin­dung. Unter­malt wer­den die Aus­sa­gen durch knal­li­ge, intel­li­gen­te Illus­tra­tio­nen. Ein Haupt­the­ma der bei­den Autorin­nen ist die Unfä­hig­keit der jun­gen Erwach­se­nen sich zu ent­schei­den. Sie haben immer »Angst, eine Chan­ce, eine Opti­on aus­zu­las­sen« (S. 87). »Auf­wa­chen, lie­be May­bes!« (S. 94), ruft Katha­ri­na Weiß, denn »kön­nen wir uns nicht ent­schei­den, wel­che Zei­tung wir lesen sol­len, blei­ben wir unin­for­miert« (S. 94). Laut Oli­ver Jeges könn­te die »anti­au­to­ri­tä­re Erzie­hung« (S. 79) der Eltern ein Aus­lö­ser für das Ver­hal­ten der »May­bes« sein. Die stün­den mit ihren Kin­dern in der Eis­die­le und frag­ten: »Mari­us-Jonas, wel­ches Eis möch­test du denn? Möch­test du Rha­bar­ber-Möh­ren-Melo­nen-Eis oder viel­leicht doch lie­ber Ing­wer-Zitro­ne-Min­ze-Eis?« (S. 79f.) »Gebt dem Kind doch ein­fach einen Kakao« (S.80), so die sar­kas­ti­sche Ant­wort des Jour­na­lis­ten.

Zur Erzie­hung hin­zu kom­me eine wach­sen­de Unsi­cher­heit. Jede Ent­schei­dung müs­se indi­vi­du­ell reflek­tiert wer­den, da kei­ne ein­heit­li­che Ideo­lo­gie oder Reli­gi­on vor­gibt, was zu tun ist. Doch: »Wir zei­gen der Unsi­cher­heit den Mit­tel­fin­ger« (S.120), ver­sucht Johan­na Drey­er den Leser zum Han­deln zu moti­vie­ren und gibt gleich­zei­tig der pro­vo­ka­ti­ven Cover­ge­stal­tung eine Bedeu­tung. Der stän­dig auch online akti­ve »May­be« lei­de unter einem hohen sozia­len Stress, denn »abschal­ten ist nicht« (S. 183). Außer­dem ent­wi­ckelt er sich dadurch zu einem »glä­ser­nen Men­schen« (ebd.), im Gegen­satz zu den Sys­te­men in denen er lebt. »Man will ja nicht die Kat­ze im Sack kau­fen, vie­le gehen daher lie­ber gar nicht wäh­len« (S. 188), wodurch die jun­gen Men­schen unpo­li­tisch wir­ken.

»Statt uns in unse­rer Unent­schlos­sen­heit zu suh­len, soll­ten wir uns auf die Vor­tei­le unse­rer Zeit besin­nen« (S. 248), for­dert Johan­na Drey­er schließ­lich von allen »May­bes« und auch von sich selbst. Das Nach­wort von Sil­ke Bur­mes­ter stimmt den Leser posi­tiv. Es soll Mut machen, trotz unsi­che­rer Zukunft etwas zu wagen. Man sei ja nicht die ers­te Genera­ti­on mit die­sen Pro­ble­men. Ob man nun zu der Grup­pe der »May­bes« gehört oder nicht – das Buch regt zum Nach­den­ken und Reflek­tie­ren an, über das eige­ne Han­deln und den aktu­el­len Zeit­geist. Denn es wer­den nicht nur die Pro­ble­me der jun­gen Erwach­se­nen bespro­chen, auch die der zukünf­ti­gen und ver­gan­ge­nen Genera­ti­on wer­den beleuch­tet.

Aller­dings ist das Buch selbst zuwei­len ein biss­chen »may­be«: Die Ergeb­nis­se der Umfra­ge wer­den von Vor­ne­her­ein als nicht reprä­sen­ta­tiv prä­sen­tiert. Die Über­schrif­ten sind zu gro­ßen Tei­len aus einem ande­ren Buch über­nom­men. »May­be you should go fuck yours­elf« ist eine sub­jek­ti­ve Gesell­schafts­ana­ly­se. Den­noch ist es lesens­wert, weil es dem Pro­blem der Unent­schlos­sen­heit, das jeder Mensch manch­mal hat, auf den Grund geht und einer Genera­ti­on den Spie­gel vor­hält. Es moti­viert dazu, eige­ne Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Selbst erns­te The­men wer­den in ein­fa­cher und locke­rer Spra­che erör­tert.

Inwie­fern die Autorin­nen ihr Ziel – der »Schock­star­re« ent­ge­gen­zu­wir­ken – erreicht haben, sei dahin­ge­stellt. Aber zumin­dest prä­sen­tie­ren sie vie­le inter­es­san­te Lösungs­an­sät­ze und Denk­an­stö­ße, die um eini­ges intel­li­gen­ter sind als die Idee der Kam­pa­gne des Ziga­ret­ten­her­stel­lers: »Viel rau­chen und zwar aus­schließ­lich Marl­bo­ro.« (S. 4)


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016