Für das Thema des vorliegenden Textes ist vor allem eine Randbemerkung aufschlussreich, die Paul Watzlawick bei der Darstellung der Erkenntnisse von Egdar Morin lediglich in eine Fußnote packt. Von dort soll sie für das hier behandelte Thema heraufgeholt werden. Watzlawick benennt etwas abschätzig die Wurzeln des Motivs des angeblich von Verbrechen erfüllten Umkleideraums in den Modegeschäften in Orléans in der Populär- und Massenkultur: »Man findet die Idee des Ankleideraums als einer Falle, als eines Vorzimmers von Geheimnis und Gefahr, auf dem niedrigsten Niveau der Massenkultur; die Welt der Schundliteratur und des Massenjournalismus liefern Beispiele dafür.«[5] Das Gerücht griff demnach ein Thema auf, was bereits durch bestimmte Bücher und Groschenhefte bekannt geworden war. Es handelte sich um die geschickte Auffrischung einer Story aus dem Kosmos der Populär-Kultur.
Heute würde man nicht mehr von »Schundliteratur« sprechen. Man würde mit einem anderen Verständnis an die Verbindung zwischen dem antisemitischen Gerücht und der Story über die Frauen-Umkleideräume herangehen. Populärkultur ist nicht einfach nur »Schund«. Sie ist ein Massenphänomen. In ihm spiegeln sich das Vergnügen, aber auch die Ängste und Obsessionen einer Gesellschaft. Die Spur, die sich bei Edgar Morin und Paul Watzlawick auftut, reicht tief in diese Welt hinein. Sie zeigt anhand eines historischen Beispiels, dass gerade im modernen Populismus, in den fabrizierten Falschmeldungen und Gerüchten Bezüge zu Geschichten stecken, die das Publikum bereits kennt und faszinierend findet. Es sind Geschichten, die schon einmal funktioniert haben. Nun werden sie nochmal aufgerollt und in einen neuen Rahmen gesetzt. Daher lohnt es sich, kurz darüber nachzudenken, was die sogenannte Hochkultur eigentlich von jener Sphäre der scheinbar leicht zu verstehenden, oft trashigen Populärkultur unterscheidet. Edle Hochkultur, böse Popkultur – es ist nach wie vor eines der schwierigsten Unterfangen, sich dem schillernden Begriff der Kultur nähern zu wollen. Die Definitionen, was Kultur ist, sind so zahlreich, unterschiedlich und widersprüchlich, dass es einer längeren Anstrengung bedarf, überhaupt erstmal ihre Fülle zu verstehen. Es ist ein Begriff, der scheinbar immer Sinn ergibt – ganz gleich, an welche anderen Worte man ihn anhängt. Von der Buchkultur bis zur Kulturtasche ist alles möglich. Auch das macht das Wort Kultur für Missbrauch so empfänglich. Oft gibt es da so »ein Gefühl«, was es meint. Etwas, das mit der Geschichte, der eigenen Herkunft, den Gewohnheiten und Vorlieben, den Ritualen, Normen und Denkweisen von Menschen in einem bestimmten geografischen Raum zu tun hat. Je näher man solchen Gefühlen kommt, desto unschärfer wird das Bild. Es gibt kaum Regionen in dieser Welt, in der sich sämtliche Menschen absolut konform nach bestimmten Normen und Regeln verhalten. Es gibt immer auch »die Anderen«: Migranten, Touristen, Gastarbeiter und Außenseiter. Sie alle unterbrechen permanent diese Routinen. Sie bringen etwas Neues in die Gesellschaft ein, in der sie auftauchen. Geistige und künstlerische Einflüsse von außen, Handels- und Wirtschaftsbeziehungen verändern zusätzlich das bekannte Bild.
Kultur ist etwas Dynamisches. Der Schriftsteller Ilija Trojanow nennt es ein »Flusssystem«.[6] Recht brauchbar ist daher immer noch die Annahme von Max Weber, dass Kultur durch die Zuschreibung von Bedeutung entsteht. Das, was Menschen wertschätzen, was sie wahrnehmen, nutzen und ihrer Zeit würdig befinden, das hat etwas mit ihrer Kultur zu tun. Daher sind Populisten so stark an diesem Begriff interessiert. Sie lieben Definitionen wie zum Beispiel diese: »Kultur ist die eigene Sprache, Nationalbewusstsein und Ehrfurcht vor der nationalen Tradition.« Mit solchen Aussagen erzeugen sie das Gefühl, es gehe um ein in Jahrhunderten gewachsenes Naturgesetz. Dabei handelt es sich lediglich um eine immer aufs Neue wiederholte, konsequent verbreitete Definition rechter Kreise. Je mehr Menschen ihr zustimmen, desto wirklicher wird sie. Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation. Und Kultur ist das, dem wir Bedeutung geben. Daher kann man auch verstehen, warum die lange gepflegte Unterscheidung zwischen Hochkultur und Populärkultur reichlich künstlich und fragwürdig ist.
