Mit einer gewis­sen Abscheu, wenn nicht gar Ekel, wur­de im letz­ten Jahr­hun­dert über den Schund, die angeb­lich min­de­re Qua­li­tät und Ver­dor­ben­heit von Jugend­kul­tu­ren geschrie­ben. Häu­fig waren gera­de sie ein wich­ti­ger Ein­fluss für Popu­lär­kul­tur. Das reich­te von der Musik der Beat­les bis zum Schreck­bild der Punks in den acht­zi­ger Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts. Erst lang­sam setz­te sich die Erkennt­nis durch, vor allem durch den Erfolg der Mas­sen­me­di­en, dass der Geschmack der Vie­len nicht auto­ma­tisch min­der­wer­tig ist. Schon damals war der Ver­such, Kul­tur zu ver­ste­hen, immer auch mit der Unter­su­chung von Medi­en ver­bun­den. Der Begriff Pop­kul­tur wur­de irgend­wann im 19. Jahr­hun­dert geprägt, wie es Jens Bal­zer in eini­gen sei­ner sehr lesens­wer­ten Tex­te zum The­ma unter­sucht hat.[7]

Pop­kul­tur galt damals als die Kul­tur der Unge­bil­de­ten, der Unter­schicht. Die obe­ren Klas­sen mit höhe­rer Bil­dung hat­ten ihre »offi­zi­el­le Kul­tur«. Die Oper, das Thea­ter, das Plau­dern über Lite­ra­tur in exklu­si­ven Clubs. Mit der stei­gen­den Lese­quo­te in Groß­bri­tan­ni­en began­nen immer mehr Men­schen, Zeit und Geld für kul­tu­rel­le Pro­duk­te aus­zu­ge­ben, ins­be­son­de­re um sich zu unter­hal­ten. Dies schuf ein Publi­kum für bil­li­ge popu­lä­re Lite­ra­tur, Gro­schen­hef­te, die soge­nann­ten Pen­ny Dreadfuls oder Pen­ny Fic­tion. Die­se Geschich­ten wur­den wöchent­lich zum Preis von einem ein­zi­gen Pen­ny ver­öf­fent­licht. Geschich­ten über Kri­mi­nal­fäl­le, kit­schi­ge Lie­bes­schnul­zen, bil­li­ge Effekt­ha­sche­rei, häu­fig auch mit frei­zü­gi­gen sexu­el­len Anspie­lun­gen ver­se­hen. Das wur­de von den Gebil­de­ten mit Wider­wil­len wahr­ge­nom­men. Die »offi­zi­el­le Kul­tur« woll­te sich unbe­dingt von der Pop­kul­tur abgren­zen. Es war eine Kul­tur von unten. Sie hat­te kei­ne Scheu, sich auch mit mora­li­schen Grenz­über­schrei­tun­gen genüss­lich zu beschäf­ti­gen und das als Unter­hal­tung unter die Leu­te zu brin­gen. Plötz­lich gab es auch eine neue Form von Hel­den. Man bezeich­net sie im Eng­li­schen als »under­dogs«. Man inter­es­sier­te sich für die Stim­men vom Rand. Oft fre­che, gewitz­te Figu­ren, die sich nicht unter­krie­gen lie­ßen. Auch nicht von den herr­schen­den Eli­ten. Das genau macht sie so attrak­tiv für Popu­lis­ten. Gegen die Eli­ten zu sein, mit Hass, Wut und eben auch bru­ta­lem Humor auf­zu­be­geh­ren, gegen »die da oben«: Das ist der Humus für Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen wie jener in der fran­zö­si­schen Stadt Orlé­ans. Die Sto­ries müs­sen leicht kon­su­mier­bar sein. Sie müs­sen Spaß machen. Gleich­zei­tig müs­sen sie ein wenig den Gru­sel bie­ten, dass da Geheim­nis­se gelüf­tet wer­den, wel­che die Mäch­ti­gen vor den »klei­nen Leu­ten« ver­ber­gen wol­len. Ver­wir­rung stif­ten ist das Ziel. Schul­di­ge benen­nen – Juden, Mus­li­me, Aus­län­der, Migran­ten, Eli­ten. Sitzt der Haken, wird eine Lösung ange­bo­ten: Wenn du nicht an das glaubst, was dir die »Main­stream-Medi­en« ein­re­den wol­len, kommst du der Wahr­heit ein gan­zes Stück näher. Mach dich auf den Weg. Doch die moder­nen Popu­lis­ten blei­ben an die­sem Punkt nicht ste­hen. Sie grei­fen von zwei Sei­ten an. Für das »Volk« gibt es die popu­lä­ren For­ma­te. Für die Mit­tel­schicht und die Gebil­de­ten, die bei­spiels­wei­se bei Wah­len eine ent­schei­den­de Rol­le spie­len, gibt es auch ein respek­ta­bles Ange­bot im Bereich der Hoch­kul­tur. Par­tei­en wie die AfD beru­fen sich in Deutsch­land gern auf die gro­ße deut­sche Geschich­te. Auf die Musik Johann Sebas­ti­an Bachs. Auf Mar­tin Luther. Auf die Dome des Mit­tel­al­ters. Auf die »mit dem Ham­mer« zuschla­gen­de Phi­lo­so­phie Fried­rich Nietz­sches, der ja bekannt­lich nach einem neu­en »Über­men­schen« rief. Kul­tur­ge­schicht­li­che Zusam­men­hän­ge spie­len dabei kaum eine Rol­le. Wich­tig ist die Inan­spruch­nah­me von Kul­tur für die gro­ße Erzäh­lung von einer »geis­tig kul­tu­rel­len Wen­de« wie sie die AfD in ihren Par­tei­pro­gram­men immer wie­der for­dert. Auf die­ser Kla­via­tur spie­len die neu­en Ver­füh­rer meis­ter­haft. Das Bild ist nicht nur meta­pho­risch zu ver­ste­hen. In die­sen poli­ti­schen Krei­sen sind auf­fäl­lig vie­le Musi­ker anzu­tref­fen, Künst­ler, wel­che nichts weni­ger for­dern als eine radi­ka­le Rück­be­sin­nung auf das gro­ße natio­na­le Erbe. Bei genaue­rem Hin­se­hen ent­deckt man in die­ser For­de­rung aber auch einen beun­ru­hi­gen­den Nebel, der etwas voll­kom­men ande­res zu ver­mit­teln ver­sucht als das Inter­es­se an zeit­lo­ser Kunst.

Anmer­kung: Der Text ist ein bear­bei­te­ter Aus­zug aus dem Buch:
Wolf­ram, Ger­not: Kampf­zo­ne Kul­tur. Wie uns Popu­lis­ten verführen.
Ras­tede: Edi­ti­on Ein­wurf, 2025.