Mythen des Alltags

Grillen

Über die Selbstverwirklichung am Rost

Von Lena Schell


Wenn man beim ers­ten war­men Wet­ter im Früh­ling durch die Stra­ßen läuft, kann man es mit sämt­li­chen Sin­nen erfah­ren: Die Grill­sai­son ist eröff­net. Zu Rauch­schwa­den klingt gute Lau­ne und Gesel­lig­keit aus den Gär­ten. Aus allen Rich­tun­gen flie­gen einen Gerü­che an, die Lust auf das machen, was dort zube­rei­tet wird. 

Dabei ist Gril­len nicht ein­fach nur Gril­len. Gril­len könn­te zwar ganz ein­fach gestal­tet wer­den – mit einer Wurst auf einem zuge­spitz­ten Holz­stab über dem Lager­feu­er –, muss es aber nicht. Egal ob Grill­gut, Grill, Bei­la­gen oder Geträn­ke – inzwi­schen gehört es bei­na­he zum guten Ruf, sei­ne eige­ne Per­sön­lich­keit beim Gril­len zu ent­fal­ten. Dabei lan­det das Rin­der­steak noch rela­tiv klas­sisch auf dem Rost, aber Rin­der­steak ist nicht gleich Rin­der­steak. Es gibt ver­schie­de­ne Cuts wie das in Frank­reich belieb­te Ent­recôte oder das in der USA belieb­te T-Bone-Steak, und man kann das Steak »rare«, »medi­um« oder »well done« garen. 

Ähn­lich, nur noch viel kom­pli­zier­ter, stellt sich das Gan­ze bei Gemü­se dar. Man kann die Zuc­chi­ni als Schei­ben in Kräu­ter und Oli­ven­öl mari­niert oder mit einer lecke­ren Frisch­kä­se­fül­lung gril­len. Womit wir schon beim The­ma wären: Der Vege­ta­ri­er bringt sei­nen Grill­kä­se mit, egal ob Hallo­u­mi oder Camem­bert – Haupt­sa­che, er kommt nicht mit dem Fleisch in Kon­takt, und alle Nicht-Vege­ta­ri­er dür­fen nach­her auch noch pro­bie­ren. 
Da der Grill­rost für all die­se indi­vi­du­el­len Wün­sche schon jetzt viel zu klein ist, wird zur wei­te­ren Dar­stel­lung des eige­nen »life­style« auf die Salat­the­ke zurück­ge­grif­fen. Wer einen klas­si­schen Nudel- oder Kar­tof­fel­sa­lat mit­bringt, lässt die­sen meist noch von Mama oder Oma machen, denn nur dann schmeckt er so rich­tig lecker. Ansons­ten fin­den sich außer­ge­wöhn­li­che Kom­bi­na­tio­nen aus Avo­ca­do, Qui­noa und Kicher­erb­sen mit noch außer­ge­wöhn­li­che­ren Limet­ten-Honig-Dres­sings auf Walnussöl-Basis. 

Aber war­um lie­ben wir alle das Gril­len so sehr? Es geht dabei – auch wenn dies die selbst­er­nann­ten Exper­ten am Grill sicher­lich nicht ger­ne hören – nicht nur um das saf­ti­ge Steak oder die kros­se Zuc­chi­ni. Nein, das gute Essen ist nur einer der Genüs­se, der aus Gril­len ein sozia­les Event der Freu­de macht. Neben den zuge­ge­ben lecke­ren Spei­sen und der ab und zu viel­leicht zu gut gemein­ten Zuta­ten­schlacht und Selbst­in­s­zi­nie­rung tref­fen wir Freun­de, unse­re Fami­lie oder Nach­barn. Dabei erle­ben wir gemein­sam tol­le Stun­den und füh­ren inter­es­san­te Unter­hal­tun­gen bei bes­tem Wet­ter und einem lecke­ren Glas Rot­wein oder selbst­ge­mach­ter Limo­na­de. Es ist egal, ob es sich um das deut­sche Gril­len, das ame­ri­ka­ni­sche Bar­be­cue oder das süd­afri­ka­ni­sche Braai dreht – auf der gan­zen Welt las­sen wir den All­tag hin­ter uns und genie­ßen eini­ge Stun­den Urlaub und legen unse­ren Fokus auf das Wich­ti­ge: das Essen.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 18, Frühjahr 2021