Mythen des Alltags

Im Wartezimmer

Wo Minute um Minute verstreicht

Von Saskia Klingebiel


Ein herz­haf­tes Schnie­fen aus der einen Ecke, ein glu­ckern­des Hus­ten aus der ande­ren. Bloß nicht anste­cken. Das Zim­mer riecht des­in­fi­ziert, die War­ten­den krank. Die Uhr an der Wand tickt vor sich hin. Minu­te um Minu­te ver­streicht. Das Tele­fon klin­gelt. »Nein! 18 Uhr ist kei­ne Sprech­stun­de mehr.« Gespann­te Stil­le. Blick­kon­takt wird ver­mie­den, Wor­te wer­den nicht gewech­selt. Geht ja auch nie­man­den etwas an, war­um man da ist. Die Stil­le wird nur ab und an unter­bro­chen, wenn ein neu­er Ein­dring­ling die Pra­xis betritt. »Hal­lo«, »Guten Tag«, Nicken - dann fällt der Blick wie­der auf die zer­fled­der­te Illus­trier­te, die man sich vom Sta­pel gefischt hat. Minu­te um Minu­te ver­streicht.

»Herr Woyj… wie auch immer«. Bit­te wer? Gespann­te Stil­le. »Woyje…ctez …« Ein ande­rer. Der Blick schweift ab von der Illus­trier­ten und begut­ach­tet den Raum. »Wer sei­nen Part­ner liebt, schickt ihn zur Darm­krebs­vor­sor­ge.« Dane­ben gerahm­te Kunst­dru­cke. Nett. Ein Kunst­ka­len­der. Auch nett. Infor­ma­tio­nen über die Grip­pe­imp­fung von fies aus­se­hen­den Influ­en­za­vi­ren. Im Herbst viel­leicht. Minu­te um Minu­te ver­streicht. Der nächs­te Pati­ent wird auf­ge­ru­fen. Noch ein­mal die Illus­trier­te umblät­tern – durch­ge­kaut. Ein paar Stüh­le wei­ter ein Uhr­gu­cker mit fins­te­rer Mie­ne. Er atmet schwer aus und drückt sich auf dem Stuhl hin und her. Auf ver­ein­zel­ten Stüh­len lie­gen zer­knautsch­te Kis­sen. Auf mei­nem nicht. Auf sei­nem wohl auch nicht. Der nack­te Plas­tik­stuhl unter dem Hin­tern zwickt. Dau­ert das noch lan­ge? Minu­te um Minu­te ver­streicht.

Eine Frau steht auf und holt sich etwas zu trin­ken. Man­che schau­en ver­wun­dert auf, als wür­de sie aus einer ande­ren Welt kom­men. Ein Stö­ren­fried der Stil­le. Was nun? Erneut ein Blick auf die Uhr. Minu­te um Minu­te ver­streicht. Links von mir tip­peln schi­cke Leder­tre­ter. Die Gesund­heits­schu­he rechts haben sich die letz­ten drei­ßig Minu­ten nicht gerührt. Die Uhr an der Wand tickt vor sich hin. End­lich: der erlö­sen­de Satz.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016