Mythen des Alltags

Kleingeld

Münzen von geringem Wert: abschaffen oder einsacken?

Von Nils Yannik Groos


Es zieht und zerrt, bei Schritt und Tritt. Ein läs­ti­ger Gesel­le. Vor allem schnel­les Gehen, gar Ren­nen oder Hüp­fen ist beschwer­lich. Es fühlt sich an wie eine Hand­voll Stei­ne in der Hosen­ta­sche. Wur­de der Gür­tel ver­ges­sen – unan­ge­nehm …

Klein­geld, das ist Bar­geld in Form von Mün­zen mit gerin­gem Wert. Ins­be­son­de­re wird es zum Bezah­len klei­ner Beträ­ge genutzt oder aber als Wech­sel­geld. Das Wort »Geld« hat sich aus dem alt­hoch­deut­schen Wort »gelt« abge­lei­tet, das glei­cher­ma­ßen Ein­kom­men, Wert, Ver­gel­tung oder Ver­gü­tung bedeu­tet. Geld, das steht für Macht – Klein­geld auch? Nun, dem Groß­müt­ter­chen, das an der Kas­se in aller See­len­ru­he die tief lie­gen­den, in der Dun­kel­heit ver­bor­ge­nen Gro­schen aus der Geld­bör­se kramt und dann aus lau­ter Ver­zweif­lung den gesam­ten Inhalt auf die Abla­ge ent­leert, wür­de man wohl kaum eine Macht­de­mons­tra­ti­on vor­wer­fen. Die Macht des Klein­gel­des sei dahin­ge­stellt. Über den Wert des Klein­gel­des kann jedoch prä­zi­se gespro­chen wer­den. Es ist wohl wenig über­ra­schend, dass die Ein-Cent-Mün­ze auf den Cent genau einen Cent wert ist. Und was lässt sich Gutes damit erwer­ben? Nichts.

Die Nie­der­län­der haben dar­aus die ver­meint­lich logi­sche Kon­se­quenz gezo­gen und die Ein-Cent-Mün­ze mit­samt der Zwei-Cent-Mün­ze aus ihrem Leben ver­bannt. Zu teu­er sei­en Her­stel­lung, Trans­port und Bear­bei­tung der Kup­fer­ber­ge. Auch die Bilanz­kom­mis­si­on der Abge­ord­ne­ten­kam­mer in Rom hat das Kleinst-Geld als über­flüs­sig ein­ge­stuft. So wur­de beschlos­sen, dass ab dem 1. Janu­ar 2018 in Ita­li­en kei­ne Ein- und Zwei-Cent-Mün­zen mehr her­ge­stellt wer­den.

Gut 57 Pro­zent der Deut­schen wür­de das unnö­ti­ge Klein­geld auch nicht feh­len. Immer mehr Men­schen beschwe­ren sich über die läs­ti­gen Mini­mün­zen. Soll­ten sie auch in Deutsch­land abge­schafft wer­den? Tat­säch­lich hat ein klei­nes, ver­schla­fe­nes Nest in Nord­rhein-West­fa­len es den Nie­der­län­dern gleich­ge­tan. In der Klein­stadt Kle­ve wird auf den nächs­ten Fünf-Cent-Betrag ent­we­der auf- oder abge­run­det.

Soll­te das Bei­spiel Schu­le machen, wer­den wir uns von eini­gen Ritua­len ver­ab­schie­den müs­sen. Die Wor­te »Auf­run­den, bit­te!« beim Bäcker gehö­ren dann wohl bald der Ver­gan­gen­heit an. Aktio­nen wie »Deutsch­land run­det auf – gemein­sam gegen Kin­der­ar­mut« wer­den auf der Stre­cke blei­ben. Eben­so zahl­rei­che Schwei­ne. Denn die Abschaf­fung des Klein­gelds wird ein vehe­men­tes Mas­sen­ster­ben der Spar­schwei­ne mit sich brin­gen. Schließ­lich soll­te auch für Ein-Cent-, Zwei-Cent- und Fünf-Cent-Mün­zen gel­ten: Klein­vieh macht doch auch Mist, oder?


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 11, Herbst 2017