Mythen des Alltags

Kopfhörer

Zwischen Individualität und Isolation

Von Anke Westphal


Ein hek­ti­scher Tag, Bus ver­passt, Prü­fung ver­hau­en, Kopf­schmer­zen – den Kopf vol­ler Gedan­ken, die Stadt vol­ler Lärm – ein Griff in die Jacken­ta­sche, Kopf­hö­rer ins Ohr, Musik an. Die Welt wird ruhi­ger, fokus­sier­ter. Durch­at­men, Kopf sortieren.

Kopf­hö­rer sind für vie­le Men­schen mehr als ein tech­ni­sches Gad­get: Sie sind Rück­zugs­ort, ein Mit­tel zur Kon­zen­tra­ti­on oder ein Aus­druck von kom­mu­ni­ka­ti­vem Des­in­ter­es­se, und sie gehö­ren für vie­le Men­schen selbst­ver­ständ­lich zum All­tag. Sie kön­nen dabei hel­fen, sich beim Sport zu moti­vie­ren, die Außen­welt abzu­gren­zen, den Abwasch dank eines Pod­casts inter­es­san­ter zu gestal­ten und ein Tele­fo­nat ganz ein­fach auf dem Fahr­rad zu führen.
Gleich­zei­tig sor­gen sie immer wie­der für Dis­kus­sio­nen: Wenn sich jeder nur noch auf sich kon­zen­triert, wo bleibt das Mit­ein­an­der? Und gera­de dar­auf soll­ten wir heut­zu­ta­ge beson­ders acht­ge­ben, oder?

Die Geschich­te der Kopf­hö­rer beginnt im spä­ten 19. Jahr­hun­dert, als sie haupt­säch­lich in pro­fes­sio­nel­len Berei­chen wie der Tele­gra­phie, Funk­tech­nik und in Tele­fon­zen­tra­len genutzt wur­den.[1] Der gro­ße Durch­bruch kam 1980 mit dem Walk­man, der das Musik­hö­ren revo­lu­tio­nier­te, indem er Kopf­hö­rer von einer tech­ni­schen Not­wen­dig­keit zu einem frei zugäng­li­chen Zube­hör mach­te.[2]

In den letz­ten Jahr­zehn­ten erleb­ten Kopf­hö­rer durch kabel­lo­se Tech­no­lo­gien und Smart­phones eine neue Blü­te­zeit. Noi­se-Can­cel­ling-Model­le (Gerä­te, wel­che Umge­bungs­ge­räu­sche fil­tern kön­nen) sor­gen nicht nur für Ruhe, son­dern bie­ten zusätz­lich eine Form von Kon­trol­le: Die Nut­zer ent­schei­den, was sie hören – und was nicht. Kabel­lo­se »In-Ear-Model­le« (die nicht auf das Ohr, son­dern direkt in das Ohr gesetzt wer­den) wie Bei­spiels­wei­se die Air­Pods vom ame­ri­ka­ni­schen Hard- und Soft­ware­ent­wick­ler »Apple« ent­wi­ckeln sich zu Sta­tus­sym­bo­len. Bemer­kens­wert ist dabei, dass eini­ge neue­re Model­le wie die Air­Pods Pro sogar als Hör­ge­rä­te genutzt wer­den kön­nen[3] – ein Bei­spiel für die fort­schrei­ten­de Ver­schmel­zung von Lebens­stil und Funktionalität.

Doch was sagen Kopf­hö­rer über uns als Gesell­schaft aus? Einer­seits bie­ten sie die Mög­lich­keit, sich in eine pri­va­te Klang­welt zurück­zu­zie­hen. Ande­rer­seits för­dern sie durch geteil­te Play­lists, Dis­kus­sio­nen über Pod­casts oder das gemein­sa­me Syn­chro­ni­sie­ren von Play­lis­ten auch digi­ta­le Ver­net­zung. Die Autorin und Repor­te­rin Anne Back­haus hat für den Deutsch­land­funk eine kla­re Posi­ti­on gefun­den: » … viel­leicht tra­gen sie [Kopf­hö­rer] häu­fig sogar zu einem bes­se­ren Mit­ein­an­der bei. Denn wir sind ja auch rück­sichts­voll, wenn wir uns gegen eine Boom-Box und für die Kopf­hö­rer ent­schei­den. Wir sind freund­lich, wenn wir lie­ber eine neue Pod­cast-Fol­ge hören als knis­tern­de Frau­en anzu­mau­len. Wir kon­su­mie­ren nicht ein­fach, wir pfle­gen unse­re Pri­vat­sphä­re, viel­leicht sogar unse­re See­le, wenn wir in lärm­re­du­zie­ren­de Kopf­hö­rer inves­tie­ren und den Welt­ton vor­über­ge­hend abschal­ten.«[4]

Die Nut­zung von Kopf­hö­rern wird von Kri­ti­kern aber auch oft als Sym­bol für Abgren­zung und feh­len­den zwi­schen­mensch­li­chen Aus­tausch gese­hen. So argu­men­tiert Micha­el Bull in sei­nem Buch »Sound­ing Out the City: Per­so­nal Ste­re­os and the Manage­ment of Ever­y­day Life«, dass per­sön­li­che Audio­ge­rä­te wie Walk­mans (und heu­te Kopf­hö­rer) es den Nut­zern ermög­lich­ten, sich von ihrer Umge­bung abzu­schot­ten und eine indi­vi­du­el­le Klang­welt zu schaf­fen, was zu einer Ver­rin­ge­rung spon­ta­ner sozia­ler Inter­ak­tio­nen füh­ren kön­ne.[5] »In einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge der Tech­ni­ker Kran­ken­kas­se (TK) gab mit 68 Pro­zent die Mehr­heit der 18- bis 39-Jäh­ri­gen an, häu­fig oder zeit­wei­se ein­sam zu sein.«[6] Könn­te es bei den Ent­wick­lun­gen in der heu­ti­gen Zeit einen Zusam­men­hang geben?

Kopf­hö­rer ver­än­dern, wie wir Musik erle­ben und an ihr teil­ha­ben – und unse­re Umwelt. Die Mög­lich­keit, jeder­zeit und über­all Musik zu hören, hat den Über­gang von gemein­schaft­li­chen zu indi­vi­dua­li­sier­ten Hör­erfah­run­gen ver­än­dert. Laut einer Stu­die der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin führt das mobi­le Musik­hö­ren über Kopf­hö­rer dazu, dass Musik inten­si­ver wahr­ge­nom­men wird und Hörer gezielt ihre akus­ti­sche Umge­bung steu­ern[7]. Und was bedeu­tet das für unser Ver­hält­nis zur Musik? Auch die Art, wie wir Emo­tio­nen durch Musik steu­ern, hat sich ver­än­dert – Musik wird immer mehr als Mit­tel zur Stim­mungs­re­gu­la­ti­on genutzt, und ist somit oft eher funk­tio­nal als ein bewuss­ter Genuss[8].

Kopf­hö­rer ste­hen für Indi­vi­dua­li­tät, Kon­trol­le und die Mög­lich­keit, in einer hek­ti­schen, lau­ten und vol­len Welt Ord­nung zu schaf­fen – sei es durch das, was wir hören, oder das, was wir aus­blen­den. Ihre Ent­wick­lung spie­gelt nicht nur tech­ni­sche Fort­schrit­te, son­dern auch Ver­än­de­run­gen in unse­rer Gesell­schaft. Ihr Ein­fluss wird sicher auch in Zukunft spür­bar blei­ben – in wel­cher Form, das wird sich noch zeigen.