Buchbesprechung

»Logik ist die Struktur der Sprache«

Bertrand Russells Wahrheitssuche als Comic

»Logi­co­mix« ist eine span­nen­de, phan­ta­sie­voll und detail­liert aus­ge­schmück­ter Bio­gra­fie des Logi­kers Bert­rand Rus­sell, die die Grund­la­gen der Mathe­ma­tik und Logik eben­so anschau­lich ver­mit­telt wie die emo­tio­na­len Zustän­de der Wis­sen­schaft­ler hin­ter die­ser Geschich­te.

Ent­ste­hungs­ort des Comics ist Athen – der Ort, an dem die Wis­sen­schaft ihren Ursprung hat, der Wir­kungs­ort von Aris­to­te­les, dem ers­ten gro­ßen Sys­te­ma­ti­ker. Die Autoren Apos­to­los Doxia­dis und Chris­tos H. Papa­di­mi­triou schu­fen mit »Logi­co­mix. Eine epi­sche Suche nach der Wahr­heit« eine Geschich­te, die nach den Grund­la­gen der Mathe­ma­tik sucht. Der Comic wird sei­nem Unter­ti­tel gerecht, wobei sich »episch« weni­ger auf die fach­li­chen Aspek­te von Logik und Mathe­ma­tik bezieht, son­dern mehr auf die lebens­lan­ge Suche des Prot­ago­nis­ten Bert­rand Rus­sell nach gesi­cher­tem Wis­sen. In die­se Suche ist die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der gra­fi­schen Novel­le selbst ein­ge­bun­den. Drei Hand­lungs­ebe­nen sor­gen für Abwechs­lung, stel­len Bezü­ge her und machen aus einer Bio­gra­fie eine span­nungs­rei­che Geschich­te.

Rus­sells Erin­ne­run­gen an seine Kindheit

Rus­sells Erin­ne­run­gen an sei­ne Kind­heit

Der Leser wird in der Rah­men­hand­lung an der Ent­ste­hung des Comics und den inhalt­lich rele­van­ten Ent­schei­dun­gen der Autoren betei­ligt. Dabei stel­len Sze­nen, in denen in die »rea­le Welt« der Autoren gewech­selt wird, für den Ver­lauf der Geschich­te stra­te­gisch wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen dar, in die­se Sze­nen wird die eigent­li­che Hand­lung ein­ge­bet­tet. So tritt der Prot­ago­nist Bert­rand Rus­sell mit sei­nem Vor­trag »Die Rol­le der Logik im mensch­li­chen Ver­hal­ten« in Akti­on. Die­ser Vor­trag soll die Fra­ge klä­ren, ob die USA dem zwei­ten Welt­krieg bei­tre­ten sol­len oder nicht. Wel­che Ent­schei­dung wäre ver­nünf­tig? Rus­sell ver­sucht Hil­fe­stel­lung zu geben anhand der Schil­de­rung sei­nes eige­nen Lebens­wegs, der von der Suche nach Wahr­heit und gesi­cher­tem Wis­sen gekenn­zeich­net ist. Sein auto­bio­gra­fi­scher Vor­trag spie­gelt die Suche nach gesi­cher­tem Wis­sen und bil­det eine wei­te­re Hand­lungs­ebe­ne.

Die gra­fi­sche Novel­le behan­delt nicht nur das »Wie« von Logik und Mathe­ma­tik wie­der, son­dern auch das »War­um«. Die ste­ti­ge Suche nach Wahr­heit, das Rin­gen um Erkennt­nis und gesi­cher­tes Wis­sen ist Rus­sells Antrieb, sich ein Leben lang mit Inten­si­tät und Dis­zi­plin der Wis­sen­schaft zu wid­men. Dabei lie­gen Genie und Wahn­sinn nah bei­ein­an­der. An Logos und Pathos des Lesers wird appel­liert: Das Emo­tio­na­le lässt sich nicht strikt vom Wis­sen­schaft­li­chen tren­nen. Der Comic schil­dert das Auf und Ab, die Nie­der­la­gen und Neu­an­fän­ge, die den Wer­ken vor­aus­ge­hen. Im Fokus des Comics ste­hen pri­mär die Men­schen hin­ter den Theo­ri­en. Trotz aller Bemü­hun­gen um Logik und Ratio­na­li­tät wer­den auch die genia­len Köp­fe von Emo­tio­nen gesteu­ert. Die nicht ratio­na­len Zustän­de der Wis­sen­schaft­ler sind teil­wei­se Schlüs­sel­mo­men­te für die Ent­wick­lung ihrer Theo­ri­en. Die erzäh­le­ri­sche Schil­de­rung von Rus­sells Lebens­weg ist gleich­zei­tig die epi­sche Suche nach den Grund­la­gen der Mathe­ma­tik und Logik. In all dem wird immer wie­der die Fra­ge gestellt, ob Logik nun ein Teil des mensch­li­chen Ver­hal­tens ist oder nicht. Ja, meint Lud­wig Witt­gen­stein: »Logik ist die Struk­tur der Spra­che, sie ist ein­ge­bet­tet wie Monier­ei­sen, die ein Gebäu­de stüt­zen.« (S. 258) Wie steht Bert­rand Rus­sell dazu? Wer die­se Fra­ge beant­wor­tet haben will, muss den Comic lesen.