Mythen des Alltags

»Olympia«

Eine besondere Schreibmaschine

Von Johanna Kleyla


Wo fin­det man sie noch, die guten, alten Din­ge? Gegen­stän­de mit Cha­ris­ma und einer Qua­li­tät, die sie von Dau­er sein lässt? Lei­der ver­schwin­den sie meist still und lei­se aus unse­rem Welt­bild. Sei es nun der Gewöh­nung oder dem Lauf der Zeit geschul­det. Doch eini­ge blei­ben uns als Design­klas­si­ker im Geden­ken oder wer­den zu Mythen des All­tags. Die Iko­ne, von der berich­tet wird, ist die Schreib­ma­schi­ne »Olym­pia«.

Olym­pia, weib­lich, kommt aus dem Grie­chi­schen und lei­tet sich vom Berg Olymp ab. Viel­leicht hat dort Hephais­tos selbst die­se Schreib­ma­schi­ne geschmie­det, bei ihrem Gewicht und ihrer archai­schen Aura könn­te man das fast anneh­men. Den­noch besitzt die Schreib­ma­schi­ne eine ele­gan­te Fein­me­cha­nik aus fili­gra­nen Tas­ten und einer Viel­zahl leicht­gän­gi­ger Hebel. Schein­bar mühe­los gelingt ein Spa­gat zwi­schen Stär­ke und Sen­si­bi­li­tät. Einen Feh­ler bei ihrer Bedie­nung zu bege­hen, muss der Benut­zer kaum fürch­ten. Sel­ten hat eine all­täg­li­che Maschi­ne so leicht durch ihr unent­weg­tes Tip­pen mit einem fei­nen »Bing« am Ende jeder Zei­le der­art hei­me­li­ge Stim­mung erzeu­gen kön­nen. Sub­til führt die­se Geräusch­ku­lis­se zu einer Stär­kung der Kon­zen­tra­ti­on und einer Arbeits­at­mo­sphä­re, die es ermög­licht, leicht in die Tätig­keit des Schrei­bens zu ver­sin­ken.

Einst war sie fast in jedem Haus­halt und Büro anzu­tref­fen und unab­ding­bar, wenn es um das Ver­fas­sen jed­we­der Tex­te ging. Die ein­zi­ge Aus­nah­me stell­ten natür­lich Lie­bes­brie­fe dar. Aber bei allem, was in einer ein­heit­li­chen Form ver­fasst wer­den muss­te, war man auf eine Schreib­ma­schi­ne ange­wie­sen. Doch waren ihre Schrift­stü­cke kei­nes­wegs uni­form. Bei jedem ein­zel­nen Gerät konn­te ein indi­vi­du­el­ler Fin­ger­ab­druck oder, bes­ser gesagt, Tas­ten­ab­druck fest­ge­stellt wer­den. So war es nach einer Straf­tat durch­aus sinn­voll, die z. B. für den Erpres­ser­brief benut­ze Maschi­ne ver­schwin­den zu las­sen, da Kri­mi­no­lo­gen ein Schrift­stück exakt sei­nem Ursprungs­ge­rät zuord­nen konn­ten.

Der jün­ge­ren Genera­ti­on ist die­ses Stück Indus­trie­ge­schich­te nur noch aus Über­lie­fe­run­gen der Eltern und Groß­el­tern bekannt. So hat die Schreib­ma­schi­ne ihre Epo­che schon mehr oder weni­ger hin­ter sich. Vie­le Begrif­fe aus ihrer Nut­zung haben sich aller­dings bis heu­te im Sprach­ge­brauch erhal­ten. Auch wenn sich bei »copy and pas­te« (Aus­schnei­den und Ein­fü­gen) fast nie­mand mehr vor Augen hält, dass man damals tat­säch­lich foto­ko­pier­te Zei­len aus­ge­schnit­ten und auf Doku­men­te geklebt hat. War­um sind die Tas­ten der Smart­pho­ne-Tas­ta­tur nicht ein­fach alpha­be­tisch ange­ord­net? Ist »qwertz« über­haupt noch eine sinn­vol­le Anord­nung, wo doch bei digi­ta­len Anwen­dun­gen Fin­ger gar kei­ne Hebel mehr ver­kan­ten?

Wenn­gleich die klas­si­sche Schreib­ma­schi­ne in der Anwen­dung ihrem Cou­sin, dem Com­pu­ter, wei­chen muss­te, so ist sie den­noch nicht abge­schrie­ben. Viel­mehr geschieht mit ihr, was vie­len Klas­si­kern pas­siert. Die Fas­zi­na­ti­on bleibt bestehen, und so fin­det man auf moder­nen Ver­kaufs­por­ta­len häu­fig im Vin­ta­ge­be­reich die eine oder ande­re intak­te »Olym­pia« für meh­re­re hun­dert Euro wie­der. Die­ses ästhe­ti­sche Relikt ist Zeu­gin einer Zeit, in der Maschi­nen noch nach­voll­zieh­bar waren und Ver­trau­en genos­sen. Das Kla­ckern einer »Olympia«-Schreibmaschine ist noch nicht ver­stummt. Sie steht in einem klei­nen Büro in Fran­ken und leis­tet seit mehr als 50 Jah­ren täg­lich ihren Dienst. Ob sie noch lan­ge funk­tio­nie­ren wird? Ja, dar­auf kann man tip­pen.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 6, Frühjahr 2015