Essay

Rhetorische Hinweise für technische Redakteure

Über das Verfassen von Gebrauchsanleitungen

Von Francesca Vidal


Als ich den Ver­kaufs­lei­ter einer Küchen­ab­tei­lung bat, mir eine Gebrauchs­an­lei­tung für einen Induk­ti­ons­herd mit­zu­brin­gen und am bes­ten – aus Zwe­cken der Illus­tra­ti­on – eine nicht so gute, war sei­ne lako­ni­sche Ant­wort: »Die sind alle schlecht«, außer­dem wür­de sie eh kein Ver­brau­cher lesen, wer wol­le schon 15 Sei­ten Sicher­heits­hin­wei­se stu­die­ren – aber das müs­se halt sein. Daher kön­ne ich auch ein­fach die von mei­nem eige­nen Herd neh­men.

Das ist für tech­ni­sche Redak­teu­re – als deren End­pro­dukt die Gebrauchs­an­lei­tung bei der Ent­wick­lung eines Pro­duk­tes steht und die gera­de des­halb schon in der Pha­se der Pro­dukt­ent­wick­lung dar­an gear­bei­tet haben – eine depri­mie­ren­de, aber auch aus­sa­ge­kräf­ti­ge Aus­sa­ge, weil sie wich­ti­ge Signa­le gibt:
1. Dass die Sicher­heits­hin­wei­se sein müs­sen, sieht jeder ein, sie sind not­wen­dig, erschwe­ren aber die Les­bar­keit des Tex­tes.
2. Nicht ein­mal ein Ver­kaufs­lei­ter, der das Pro­dukt ver­kau­fen will und aus der Arbeit der Redak­teu­re doch Argu­men­te für den Ver­kauf zie­hen könn­te, hat ein posi­ti­ves Ver­hält­nis zu sol­chen Tex­ten. Aus sei­ner Erfah­rung mit den Kun­den weiß er zudem, dass sie Anlei­tun­gen nicht lesen wol­len, da sie die­sen von vorn­her­ein kri­tisch gegen­über ste­hen. Und auch wenn die »tekom« [1] den Ver­brau­chern in ihren Tipps »Erken­nen Sie eine gute Gebrauchs­an­wei­sung« rät, den Kauf von Pro­duk­ten zu ver­wei­gern, wenn Gebrauchs- oder Mon­tag­an­lei­tung nicht ver­ständ­lich sei­en, scheint dies im Ver­kauf nie­man­den ernst­haft zu beun­ru­hi­gen. Dar­aus lässt sich die Schluss­fol­ge­rung zie­hen, dass dar­auf wenig geach­tet wird, selbst wenn die Unzu­frie­den­heit mit den Anlei­tun­gen latent vor­han­den ist.
3. Auch Benut­zer eines Induk­ti­ons­her­des erin­nern sich nicht an die Gebrauchs­an­lei­tung, selbst wenn es sich um Rhe­to­ri­ke­rin­nen han­delt.

Erst der Anlass, mich mit den Auf­ga­ben von tech­ni­schen Redak­teu­ren und Redak­teu­rin­nen zu beschäf­ti­gen, führ­te zur Lek­tü­re der Gebrauchs­an­wei­sung mei­nes Induk­ti­ons­her­des und auf Grund­la­ge der Lek­tü­re zur Fest­stel­lung, dass es sich hier­bei um sehr kla­re und deut­li­che Anwei­sun­gen han­delt. Auch wür­de ich sagen, dass Hin­wei­se der »tekom«[2] durch­aus erfüllt sind wie etwa:
• Die deut­sche Fas­sung muss schnell zu fin­den sein
• Die Spra­che soll­te auf Anhieb ver­ständ­lich sein
• Sicher­heits­hin­wei­se sol­len ein­fach und her­vor­ge­ho­ben sein
• Abbil­dun­gen sol­len den Text berei­chern
• For­mat, Druck­qua­li­tät und Papier müs­sen stim­men etc.

Was stört dann? War­um wird eine sol­che Anlei­tung dann nicht als gut und nütz­lich gewer­tet? Oder phi­lo­so­phisch gefragt: Was fehlt, damit sie als sol­che durch Gebrauch aner­kannt wird?

Ange­deu­tet wird dies durch den leicht ver­ständ­li­chen Satz auf S. 28 mei­ner Anlei­tung, auf der die Funk­tio­nen des Her­des erklärt wer­den. Ers­ter Satz ist die unbe­zwei­fel­ba­re Tat­sa­che, dass der Herd, um zu funk­tio­nie­ren, ein­ge­schal­tet sein muss. Wer hät­te das gedacht? Ihr mög­li­cher Ein­wand, aber dies müs­se doch gesagt wer­den, stimmt zwar, aber in Zei­ten einer Tech­nik, die den Anspruch erhebt, intui­tiv begreif­bar zu sein, erin­nert mich der Satz genau dar­an.