2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik | Überblick

Rhetorische Zugänge zum Terror

Tagung über die Wirkungsdimensionen des Schreckens

Von Arne Scheuermann und Pierre Smolarski


Zunächst schei­nen sich die Idee und die Kon­zep­te der Rhe­to­rik und ihrer Legi­ti­ma­ti­on auf der einen Sei­te und die Wirk­lich­keit des Ter­rors auf der ande­ren Sei­te dia­me­tral ent­ge­gen­zu­ste­hen. Von der Rhe­to­rik als anti­ker tech­ne spre­chen wir in Kon­tex­ten des Über­zeu­gens und damit ins­be­son­de­re von der Argu­men­ta­ti­on auf der Ebe­ne des Logos, vom Ide­al des vir bonus[1] auf der Ebe­ne des Ethos und von einer ange­mes­se­nen Affekt­erzeu­gung auf der Ebe­ne des Pathos. Die Rhe­to­rik als Kunst, in allem das mög­lich­wei­se Über­zeu­gen­de zu ent­de­cken[2], zu for­mu­lie­ren und im Inter­es­se der ver­tre­te­nen Stand­punk­te zu nut­zen, befasst sich des­halb auch und vor allem mit den Mög­lich­kei­ten und Stra­te­gi­en der Iden­ti­fi­ka­ti­on[3] eines Red­ners mit sei­nem Publi­kum. Aus­ge­hend von dem, was der Hörer schon weiß und will[4], wird er im Sin­ne der rhe­to­ri­schen Inter­ven­ti­on für die Sicht­wei­sen und Mei­nun­gen des Red­ners geöff­net und idea­ler­wei­se von die­sen auch lang­an­hal­tend über­zeugt. Gewalt, sei sie nun tat­säch­lich aus­ge­übt oder nur ange­droht, steht in die­ser Bestim­mung den rhe­to­ri­schen Kate­go­ri­en eben­so ent­ge­gen wie jede Macht, die den mit­un­ter müh­sa­men Weg rhe­to­ri­scher Über­win­dung[5] nicht gehen muss, weil sie schon selbst evi­dent ist. Wer mit Gewalt oder Macht sei­ne Inter­es­sen durch­set­zen kann, der bedarf kei­ner stra­te­gi­schen Pla­nung eines Rhe­tors. Bleibt also die Fra­ge: Was am Ter­ror, an der geziel­ten Ver­brei­tung von Schre­cken zur Durch­set­zung eige­ner poli­ti­scher Zie­le, ist eigent­lich dann rhe­to­risch? Und eng mit die­ser Fra­ge ist die Fra­ge ver­bun­den, ob man dem Ter­ror, wenn er denn rhe­to­risch fun­diert sein soll­te, nicht auch gezielt rhe­to­risch begeg­nen kann; eine Fra­ge, die ange­sichts der heu­ti­gen ter­ro­ris­ti­schen Bedro­hungs­la­ge in vie­len Tei­len der Welt an Bedeu­tung gewinnt.

Stel­len wir also zunächst die Fra­ge nach den rhe­to­ri­schen Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit von Ter­ror. Führt man sich vor Augen, dass Ter­ror nicht allein eine Ereig­nis­ka­te­go­rie dar­stellt, also bei­spiels­wei­se eine Rei­he kon­kre­ter Ereig­nis­se wie Anschlä­ge umfasst, son­dern eher als eine Wir­kungs­di­men­si­on auf­zu­fas­sen ist, eben als der geziel­te Ein­satz von Schre­cken, Angst oder gar Panik, so wird klar: Auch eine sol­che Wir­kung kann mehr oder weni­ger über­zeu­gend her­vor­ge­bracht wer­den. Zuge­spitzt ist der Anschlag, wenn­gleich eine Tra­gö­die, womög­lich nicht der Kern der ter­ro­ris­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern erst die durch den Anschlag und sei­ne media­le Ver­brei­tung, Bewer­tung und ins­be­son­de­re auch Bebil­de­rung her­vor­ge­ru­fe­ne Bedro­hungs­la­ge.[6] Von die­ser War­te aus ergibt es Sinn, nach der visu­el­len Rhe­to­rik des Ter­rors zu fra­gen, denn die­ser Schre­cken ist immer auch ein media­les und damit ein rhe­to­ri­sches Erzeug­nis.

Das »2. Ber­ner Arbeits­tref­fen zur visu­el­len Rhe­to­rik« wid­met sich dem The­ma »Ter­ror und Legi­ti­ma­ti­on« von drei Sei­ten. Zum einen wird ver­sucht, die rhe­to­ri­schen Dimen­sio­nen des Ter­rors zunächst los­ge­löst von einem kon­kre­ten, aktu­el­len Bezug auf­zu­zei­gen. So unter­sucht Nad­ja J. Koch mit ihrem Vor­trag »Das tota­le Bild« Stra­te­gi­en der visu­el­len Über­wäl­ti­gung in der Anti­ke. Sie stellt Gewalt­sze­nen vor, die nicht sel­ten den man­nig­fal­ti­gen Kämp­fen der Hero­en, Gigan­ten und Göt­ter ent­spran­gen, und ent­wi­ckelt hier­aus Fra­gen zum Ethos, zu pathe­ti­schen Über­zeu­gungs­mit­teln und zur Weckung von Auf­merk­sam­keit. Bernd Stein­brink setzt mit sei­nem Bei­trag eben­so in der Anti­ke an und ana­ly­siert die »Rhe­to­rik des Ter­rors« in sprach­li­chem Bezug.

Ein zwei­ter The­men­be­reich wen­det sich der kon­kre­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit rhe­to­ri­schen Aspek­ten des zeit­ge­nös­si­schen jiha­dis­ti­schen Ter­ro­ris­mus zu. Dass auch die Rhe­to­rik des Ter­rors auf Authen­ti­zi­tät ange­wie­sen ist – eine durch­aus über­ein­stim­men­de Hal­tung der Teil­neh­men­den des Arbeits­krei­ses – the­ma­ti­siert Anni­na Schnel­ler in Bezug zu einem kon­kre­ten Mit­tel der Authen­ti­zi­täts­er­zeu­gung, der Ästhe­tik des Selbst­ge­mach­ten und auch Unpro­fes­sio­nel­len. Unter die­sem Blick­win­kel wer­den in ihrem Vor­trag »Imper­fek­ti­on als rhe­to­ri­sches Mit­tel der Authen­ti­zi­täts­er­zeu­gung« auch Han­dy­vi­de­os, die für den IS wer­ben sol­len, unter­sucht, und sie kann zei­gen, dass gera­de für deren rhe­to­ri­scher Erfolg, die Ästhe­tik der Imper­fek­ti­on ent­schei­dend ist. Sophie Heins unter­sucht in ihrem Bei­trag die »Visu­el­le Legi­ti­ma­ti­on des Natio­nal Coun­ter­ter­ro­rism Cen­ter« in den USA. Sie ana­ly­siert hier­für die Web­site, das Video »Insi­de NCTC«, den »Coun­ter­ter­ro­rism Calen­der« und den »Coun­ter­ter­ro­rism Gui­de« des NCTC hin­sicht­lich der Fra­ge nach der rhe­to­ri­schen Situa­ti­on, dem Ziel­pu­bli­kum und in die­sem Hin­blick eben auch und beson­ders der Aus­ge­stal­tung die­ser Sei­ten. Ein ähn­li­ches Feld bear­bei­tet auch Mat­thi­as Tratz, der sich in sei­nem Bei­trag visu­el­len Gemein­sam­kei­ten von ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gun­gen und den Insti­tu­tio­nen zu ihrer Bekämp­fung wid­met. Im Neben­ein­an­der affekt­star­ker Bil­der wird deut­lich, dass die Fra­ge nach der bild­haf­ten Erwi­de­rung auf Ter­ro­ris­mus mehr­schich­tig ist: Will man in der­sel­ben visu­el­len Rhe­to­rik ant­wor­ten wie die Grup­pen, die man bekämp­fen will? Schließ­lich neh­men Arne Scheu­er­mann und Arthur Bei­fuss das Maga­zin Dabiq unter die Lupe. In ihrem Vor­trag Zur Visu­el­len Rhe­to­rik des soge­nann­ten IS – das Maga­zin Dabiq pro­ble­ma­ti­sie­ren sie die Rol­le die­ses Maga­zins als Teil der Rekru­tie­rungs­kom­mu­ni­ka­ti­on, Medi­en­ar­beit und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik des IS. Durch eine rhe­to­ri­sche Desi­gnana­ly­se des Edi­to­ri­al Designs ermit­teln sie, wel­che ver­mu­te­ten Wirk­zie­le sich in der Gestal­tung des Maga­zins rea­li­sie­ren und wel­che kon­train­ten­tio­na­len Gestal­tungs­ele­men­te aus­zu­ma­chen sind. Im wei­te­re Kon­text der Fra­ge­stel­lung gehen sie aber­mals auch der Fra­ge nach den impli­zi­ten Ziel­grup­pen der Publi­ka­tio­nen nach.

Eine drit­te Grup­pe von Vor­trä­gen lie­ße sich womög­lich unter der Rubrik Ter­ror und Ästhe­ti­sie­rung zusam­men­fas­sen. Tho­mas Susan­ka wid­me­te sei­nen Vor­trag »Ter­ror zwi­schen Ästhe­ti­sie­rung und visu­el­ler Elo­quenz bei James Nacht­wey« eben dem Kriegs­fo­to­gra­fen, der in sei­nen Bil­dern Ter­ror und Schre­cken aus inter­na­tio­na­len Kriegs- und Kri­sen­ge­bie­ten zeigt. Die künst­le­ri­sche Qua­li­tät sei­ner Bil­der wird Nacht­wey dabei von außen auch zum Vor­wurf gemacht, steht die for­ma­l­äs­the­ti­sche Aus­ge­stal­tung sei­ner Bil­der (ins­be­son­de­re in der Kom­po­si­ti­on) doch im kras­sen Wider­spruch zu den schreck­li­chen Inhal­ten. Sol­che »Ver­stö­ße« gegen das Deco­rum, gegen die Gren­ze der Ange­mes­sen­heit, sind dabei zugleich auch Teil des Rei­zes sei­ner Bil­der und mit Sicher­heit wohl auch ein Grund für die die­sen Bil­dern ent­ge­gen­ge­brach­te Auf­merk­sam­keit. In durch­aus ver­gleich­ba­rer Wei­se geht es auch im Bei­trag von Pierre Smo­lar­ski um die Gren­zen der Ange­mes­sen­heit. Er unter­sucht in »Popu­lär­kul­tur und Wirt­schaft­s­ter­ro­ris­mus – der Fall Varou­fa­kis« die media­le Bericht­erstat­tung in der Ban­ken-, Finanz- und Grie­chen­land­kri­se 2015. Ins­be­son­de­re zeigt sich in der mas­sen­me­dia­len Aus­ein­an­der­set­zung und Zuspit­zung von Inter­net-Memen ein Aspekt, der dann in der pop­kul­tu­rel­len Über­trei­bung visu­el­le Blü­ten treibt: Die Finanz­kri­se erscheint als Duell zwi­schen Super­hel­den und Super­schur­ken zuge­spitzt auf ein »Death-Match« der Finanz­mi­nis­ter Varou­fa­kis und Schäub­le. Tho­mas Nehr­lich schließt mit »Dunk­ler Rit­ter oder strah­len­der Ret­ter. Die Visua­li­tät von Super­hel­den zwi­schen Ter­ror und Anti­ter­ror« glei­cher­ma­ßen an das Super­hel­den­the­ma an, wie er auch die Grund­la­ge für einen Bezug zum ers­ten Vor­trag von Nad­ja Koch über die anti­ken Hero­en her­stellt. Nehr­lich arbei­tet dabei her­aus, dass das Erschei­nungs­bild von Super­hel­den (Kos­tüm, Mas­ke, Sta­tur, Haar­far­be, Tier­sym­bo­li­ken etc.) grund­sätz­lich einer Legi­ti­ma­ti­ons­lo­gik folgt, die auf der unter­schied­li­chen Ziel­set­zung des jewei­li­gen Hel­den beruht. Die Gestalt der­je­ni­gen Super­hel­den, die sich als Beschüt­zer der zivi­len Bevöl­ke­rung und Wah­rer des Guten ver­ste­hen, will Ver­trau­en erwe­cken und Schutz signa­li­sie­ren (z. B. Super­man, Cap­tain Ame­ri­ca). Es han­delt sich um ethos­fo­kus­sier­te Gestal­tung. Super­hel­den hin­ge­gen, die sich mit dem Kampf gegen das Böse und die Ver­bre­cher­jagd iden­ti­fi­zie­ren, wol­len mit ihrem Aus­se­hen Furcht und Schre­cken ver­brei­ten (z.B. Bat­man, Beast, Black Pan­ther, Black Widow, Bla­de). Ihre Gestal­tung ist pathos­fo­kus­siert. Auf der Ebe­ne des Logos zie­len ers­te­re auf Sicht­bar­keit, Les­bar­keit und Ein­deu­tig­keit ab, letz­te­re auf Ver­mum­mung, Rät­sel­haf­tig­keit und Unein­deu­tig­keit.

Das 2. Ber­ner Arbeits­tref­fen zur visu­el­len Rhe­to­rik hat gezeigt, dass die Per­spek­ti­ve der Rhe­to­rik gut geeig­net ist, Phä­no­me­nen und Wirk­wei­sen des Ter­rors und sei­nen Legi­ti­ma­tio­nen nach­zu­ge­hen – auf eine Art, die sich nicht mit vor­schnel­len Bewer­tun­gen zufrie­den gibt. Über die visu­el­len Erschei­nungs­wei­sen, Ver­hand­lungs- und Ver­brei­tungs­mo­di von Ter­ro­ris­mus und Ter­ror hin­aus kann der Ter­ror selbst als rhe­to­risch wirk­sa­mer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­akt ver­stan­den wer­den. Mit die­sem Ergeb­nis scheint uns ein wich­ti­ges For­schungs­feld geöff­net, das hof­fent­lich in sei­ner wei­te­ren Bear­bei­tung nicht nur im Befund ver­bleibt, son­dern auch Mög­lich­kei­ten auf­zeigt, sich klug und rhe­to­risch infor­miert dem Ter­ror ent­ge­gen­zu­stel­len.

[Anmer­kung der Redak­ti­on: Eini­ge der oben ange­führ­ten Vor­trä­ge wur­den für vor­lie­gen­de 10. Aus­ga­be von »Spra­che für die Form« zu Essays aus­ge­ar­bei­tet.]


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 10, Frühjahr 2017