Buchbesprechung

»Sich mit einer Vielzahl von Faktoren zu beschäftigen«

Jan Filek aktualisiert das Wissen über Lesbarkeit

Eine Rezension von Stefan Klär


»Wer Klein­buch­sta­ben spa­tio­niert, schän­det auch Scha­fe,« wuss­te Fre­de­ric Gou­dy. Ob das tat­säch­lich stimmt, wis­sen wir nicht. Zu Typo­gra­fie und Les­bar­keit gibt es mehr zu sagen, vie­les wur­de bereits fest­ge­hal­ten und hat bis heu­te Bestand. Aller­dings kur­sie­ren auch Vor­stel­lun­gen durch die Köp­fe der Gestal­ter, die nicht – oder nicht mehr – rich­tig sind. Mit solch gefähr­li­chem Halb­wis­sen möch­te Jan Filek mit sei­ner Diplom­ar­beit »Read/ability – Typo­gra­fie und Les­bar­keit« auf­räu­men: »Les­bar­keit zu unter­su­chen bedeu­tet, sich mit einer Viel­zahl von Fak­to­ren zu beschäf­ti­gen: der Form der Zei­chen, den Abstän­den zwi­schen Buch­sta­ben, Wör­tern oder Zei­len, der makro­ty­po­gra­fi­schen Struk­tur sowie der Form des Inhalts und, lei­der viel zu häu­fig uner­wähnt, dem Leser, sei­ner Lese­mo­ti­va­ti­on und den Gren­zen sei­ner Fähig­kei­ten.« Dazu hat Jan Filek bereits bekann­tes Wis­sen mit Erkennt­nis­sen der For­schung aus den letz­ten Jah­ren aktua­li­siert. Ent­stan­den ist ein Buch, das sich mit sei­nen ca. 200 Sei­ten pri­mär an jun­ge Gestal­ter rich­tet.

Jan Filek hat an der Fach­hoch­schu­le Düs­sel­dorf und am Bir­ming­ham Insti­tu­te of Art and Design stu­diert. Im Stu­di­en­gang Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign leg­te er sei­ne Schwer­punk­te auf Cor­po­ra­te Design und Typo­gra­fie. Wäh­rend sei­nes Stu­di­ums absol­vier­te er Prak­ti­ka bei »Fac­tor Design« in Ham­burg und im »Büro Übe­le« in Stutt­gart. Der Diplom-Desi­gner aus Düs­sel­dorf arbei­tet heu­te frei­be­ruf­lich für Agen­tu­ren, Design­bü­ros und Pri­vat­kun­den.

Sein Buch steht ein Vor­wort von Andre­as Übe­le vor­an. Das gan­ze Werk ent­stand in vie­len Gesprä­chen über Inhalt und Form mit dem Gestal­ter aus Stutt­gart. Die Arbeit ist in drei Kapi­tel – »Lesen«, »For­schen«, «Gestal­ten« – auf­ge­teilt, die den Leser von neu­ro­lo­gi­schen Eigen­hei­ten bis hin zu direk­ten Emp­feh­lun­gen für eine bes­se­re Typo­gra­fie und Les­bar­keit füh­ren. Filek beruft sich dabei auf Stan­dard­wer­ke wie »Detail­ty­po­gra­fie« von Forss­man und De Jong, Gerard Ungers »Wie man’s liest«, Spie­ker­manns »Über­schrift« und rei­chert die­se mit aktu­el­len Erkennt­nis­sen zur Les­bar­keit aus der For­schung unter­schied­li­cher Dis­zi­pli­nen an. »Read/ability« ist ein Werk über die Grund­la­gen der Les­bar­keit, es ist leicht zu lesen, denn es wur­de sorg­fäl­tig dar­auf geach­tet, alle The­men in einer ein­fa­chen und ver­ständ­li­chen Spra­che zu beschrei­ben. Dar­über hin­aus sind die Text­blö­cke sehr kurz gehal­ten, was der Aus­führ­lich­keit zwar nicht dient, jedoch auch nicht dar­an hin­dert, die zen­tra­len Aus­sa­gen zu ver­mit­teln.

Im ers­ten Kapi­tel »Lesen« beschreibt Filek, wie unser Gehirn beim Lesen arbei­tet, wel­che Effek­te auf­tre­ten und was es dadurch bei der Gestal­tung und beim Set­zen von Schrift zu beach­ten gilt. Das Kapi­tel beginnt des­halb mit dem Unter­ka­pi­tel »Das Auge«. Hier geht Filek kurz auf bio­lo­gi­sche Aspek­te ein – wie Rei­ze beim Lesen ins Gehirn gelan­gen und wel­che Tücken es dabei gibt. Über den »Tun­nel­blick« und »Augen­sprün­ge« gelangt er zügig zu den Prin­zi­pi­en, wie Buch­sta­ben erkannt und ver­ar­bei­tet wer­den. Es han­delt sich um Wis­sen, das zwar vie­len jun­gen Gestal­tern bekannt, aber oft­mals nicht bewusst ist. Es wer­den Grund­la­gen ver­deut­licht, die jeder ken­nen soll­te, der einen pro­fes­sio­nel­len Umgang mit Typo­gra­fie sucht.

Im zwei­ten Kapi­tel »For­schen« gibt Filek einen Ein­blick in Ein­fluss­fak­to­ren und Metho­den, die bei der Erfor­schung von Les­bar­keit bedeu­tend sind. Er zeigt auf, wel­che Pro­ble­me bei den unter­schied­li­chen Metho­den auf­tre­ten und wie ver­sucht wur­de, sie zu lösen. Es ist ein kur­zes Kapi­tel, das jedoch einen Ein­blick in einen Bereich gibt, mit dem sich jun­ge Gestal­ter oft­mals nicht genug aus­ein­an­der­set­zen. Filek beschreibt Erkennt­nis­se aus ande­ren Dis­zi­pli­nen, ohne unnö­ti­ges Fach­vo­ka­bu­lar zu ver­wen­den. Einen Ein­blick in Stu­di­en zu erlan­gen, ist oft­mals nicht leicht für einen Fach­frem­den. Die­se Hür­de nimmt Filek dem Gestal­ter durch sei­ne Aus­füh­run­gen in ver­ständ­li­cher Spra­che. Bis zur Sei­te 93 erreicht der Leser dadurch ein tie­fe­res Ver­ständ­nis für den Lese­pro­zess und des­sen Ein­fluss­fak­to­ren.

Im drit­ten und letz­ten Kapi­tel »Gestal­ten« beschreibt Filek auf ca. 80 Sei­ten die ein­zel­nen Para­me­ter, die dem Typo­gra­fen zur Ver­fü­gung ste­hen. Von der X-Höhe, dem Buch­sta­ben­ab­stand und den Wort­zwi­schen­räu­men, dem Zei­len­ab­stand und der Schrift­grö­ße, der Satz­art und dem Strich­stär­ken­kon­trast bis hin zur Schrift­wahl und der Sprach­an­pas­sung sam­melt er wert­vol­les Wis­sen von erfah­re­nen Typo­gra­fen und rei­chert die­se mit Erkennt­nis­sen aus ande­ren Dis­zi­pli­nen und Stu­di­en an. Dabei wird der Hand­buch-Cha­rak­ter sei­ner Arbeit beson­ders deut­lich. Das Kapi­tel beinhal­tet Emp­feh­lun­gen, Hand­lungs­an­wei­sun­gen und Maß­stä­be, an denen sich der jun­ge Gestal­ter ori­en­tie­ren und aus­pro­bie­ren kann. Alles in allem ver­mit­telt die­se Arbeit viel wert­vol­les Wis­sen. Beson­ders jun­gen Gestal­tern und Typo­gra­fie-Inter­es­sier­ten kann es emp­foh­len wer­den.

Jan Filek und dem »Nig­gli Ver­lag« möch­te man zuru­fen: »Bit­te mehr davon! Las­sen Sie sich nicht beir­ren von all den Bil­der­bü­chern.« Denn Schrif­ten wie die­se – Schrif­ten mit Sub­stanz – sind die zukünf­ti­ge Grund­la­ge unse­res Schaf­fens und auch die Grund­la­ge unse­rer Akzep­tanz in der Gesell­schaft. Denn nur wenn wir ver­ste­hen und beson­ders wenn wir beschrei­ben kön­nen, was unse­re Arbeit aus­macht, kön­nen wir unse­ren Auf­trag­ge­bern und unse­rer Dis­zi­plin gerecht wer­den. Das fängt mit den fei­nen Details der Typo­gra­fie an und endet in der gro­ßen Sym­pho­nie der Ele­men­te. Denn durch alle Tei­le und Berei­che muss die Ange­mes­sen­heit zwi­schen Gestal­tung und Auf­ga­be spür­bar sein. »Read/ability« von Jan Filek leis­tet einen Bei­trag dazu.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 5, Herbst 2014