Mythen des Alltags

Sinfonie vorm Fenster

Wenn die Fußgängerzone zum Resonanzkörper wird

Von Judith Hirsch


Klack, klack, klack, klack
bruuuub - tipp, tipp - bruuuub - tipp.
Dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong.
»ICH HAAB KEINEE GEBÄÄÄHRMUTTER MEEEHR!!!«
»Die Bes­ten Hits von heute!«
raaa -- rumms … raaa -- rumms … raaa- …- rumms.
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Dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong,
klirr.

Die ers­te Zeit in einer neu­en Woh­nung ist oft des­halb so auf­rei­bend, weil alte Gewohn­hei­ten auf­ge­bro­chen wer­den und neue erst ent­ste­hen. Das Kli­ma ist ein ande­res, es riecht unge­wohnt und die Räu­me müs­sen noch mit Leben befüllt wer­den. Etwas, das uns beson­ders viel über die Umge­bung, den Stand­ort und die Leu­te in unmit­tel­ba­rer Nähe ver­rät, sind die Umge­bungs­ge­räu­sche. Ein zur Fuß­gän­ger­zo­ne aus­ge­rich­te­tes Fens­ter kann dabei Fluch und Segen zugleich sein. Unge­fil­tert dringt alles, was der Reso­nanz­kör­per einer eng bebau­ten Gas­se ver­spricht, in das Inne­re der Wohnung.

Wenn man die vie­len akus­ti­schen Sze­na­ri­en jedoch nicht als Stör­fak­tor, son­dern als Tei­le des Gesam­ten, als Kapi­tel eines Hör­buchs, als Sät­ze eines Kon­zer­tes auf­nimmt, so bekom­men die dar­in vor­kom­men­den Akteu­re einen ganz ande­ren Stel­len­wert. Die Stra­ße wird zur Kon­zert­hal­le, das Fens­ter zur Tri­bü­ne, die Fuß­gän­ger zu Musi­kern. Jeden Mor­gen beginnt aufs Neue eine ein­ma­li­ge Vor­stel­lung, zu der jeder Bewoh­ner der Stra­ße ein­ge­la­den ist. Im Lauf des Tages ent­steht eine Sin­fo­nie, geformt von einem Orches­ter das sich sei­ner Rol­le gar nicht bewusst ist. 

Der Vor­hang geht auf. 

Ers­ter Satz.
Das Kla­ckern und Trap­peln von vie­len Schuh­paa­ren auf dem Kopf­stein­pflas­ter wird lang­sam lau­ter. crescendo.
Die Klän­ge ver­ra­ten den Schau­platz der Hand­lung: Wir befin­den uns in einer Alt­stadt. Ohne vie­le Wor­te kom­men die Men­schen mit­ein­an­der aus, es ist noch früh am Mor­gen. Die Tau­be tritt auf die Büh­ne. Mit ihren Füß­chen kratzt sie laut gur­rend und unrhyth­misch über das metal­le­ne Fens­ter­brett. Ihr skur­ri­ler Tanz lässt das Orches­ter in den Hin­ter­grund treten. 

Zwei­ter Satz.
Kir­chen­glo­cken schla­gen zwölf Mal. Sie läu­ten den dyna­mi­schen Teil des Stü­ckes ein. fortissimo.
»ICH HAAB KEINEE GEBÄÄÄHRMUTTER MEEEHR!!!« schreit der Solist vor­wurfs­voll kla­gend aus sei­ner hei­se­ren Män­ner­keh­le. Etwas ent­fern­ter hört man eine auf­ge­reg­te Radio­stim­me das nächs­te Lied ankündigen.
Ein lau­tes, schnell wum­mern­des Schep­pern unter­bricht es nach den ers­ten zwei Sekun­den. Es klingt, als wür­de Metall auf Stein klop­fen; ein tie­fer Bass und ein grel­les Klir­ren schmet­tern ein Duett. Moto­ren­ge­räu­sche wer­den lau­ter. Tür auf - Tür zu, Tür auf - … irgend­wo klin­gelt es, - Tür zu, wie­der der Motor. Vie­le Instru­men­te set­zen ein, bis es fast uner­träg­lich hek­tisch und laut auf der Büh­ne ist. 

Drit­ter Satz.
Dann plötz­lich: Stil­le. piano.
Nur ein ein­zel­nes Paar Schu­he ent­fernt sich dumpf.
Acht Glo­cken­schlä­ge. Ein hohes Klir­ren von sich berüh­ren­den Glas­fla­schen. Im ers­ten Stock wird aus Gemur­mel Stim­men, aus Stim­men Gelächter.
Es klin­gelt an der Tür.
An mei­ner Tür!
Ich schlie­ße das Fens­ter, mache den Vor­hang zu und betre­te die Bühne.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 19 und 20, Frühjahr 2022