Einführung zur Tagung

Das erste Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik

Das Ziel: Forscher und Dozenten zu vernetzen

Von Arne Scheuermann und Annina Schneller


Die Rhe­to­rik als jahr­tau­sen­de­al­te Leh­re und Pra­xis der erfolg­rei­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on erlebt seit eini­gen Jah­ren wie­der ver­mehrt Auf­merk­sam­keit. Man rea­li­siert zuneh­mend, dass die »alten Leh­ren« auch Wis­sen für die »neu­en Medi­en« bereit­hal­ten. Ins­be­son­de­re dass auch Bil­der und Design unter rhe­to­ri­schem Blick­win­kel ana­ly­siert wer­den kön­nen – und damit: geziel­ter in der Gestal­tung ein­ge­setzt wer­den kön­nen –, ist diver­sen Kunst­his­to­ri­kern, Design­theo­re­ti­ke­rin­nen, Phi­lo­so­phen und Bild­wis­sen­schaft­le­rin­nen nicht ent­gan­gen. Den­noch fehl­te bis­lang eine soli­de Ver­net­zung zwi­schen die­sen For­schen­den und Dozie­ren­den der visu­el­len Rhe­to­rik. Nahe­zu inexis­tent war zudem der Aus­tausch zwi­schen Gestal­tungs­prak­ti­kern und -theo­re­ti­kern. Es war uns des­halb schon seit län­ge­rem ein Anlie­gen, Ver­tre­ter der an ver­schie­de­nen Orten ent­stan­de­nen For­schungs- und Lehr­be­rei­che an einen Tisch zusam­men­zu­brin­gen.

Das ers­te Ber­ner Arbeits­tref­fen zur visu­el­len Rhe­to­rik vom 23. bis 25. Janu­ar 2014 an der Hoch­schu­le der Küns­te Bern (HKB) ver­sam­mel­te erst­mals wich­ti­ge Stim­men der Dis­zi­plin im deutsch­spra­chi­gen aka­de­mi­schen Dis­kurs zu einer gemein­sa­men Bestands­auf­nah­me und bot gleich­zei­tig dem For­schungs­nach­wuchs eine Platt­form, sich aktiv in die Dis­kus­si­on ein­zu­brin­gen. In sie­ben Blö­cken, bestehend aus Refe­rat, Co-Refe­rat und Dis­kus­si­on, wur­den Fra­gen nach der Ver­bin­dung von Gestal­tung und Rhe­to­rik erör­tert: Sind die Zusam­men­hän­ge auf der Makro­ebe­ne zu fin­den – dort, wo Theo­rie und Pra­xis mit­ein­an­der durch Regel­wer­ke und Reflek­ti­on ver­bun­den sind? Oder sind téchnē, Design­pro­zes­se und gestal­te­te Objek­te grund­sätz­lich rhe­to­risch ver­fasst? Wie sind visu­el­le »Argu­men­te« zu beschrei­ben? Wel­che visu­el­len »Figu­ren« gibt es, und wie spie­len Form und Inhalt, Wort und Bild zusam­men? Wie sind Phä­no­me­ne wie etwa die Bewe­gung oder die Vir­tua­li­tät von Bil­dern zu bestim­men? Dabei ging es nicht um die Prä­sen­ta­ti­on von fix­fer­ti­gen Theo­ri­en, son­dern um gegen­sei­ti­ge Anre­gung und gemein­sa­mes Wei­ter­den­ken.

Anhand von Bei­spie­len aus der Gestal­tungs­pra­xis wur­de zudem in einem Work­shop mit Agnès Lau­be gemein­sam mit Dozen­ten aus dem Bache­lor­stu­di­en­gang »Visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on« und dem Mas­ter­stu­di­en­gang »Com­mu­ni­ca­ti­on Design« an der HKB zu »Text-Bild-Bezie­hun­gen« der Bogen von der For­schung zur Leh­re, von der Theo­rie zur Pra­xis im Design geschla­gen.

Als beson­ders frucht­bar für die Dis­kus­si­on erwies sich das For­mat des Arbeits­tref­fens in einer bewusst klein gehal­te­nen und unhier­ar­chisch for­mier­ten Grup­pe, in der alle – pro­fi­lier­te Wis­sen­schaft­ler wie wis­sen­schaft­li­cher Nach­wuchs – glei­cher­ma­ßen aktiv ein­ge­bun­den waren. Auch im Aus­tausch zwi­schen Wis­sen­schaft­lern und Prak­ti­ke­rin­nen wur­de teil­wei­se erst­ma­lig der Nut­zen und die Not­wen­dig­keit erkannt, sich der visu­el­len Rhe­to­rik sowohl von der Sei­te der Pra­xis als auch der­je­ni­gen der Theo­rie her anzu­nä­hern. Um die­se Ver­bin­dung her­zu­stel­len – so eines der Ergeb­nis­se unse­rer Tagung – dür­fen jedoch die rhe­to­ri­schen Begrif­fe nicht mehr im aus­schlie­ßen­den Fach­jar­gon ange­wen­det wer­den, son­dern müs­sen in all­ge­mein ver­ständ­li­chen Wor­ten erläu­tert und in Ver­bin­dung zum exis­tie­ren­den Gestal­tungs­vo­ka­bu­lar gebracht wer­den. Hilf­reich war hier­für auch, einen Über­blick zu gewin­nen, an wel­chen Schu­len und Hoch­schu­len im Bereich der visu­el­len Rhe­to­rik heu­te über­haupt unter­rich­tet wird.

Die posi­ti­ve Reso­nanz aller Teil­neh­men­den bestä­tig­te das Bedürf­nis nach und die Freu­de am gemein­sa­men Aus­tausch. Wir sind froh über das geglück­te Arbeits­tref­fen und freu­en uns schon jetzt auf eine bal­di­ge Fort­set­zung.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 4, Frühjahr 2014