Bericht

»Unconference«: Designforscher trafen sich am Bodensee

Standesgemäß unkonventionell tagte die DGTF

Von Bettina Schröm


Die Orga­ni­sa­to­ren Axel Vogel­sang und Bri­an Swit­zer hat­ten ein Tagungs­for­mat gewählt, bei dem sich nicht alles im Vor­aus pla­nen lässt. Die »Uncon­fe­rence Design Rese­arch« an der Kon­stan­zer Hoch­schu­le bot so zwar auch den Auf­tritt von vier Vor­trags­red­nern – ein Groß­teil der ver­an­schlag­ten Zeit blieb aber für »Uncon­fe­rence Ses­si­ons«, deren The­men noch spon­tan im Audi­to­ri­um ein­ge­reicht wer­den konn­ten. Das For­mat steht für Leben­dig­keit und enga­gier­te Dis­kus­sio­nen, aller­dings um den Preis der inhalt­li­chen Struk­tur. Dem Risi­ko der Belie­big­keit hat­ten die Ver­an­stal­ter eini­ges ent­ge­gen­ge­setzt: Ganz kon­kret hat­te man Fra­gen und The­men for­mu­liert, die in den Ses­si­ons zur Spra­che kom­men soll­ten. Und mit einer illus­tren Gäs­te­lis­te für das Red­ner­pult waren inter­es­san­te Impul­se garan­tiert.

Key­notes wei­sen den Blick über die Gren­zen

Prof. Dr. Jan Gul­lik­sen
Vier renom­mier­te Refe­ren­ten aus drei Län­dern berich­te­ten, wie sich Design­for­schung an ihren Stand­or­ten eta­bliert und wie sie selbst arbei­ten: Prof. Dr. Jan Gul­lik­sen vom KTH Roy­al Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy in Stock­holm schil­der­te im Vor­trag »Design – Action – Impact – The Things we do for love« wie eine gestal­te­ri­sche Her­an­ge­hens­wei­se gera­de in Fra­gen der »Usa­bi­li­ty« Arbeits­pro­zes­se und Ergeb­nis­se ver­bes­sern kann.

Prof. Dr. Rachel Coo­per
Den Maß­stä­ben für För­der­pro­gram­me in der Design­for­schung wid­me­te sich Prof. Dr. Rachel Coo­per vom Insti­tu­te for the Con­tem­pora­ry Arts in Lan­cas­ter. »Mea­su­ring Design Rese­arch – the UK approach« war der Titel ihres Vor­trags. Coo­per berich­tet aus ers­ter Hand: Sie gehört zu dem Exper­ten­kreis, der in Groß­bri­tan­ni­en Pro­jek­te bewer­tet und dadurch an der Mit­tel­ver­ga­be betei­ligt ist. Beein­dru­ckend ist allei­ne die Men­ge des­sen, was über ihren Schreib­tisch geht; wie die Refe­ren­tin ein­räumt, lässt sich des­halb unter Umstän­den nicht immer jedem Pro­jekt gerecht wer­den.

Dr. Emma Jef­fe­ries
Eben­falls aus Groß­bri­tan­ni­en ange­reist war Dr. Emma Jef­fe­ries, die in For­schungs­fra­gen inter­na­tio­nal unter­wegs ist. Jef­fe­ries unter­sucht Design­pro­zes­se in unter­schied­li­chen Län­dern und geht dabei weit über Euro­pa hin­aus: Part­ner­agen­tu­ren in Indi­en und Bra­si­li­en gehö­ren zu ihren Ansprech­part­nern, für die Recher­che zu ihrem Buch »Design Tran­si­ti­ons« hat sie 16 Län­der bereist und Agen­tu­ren vor Ort besucht.

Prof. Lys­i­an­ne Léchot-Hirt
Spe­zia­lis­tin für den Stand der Design­for­schung in der Schweiz ist Prof. Lys­i­an­ne Léchot-Hirt, Deka­nin der Hau­te Éco­le d’Art et de Design Genè­ve (HEAD), die ihren gan­zen Vor­trag unter eine pro­vo­kan­te Fra­ge stell­te: »Is the­re some­thing like Swiss Design Rese­arch?« Und weil es die natür­lich gibt, stell­te Léchot-Hirt nach einer Bestands­auf­nah­me aus ihrer Sicht dar, wohin die Rei­se künf­tig gehen sol­le: Pro­mo­tio­nen ermög­li­chen, Stan­dards for­mu­lie­ren und dadurch die Mög­lich­kei­ten der Ein­fluss­nah­me ver­grö­ßern, so lässt sich das Fazit der Design­for­sche­rin zusam­men­fas­sen.

Design­for­schung – ein wei­tes Feld: Ses­si­ons zei­gen Viel­falt

Ein Man­gel an The­men herrscht nicht: Ästhe­ti­sche Fra­gen; prak­ti­sche Erwä­gun­gen; Dis­kus­sio­nen über Rah­men­be­din­gun­gen von For­schungs­ak­ti­vi­tä­ten; Kon­zep­ti­on eines For­schungs­ma­ga­zins; Reflek­ti­on über Design-Didak­tik und vie­les mehr – das Spek­trum der »Uncon­fe­rence Ses­si­ons«, die über das gan­ze Gebäu­de der Kon­stan­zer Stu­di­en­gän­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign ver­teilt waren, war denk­bar weit. Man­che nutz­ten die Okto­ber­son­ne am Seer­hein, um drau­ßen zu bespre­chen, wie sich Desi­gner in die Gestal­tung des »Inter­nets der Din­ge« ein­brin­gen kön­nen. Ande­re grif­fen zu Pap­pe, Filz und Kleb­stoff und mach­ten ihre Argu­men­te, wie Team­work am bes­ten funk­tio­nie­ren kann, drei­di­men­sio­nal sicht­bar.

Die Viel­falt zu ord­nen wäre ein erzwun­ge­nes Unter­fan­gen und wür­de sowohl dem Charme der Ver­an­stal­tung als auch den Mög­lich­kei­ten der Design­for­schung nicht gerecht. Trends las­sen sich den­noch aus­ma­chen – oder Fra­gen, die die For­scher­ge­mein­de beson­ders umzu­trei­ben schei­nen: Da ist der Brü­cken­schlag zur Pra­xis, der Umgang mit neu­en Tech­no­lo­gi­en, letzt­lich aber auch die Bereit­stel­lung von Wis­sen, auf das Design­for­scher zugrei­fen kön­nen.

20 Bil­der, 20 Sekun­den pro Bild

Drit­te Säu­le im Tagungs­ge­sche­hen war eine Rei­he von Vor­trä­gen im Pecha-Kucha-For­mat. Eine Gale­rie der For­schungs­pro­jek­te sozu­sa­gen, nicht auf end­los lan­ge Prä­sen­ta­tio­nen gedehnt, son­dern in Kür­ze sum­miert, von der Alters­vor­sor­ge bis zum Bau­haus.

Zuga­be: Design pro­mo­viert

For­schung braucht For­scher – das gilt gera­de im Design, wo Pro­mo­tio­nen oft nur auf Umwe­gen zu errei­chen sind. Das Kol­lo­qui­um »Design pro­mo­viert« fin­det im Nach­gang an die Tagun­gen der DGTF statt. Pro­mo­ven­den haben dabei die Mög­lich­keit, den Stand ihrer Arbei­ten zu prä­sen­tie­ren und sich aus­zu­tau­schen. Deut­lich wur­de in Kon­stanz, dass Gestal­tung nicht nur auf dem Weg ist, sich wis­sen­schaft­lich zu eta­blie­ren und dass die Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler design­spe­zi­fi­sche Metho­den und Argu­men­ta­tio­nen ent­wi­ckeln.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 5, Herbst 2014