Buchbesprechung

Unterhaltungsindustrie contra Schriftkultur

Über Neil Postmans Klassiker »Wir amüsieren uns zu Tode«

Eine Rezension von Sarah Prestel


Als der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Neil Post­man 1985 mit »Wir amü­sie­ren uns zu Tode« sei­ne Kri­tik an der Unter­hal­tungs­in­dus­trie ver­fass­te, war das Fern­se­hen in Ame­ri­ka auf dem Höhe­punkt sei­ner Wir­kungs­kraft. Post­man mach­te es sich zur Auf­ga­be, die tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen, die die­ses Medi­um auf unse­re Ein­drü­cke auf die Welt und Kom­mu­ni­ka­ti­on hat, genau­er zu unter­su­chen. Da es ihm um »Urteils­bil­dung im Zeit­al­ter der Unter­hal­tungs­in­dus­trie«, so der Unter­ti­tel, ging, lohnt es sich, den Band erneut zu lesen.

In sei­nem Buch dia­gnos­ti­ziert er den enor­men Wer­te­ver­fall, der mit der stei­gen­den Ver­gnü­gungs­sucht der Mensch­heit ein­her­geht. Post­man stützt die Vor­aus­sa­ge, die Hux­ley in sei­nem Buch »Schö­ne neue Welt« bereits traf: Nicht die Demo­kra­tie wer­de zusam­men­bre­chen, son­dern die Mensch­heit wer­de an der tyran­ni­schen All­ge­gen­wär­tig­keit des Ver­gnü­gens zu Grun­de gehen. (vgl. S. 8) Gera­de das Fern­se­hen ver­än­de­re den Blick auf die Welt. Im Ver­gleich zu einem gedruck­ten Buch, das laut Post­man Infor­ma­tio­nen sinn­voll und ratio­nal zusam­men­fas­se, sei das Fern­se­hen gekenn­zeich­net durch Zusam­men­hang­lo­sig­keit, feh­len­der Kom­ple­xi­tät und Geschichts­lo­sig­keit. (vgl. S. 36) Jedes The­ma, sei es Reli­gi­on, Bil­dung oder gar Poli­tik, wür­de zum Enter­tain­ment. Damit gin­ge auch ein Rück­schritt der intel­lek­tu­el­len Aus­drucks­form ein­her. Um den Aus­wir­kun­gen, die ein blin­des Ver­fol­gen die­ser Neue­rung nach sich zie­hen, ent­ge­gen­zu­wir­ken, rät er dazu, ein kri­ti­sches Medi­en­be­wusst­sein zu ent­wi­ckeln: »Der Leser muss sich mit intel­lek­tu­el­ler Wach­sam­keit wapp­nen.« (S. 67)

»Wir amü­sie­ren uns zu Tode« ist in zwei Tei­le geglie­dert. Der ers­te beschäf­tigt sich vor allem mit Grund­la­gen der Medi­en­theo­rie Post­mans, den Kenn­zei­chen der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft im 18. und 19. Jahr­hun­dert und den tech­ni­schen und media­len Vor­aus­set­zun­gen des Fern­seh­zeit­al­ters. Im zwei­ten Teil erläu­tert er vor allem an kon­kre­ten Bei­spie­len (Fern­seh­nach­rich­ten, Fern­seh­pre­dig­ten, Wer­be­spots etc.) die Aus­wir­kun­gen des Fern­se­hens auf Dis­kur­se und Kom­mu­ni­ka­ti­on. Die ein­zel­nen Kapi­tel sind nicht von­ein­an­der abhän­gig. Jedes kann für sich gele­sen wer­den und setzt kaum Kennt­nis­se der vor­an­ge­gan­ge­nen Kapi­tel vor­aus. Wenn man sich von den ers­ten bei­den Kapi­teln nicht abschre­cken lässt, die gewis­se Grund­kennt­nis­se der Medi­en­theo­rie vor­aus­set­zen, gelangt man anschlie­ßend zum eigent­li­chen und gut nach­voll­zieh­ba­ren Haupt­teil über das Buch­druck­zeit­al­ter hin zur Kri­tik am Fern­se­hen und sei­nen Aus­wir­kun­gen. Post­man erläu­tert unter ande­rem die mit der Erfin­dung des Tele­gra­fen ein­her­ge­hen­de Ver­kür­zung der Infor­ma­tio­nen. Es ent­stand so eine Kul­tur zusam­men­hang­lo­ser Schlag­zei­len, die sich auch auf die Spra­che aus­wirk­te (vgl. S. 124). »Unse­re Spra­che sind unse­re Medi­en. Unse­re Medi­en sind unse­re Meta­phern. Unse­re Meta­phern schaf­fen den Inhalt unse­rer Kul­tur.« (S. 25) Er sieht Fern­se­hen nicht als Erwei­te­rung der Schrift­kul­tur. Bei­des ste­he im Gegen­satz zuein­an­der, da sich beim Fern­se­hen die Infor­ma­ti­on der Unter­hal­tung unter­ord­nen müs­se (vgl. S. 62).

Post­man zeigt, wie sich Medi­en auf die Gesell­schaft und die Kul­tur aus­wir­ken und aus­ge­wirkt haben. Das Werk könn­te dem­nach auch als eine Stu­die zur Medi­en­ge­schich­te gese­hen wer­den, die unter­sucht, wie sich unter­schied­li­che Medi­en gegen ande­re durch­ge­setzt haben und wie sie sich auf die Gesell­schaft aus­wir­ken. Sein Anlie­gen ist es, die Welt über die nega­ti­ven Fol­gen des Fern­se­hens auf­zu­klä­ren und das Medi­en­be­wusst­sein zu schär­fen, indem die Medi­en zum The­ma in der Bil­dung, vor allem in den Schu­len, gemacht wer­den. Dane­ben kri­ti­siert er scharf, dass vom Fern­se­hen gepräg­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Lehr­for­men auch auf die Schu­len über­grei­fen. »Pro­ble­ma­tisch am Fern­se­hen ist nicht, dass es uns unter­halt­sa­me The­men prä­sen­tiert, pro­ble­ma­tisch ist, dass es jedes The­ma als Unter­hal­tung prä­sen­tiert.« (S. 110) Auch wür­den aus Poli­ti­kern Pop­stars, die in kur­zen Wer­be­spots emo­tio­na­le ver­ein­fach­te Bot­schaf­ten ver­brei­ten, anstatt kom­ple­xe Lösun­gen vorzustellen.

Natür­lich wäre es welt­fremd zu ver­lan­gen, das Fern­se­hen abzu­schaf­fen. Jedoch soll­te ein Bewusst­sein dafür geschaf­fen wer­den, wel­che Aus­wir­kun­gen die­ses Medi­um auf unser Leben und unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on hat. Mitt­ler­wei­le erscheint das Medi­um »Fern­se­hen« fast pas­sé. Das Inter­net, die »sozia­len Medi­en« und Strea­ming-Platt­for­men lösen es ab. Das Smart­pho­ne ist der stän­di­ge Beglei­ter und somit auch der bewähr­te Schutz vor Lang­wei­le. Post­man und Hux­ley, auf den Post­man sich im ers­ten Teil sei­nes Buches bezieht, haben in ihren Wer­ken mit erschre­cken­der Vor­aus­sicht unse­re aktu­el­le Wirk­lich­keit beschrieben.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 19 und 20, Frühjahr 2022