Mythen des Alltags

Verniedlichung

Der Säugling ist kein Sauger

Von Eduard Schmidt


Wir ver­wen­den täg­lich Ver­nied­li­chungs­for­men ohne dar­über tie­fer nach­zu­den­ken, geschwei­ge denn dar­über zu reflek­tie­ren. »Na, mein Bär­chen? Mau­si, Schnucki, Lieb­ling, Häs­chen, Schat­zi, Dar­ling, Spatzl …« und so wei­ter und so fort. So wol­len sich Paa­re Zunei­gung zei­gen. Sobald jedoch der rich­ti­ge Vor­na­me des ande­ren vom Part­ner aus­ge­spro­chen wird, kann sich das bereits wie eine Bedro­hung anhö­ren. Psy­cho­lo­gisch betrach­tet sind dies Auto­ma­tis­men, auf die schon in der Kind­heit zurück­ge­grif­fen wur­den, z. B. als die Mut­ter Kose­na­men benutz­te, um ihre Lie­be auszudrücken.

Wenn die Ver­nied­li­chungs­form genau betrach­tet wird, so kann der Kon­text ad absur­dum geführt wer­den. Bei­spiels­wei­se kann jemand sich die Ohr­läpp­chen rei­ben, wenn ihm kalt sein soll­te, damit die Durch­blu­tung ange­regt und es etwas wär­mer wird. Der Begriff »Ohr­läpp­chen« ist in unse­ren Sprach­ge­brauch ein­ge­gan­gen und hat sich ver­selbst­stän­digt. Kaum jemand wird sei­nen Ohr­lap­pen rei­ben wol­len; das Wort »Ohr­lap­pen« weckt eher die Vor­stel­lung einer Abnor­ma­li­tät, die unter­halb unse­res Gehör­gangs her­aus­wächst und unäs­the­tisch aus­se­hen könnte …

Alles, was wir als klein und süß emp­fin­den, wird von uns ver­nied­licht. Bei allem, was uns nah und ver­traut ist, ver­mi­schen wir des­sen Iden­ti­tät mit unse­rem emo­tio­na­len Ein­druck und ver­än­dern so auch unse­re Spra­che über die­se Din­ge, sei­en es Men­schen, Tie­re, Beob­ach­tun­gen oder Ein­drü­cke. Wir wür­den nicht dar­auf kom­men, den »Säug­ling« als »Sau­ger« zu bezeich­nen. Die Asso­zia­ti­on mit dem Wort »Sau­ger« ent­spricht nicht einem klei­nen Baby – schon eher einem Staub­sauger oder einem recht sper­ri­gen, indus­tri­el­len Ding, das meh­re­re Ton­nen Flüs­sig­kei­ten von einer Stel­le zur ande­ren trans­por­tiert. Wir kön­nen uns mit der Bezeich­nung »Säug­ling« für das Neu­ge­bo­re­ne bes­ser arran­gie­ren, weil das zu unse­rer sub­jek­ti­ven Emp­fin­dung eher passt und weil wir unse­ren instink­ti­ven Gefüh­len dem Baby gegen­über somit sprach­lich zum Aus­druck ver­hel­fen können.

Ver­nied­li­chen­de Wör­ter, von der Sprach­wis­sen­schaft »Dimi­nu­tive« genannt, ver­klei­nern oder ver­rin­gern etwas. Ein Dimu­ni­tiv ist die Ver­klei­ne­rungs­form eines Sub­stan­tivs und lässt sich aus vie­len Wör­tern als Kose­form oder Abwer­tung bil­den. Wird aus einem gro­ßen »Haus« ein »Häus­chen«, fin­det eine Sil­ben­dopp­lung mit Kür­zung des ursprüng­li­chen Sub­stan­tivs statt. Gleich­zei­tig wird ein ver­nied­li­chen­des Suf­fix ange­han­gen, in die­sem Fall »-chen«. Die­ses gram­ma­ti­ka­li­sche Prin­zip funk­tio­niert im Deut­schen auch mit ande­ren Wör­tern: Aus einem »Hund« wird ein »Hünd-chen« oder »Hund-i«. Im Deut­schen wird im Zuge der Ver­nied­li­chung der Vokal des ursprüng­li­chen Sub­stan­tivs oft­mals zum Umlaut: Aus einem »Sack« wird ein »Säck­chen«.

Aber nicht nur im gegen­wär­ti­gen Sprach­ge­brauch stößt man auf Ver­klei­ne­run­gen, auch bei unse­ren Urah­nen, die sich auf ihren Instinkt ver­las­sen muss­ten, um das gro­ße Brül­len von dem klei­nen Piep­sen zu unter­schei­den. Hat sich damals ein klei­nes harm­lo­ses Tier im Gebüsch ver­steckt, so war der klei­ne Laut, den es von sich gege­ben hat, nicht wei­ter gefähr­lich. Befand sich ein gro­ßes Raub­tier in der Nähe, konn­te schnell das Wei­te gesucht wer­den. Anschei­nend kön­nen wir auch instink­tiv ent­schei­den, was groß oder klein sein kann. Den schrift­sprach­lich von uns fest­ge­hal­te­nen Tier­laut »pieps« ver­bin­den wir wohl eher mit einem klei­nen zwit­schern­den Vogel, ein »roaar« dage­gen mit einem gro­ßen brül­len­den Löwen.

Müs­sen sich alle klei­nen Din­ge klein anhö­ren und Gro­ße groß? In einem Gedicht spielt Micha­el Ende damit, dass beim »Lind­wurm« und beim »Schmet­ter­ling« die zuge­hö­ri­gen Objek­te nicht zur klang­li­chen Ebe­ne der Wor­te pas­sen und macht aus dem Dra­chen einen »Schmet­ter­wurm« und aus dem Insekt einen »Lind­ling«. Die Ety­mo­lo­gie des Wor­tes »Schmet­ter­ling« erklärt der »Duden« so: »Das ursprüng­lich ober­säch­si­sche Wort (16. Jahr­hun­dert) hat sich erst seit dem 18. Jahr­hun­dert in der Schrift­spra­che aus­ge­brei­tet, in der es heu­te neben Fal­ter steht. Es gehört wohl zu ost­mit­tel­deutsch Schmet­ten (Sah­ne), einem Lehn­wort aus gleich­be­deu­tend tsche­chisch sme­ta­na. Nach altem Volks­glau­ben flie­gen Hexen in Schmet­ter­lings­ge­stalt, um Milch und Sah­ne zu steh­len (daher auch mund­art­li­che Bezeich­nun­gen des Schmet­ter­lings wie »Mol­ken­dieb« und »But­ter­vo­gel« und alteng­lisch butor­flē­ge, eng­lisch but­ter­fly).«[1] Damit wird deut­lich, dass der Schmet­ter­ling in frü­he­ren Zei­ten eher als eine Bedro­hung und nicht wie heut­zu­ta­ge als hüb­scher Fal­ter wahr­ge­nom­men wur­de. Wie sich ein Wort ver­än­dert, ist, bei ety­mo­lo­gi­scher Betrach­tung, eine span­nen­de Rei­se in die Vergangenheit.

So oder so kann es manch­mal beru­hi­gend sein, etwas zu ver­klei­nern, dann wird dar­aus ein Pro­blem­chen, das man nur ab und zu hat …


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 19 und 20, Frühjahr 2022