Buchbesprechung

»Wohnst du noch, oder zerstörst du schon?«

Harald Welzer plädiert für: »Selbst Denken«

Eine Rezension von Mareike Riemann


»Mehr als die Ver­gan­gen­heit inter­es­siert mich die Zukunft, denn in ihr geden­ke ich zu leben.« Das sag­te Albert Ein­stein. »Selbst den­ken. Eine Anlei­tung zum Wider­stand«, wid­met sich der Fra­ge wie ein sol­ches Leben aus­se­hen soll­te. Harald Wel­zer beschäf­tigt sich mit nichts Gerin­ge­rem als der Gestal­tung der Zukunft. Wem jetzt Bil­der von neu­ar­ti­gen Inter­faces und futu­ris­ti­schen Auto­mo­bi­len in den Kopf schie­ßen, wird jedoch ent­täuscht. Nicht das Erschei­nungs­bild zukünf­ti­gen Designs ist Gegen­stand des Inter­es­ses, son­dern der Ent­wurf eines zukunfts­fä­hi­gen Gesell­schafts­mo­dells.

Harald Wel­zer ist Sozio­lo­ge, Direk­tor von »Futurz­wei - Stif­tung Zukunfts­fä­hig­keit« und Pro­fes­sor für Trans­for­ma­ti­on­de­sign an der Uni­ver­si­tät Flens­burg. Er ist Co-Autor des 2014 im Oekom-Ver­lag Mün­chen erschie­nen Buches »Trans­for­ma­ti­on­de­sign – Wege in eine zukunfts­fä­hi­ge Moder­ne«. Die Zukunft ist sozu­sa­gen sein Metier.

Die Gesell­schaft unse­res Typs habe ihre Zukunft ver­lo­ren, so Wel­zer, ganz im Gegen­satz zu den 1960er-Jah­ren, als die Zukunft noch als »Labor von Möglichkeiten«(S.10) gegol­ten habe. Mit die­sem deut­li­chen State­ment eröff­net Harald Wel­zer sei­ne Aus­füh­run­gen. Ange­sichts vor­herr­schen­der Umwelt­pro­ble­me – Kli­ma­wan­del, Atom­kraft, Über­fi­schung und Ver­schmut­zung der Mee­re – und man­geln­der Lösungs­an­sät­ze, schei­nen Sor­gen durch­aus berech­tigt. Scho­nungs­los führt Wel­zer dem Leser die­se Pro­ble­me und ihre Ursa­chen vor Augen, um anschlie­ßend zu zei­gen, wie es künf­tig bes­ser lau­fen kann.

Anhand von Bei­spie­len deckt er zukunfts­schäd­li­che, wenig nach­hal­ti­ge Geschäfts­mo­del­le auf. Dem Möbel-Rie­sen Ikea wid­met Wel­zer sogar ein eige­nes Kapi­tel: »Wohnst du noch, oder zer­störst du schon?«. Denn die kur­ze Lebens­dau­er der Pro­duk­te und die damit ver­bun­de­ne Res­sour­cen­ver­schwen­dung mache das Ikea-Möbel zum Sinn­bild der moder­nen Weg­werf­ge­sell­schaft. Ener­gisch hält er dem Leser den Spie­gel vor, indem er ihn direkt adres­siert – zum Teil sogar pro­vo­ziert – und erreicht so, dass sich der Leser als Teil des Pro­blems ver­steht. Jeder ist bei­des: Geschä­dig­ter und Mit­tä­ter. Die Tat­sa­che, dass sich der Autor selbst ein­be­zieht, hin­dert einen jedoch dar­an, das Buch belei­digt bei­sei­te zu legen.

Dar­über hin­aus ver­steht Wel­zer es, durch die Mischung von wis­sen­schaft­li­chen Fak­ten und pri­va­ten Anek­do­ten auch Leser ohne Vor­kennt­nis­se abzu­ho­len. Er ver­an­schau­licht anhand bild­haf­ter Spra­che, tref­fen­der Ver­glei­che und eines sar­kas­ti­schen Unter­tons, dass der Glau­be, heu­te bereits nach­hal­tig zu leben, eine Illu­si­on ist. Beson­ders tref­fen­des Bei­spiel ist die Kaf­fee­kap­sel, die auch in ihrer Öko­ver­si­on die Umwelt­bi­lanz nicht schö­nen kann: »Schwupps konn­te ein Pro­dukt als umwelt­freund­lich gel­ten, das es vor kur­zem noch gar nicht gab und das aus­schließ­lich auf­grund sei­ner Inexis­tenz umwelt­freund­lich war«(S.27). So para­dox ist sie, unse­re Kon­sum­welt.

Nach einer Viel­zahl an Augen­öff­nern lie­fert Wel­zer Bei­spie­le für nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten. Er moti­viert den Leser, nicht län­ger Teil des Pro­blems zu sein, son­dern Teil der Lösung zu wer­den. Bes­tes Mit­tel dafür sei die Reduk­ti­on. Ein­fa­cher gesagt als getan, weiß auch der Autor: »Die emo­tio­na­le Sexy­ness der Auf­for­de­rung ›Lasst uns weni­ger haben!‹ ist arg begrenzt in einer Kul­tur, die in jeder Faser auf Expan­si­on geeicht ist«(S.146). Her­aus­for­de­rung sei es des­halb, die Hal­tung des »Weni­ger« salon­fä­hig zu machen. Um das zu errei­chen ist ein Umden­ken unver­meid­lich. Dazu gehö­re auch, sich die Zukunft als eine »kon­kre­te Uto­pie« vor­zu­stel­len. Sprich: Die Men­schen soll­ten sich lie­ber aus­ma­len, wie ihre Zukunft aus­se­hen soll, nicht, wie sie nicht aus­se­hen darf.

Wel­zers kon­kre­te Uto­pie zeigt eine Gesell­schaft in der es als »cool« gilt »nur noch so viel wie nötig und so wenig wie mög­lich zu haben«(S.154). Und die Logik ist auf sei­ner Sei­te: »Was man nicht hat, braucht kei­nen Raum, […]kann nicht geklaut wer­den, […]braucht nicht umzie­hen, […]kos­tet nichts«(S.154). Natür­lich ist dem renom­mier­tes­ten Lehr­meis­ter der Repu­blik klar, dass man Men­schen nicht durch Beleh­run­gen moti­viert, was ihn jedoch nicht an einem Ver­such hin­dert. Immer­hin bedür­fe es kei­ner Mehr­hei­ten, um eine Gesell­schaft zu ver­än­dern, son­dern »Min­der­hei­ten aus allen rele­van­ten sozia­len Schichten«(S.185). Und die­sen Min­der­hei­ten sei gesagt: »[…] zunächst wer­den die soge­nann­ten ›first movers‹ als Spin­ner betrach­tet, dann als Avant­gar­de, dann als Vorbilder«(S.185). Das macht doch Mut. Also wor­auf war­ten wir noch? Es ist höchs­te Zeit für Ver­än­de­rung.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016