Essay

Gerüchte im »Kulturkampf«

Wie moderne Populisten auf die Popkultur zurückgreifen

Von Gernot Wolfram


Das Spiel mit Pop­kul­tur ist im Feld medi­al ver­mit­tel­ter Pro­pa­gan­da nicht neu – und viel­leicht ist es nicht zuletzt genau des­we­gen so gefähr­lich. Paul Watz­la­wick nann­te es das Spiel mit »Kon­fu­sio­nen«, mit Unru­he aus­lö­sen­den Bot­schaf­ten und Nach­rich­ten –, die es schaf­fen, Men­schen gründ­lich durch­ein­an­der zu brin­gen. Es wer­den so lan­ge ver­wir­ren­de und fal­sche Behaup­tun­gen auf­ge­stellt bis die Men­schen nach irgend­ei­ner logi­schen Erklä­rung suchen, nach einer Ord­nung, die ihnen zu ver­ste­hen hilft, was sie gera­de sehen und hören. Wenn etwa lan­ge genug behaup­tet wird, die Demo­kra­tie wer­de gera­de heim­lich abge­schafft, kann es pas­sie­ren, dass die Zuhö­rer nach Anzei­chen suchen, ob die Behaup­tung mög­li­cher­wei­se stimmt. Wenn man lan­ge genug ver­mit­telt bekommt, die eige­ne Spra­che und Kul­tur wer­den von gehei­men Mäch­ten im Hin­ter­grund abge­schafft, kann jeder eng­li­sche Begriff in einem öffent­li­chen Gespräch zum Hin­weis wer­den: Es scheint etwas dran zu sein am gro­ßen Kul­tur­kampf. »Die soge­nann­te Wirk­lich­keit ist das Ergeb­nis von Kom­mu­ni­ka­ti­on«, mein­te Paul Watz­la­wick[1]. Er gab sei­nen Lesern schon im letz­ten Jahr­hun­dert beein­dru­cken­de Ein­bli­cke in die Trick­kis­te der Popu­lis­ten. In ihre Fähig­keit, durch das Streu­en von Nach­rich­ten, lite­ra­ri­schen Schnip­seln und rau­nen­den Anspie­lun­gen erst Unord­nung zu stif­ten, um dann dem irri­tier­ten Publi­kum die Erleich­te­rung einer schein­bar wie­der­ge­fun­de­nen Ord­nung zu verschaffen.

Anhand eines beun­ru­hi­gen­den Bei­spiels aus Frank­reich aus dem Jahr 1969 zeigt Watz­la­wick auf, wie in Zei­ten der Ver­un­si­che­rung alte dis­kri­mi­nie­ren­de Erzäh­lun­gen in einer Gesell­schaft nach oben stei­gen kön­nen. Watz­la­wick bezieht sich hier auf eine heu­te lei­der etwas in Ver­ges­sen­heit gera­te­ne Stu­die des fran­zö­si­schen Sozio­lo­gen Edgar Mor­in und sei­nes Teams.[2] Im Mai 1969 befand sich Frank­reich in einem Zustand inne­rer Unru­he und poli­ti­scher Insta­bi­li­tät. Der erfolg­rei­che Prä­si­dent und Kriegs­held Gene­ral de Gaul­le erlitt wäh­rend eines Refe­ren­dums eine Nie­der­la­ge und zog sich zunächst auf sein Land­gut nach Colom­bey-les-Deux-Egli­ses zurück. Für den 1. Juni wur­den Neu­wah­len aus­ge­ru­fen. In die­ser Zeit kam ein Gerücht in der Stadt Orlé­ans auf: Damen­mo­de­ge­schäf­te und Bou­ti­quen sei­en angeb­lich in Mäd­chen­han­del ver­wi­ckelt. In den Umklei­de­ka­bi­nen wür­den Mäd­chen über­wäl­tigt und betäubt. Man wür­de sie in Kel­lern gefan­gen hal­ten und dann nach Über­see ent­füh­ren und ver­ge­wal­ti­gen. Bereits 28 jun­ge Frau­en wür­den in der Stadt vermisst.

Schließ­lich nah­men die Gerüch­te immer mehr zu. Gegen Juden gerich­te­te Ritu­al­mor­der­zäh­lun­gen tauch­ten wie­der auf; die jüdi­sche Gemein­de bekam Angst und wand­te sich an die Poli­zei. »Als das Gerücht sich aus­brei­te­te und immer spe­zi­fi­scher wur­de, kamen zwei bemer­kens­wer­te Ein­zel­hei­ten ans Licht: Ers­tens ver­kauf­ten die betref­fen­den Mode­lä­den die neu­en Mini­rö­cke und stan­den damit für die pro­vin­zi­el­le Men­ta­li­tät im Zwie­licht einer beson­de­ren Ero­tik; zwei­tens nahm das Gerücht einen aus­ge­spro­chen anti­se­mi­ti­schen Cha­rak­ter an. Das uralte The­ma des Ritu­al­mords tauch­te auf und begann die Run­de zu machen. Am 30. Mai hat­te die Besorg­nis der jüdi­schen Gemein­de über die Ent­wick­lung der Din­ge einen Grad erreicht, der sie ver­an­laß­te, die Behör­den um Schutz­vor­keh­run­gen zu ersu­chen.«[3] Die Poli­zei unter­such­te den Fall und fand rasch her­aus, dass kei­ne ein­zi­ge Frau in Orlé­ans ver­misst wur­de. Die Fak­ten hat­ten aber gegen­über der Macht des geglaub­ten Gerüchts kaum eine Chan­ce. »Die Gefahr eines Pogroms war unleug­bar.«[4] Am Tag nach den Neu­wah­len und mit der Ver­kün­di­gung des Wahl­er­geb­nis­ses brach die Anspan­nung in sich zusam­men. Die Din­ge nor­ma­li­sier­ten sich wie­der. Der Sozio­lo­ge Edgar Mor­in erkann­te die Trag­wei­te des Gesche­hens und mach­te sich mit sei­nem For­scher­team auf den Weg, die Ereig­nis­se zu doku­men­tie­ren und zu unter­su­chen. Ob er wohl ahn­te, wie sym­pto­ma­tisch die Unru­he in Orlé­ans für ein Phä­no­men wer­den soll­te, dass auch über fünf­zig Jah­re spä­ter eine wach­sen­de Gefahr darstellt?