Hördatei
»Man muss einen Mythos in Verlegenheit bringen«
Heinz-Ulrich Nennen über Sprache und ihre Funktion
Der in Karlsruhe lehrende Philosoph Heinz-Ulrich Nennen widmet sich dem Verhältnis von Mythologie und Sprache, Poesie und Philosophie. Im Interview beleuchtet er die Fallstricke der Sprache und unsere Verstrickungen in Mythen.
Nennen, der sich auch mit philosophischer Psychologie befasst, wirft unbequeme Fragen auf: »Wenn jemand vor seiner eigenen Phantasie geflohen ist, kann er sich dann noch etwas sagen?«
Buchbesprechung
Unterhaltungsindustrie contra Schriftkultur
Über Neil Postmans Klassiker »Wir amüsieren uns zu Tode«
Als der Medienwissenschaftler Neil Postman 1985 mit »Wir amüsieren uns zu Tode« seine Kritik an der Unterhaltungsindustrie verfasste, war das Fernsehen in Amerika auf dem Höhepunkt seiner Wirkungskraft. Postman machte es sich zur Aufgabe, die tiefgreifenden Veränderungen, die dieses Medium auf unsere Eindrücke auf die Welt und Kommunikation hat, genauer zu untersuchen. Da es ihm um »Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie«, so der Untertitel, ging, lohnt es sich, den Band erneut zu lesen.
In seinem Buch diagnostiziert er den enormen Werteverfall, der mit der steigenden Vergnügungssucht der Menschheit einhergeht. Postman stützt die Voraussage, die Huxley in seinem Buch »Schöne neue Welt« bereits traf: Nicht die Demokratie werde zusammenbrechen, sondern die Menschheit werde an der tyrannischen Allgegenwärtigkeit des Vergnügens zu Grunde gehen. (vgl. S. 8) Gerade das Fernsehen verändere den Blick auf die Welt. Im Vergleich zu einem gedruckten Buch, das laut Postman Informationen sinnvoll und rational zusammenfasse, sei das Fernsehen gekennzeichnet durch Zusammenhanglosigkeit, fehlender Komplexität und Geschichtslosigkeit. (vgl. S. 36) Jedes Thema, sei es Religion, Bildung oder gar Politik, würde zum Entertainment. Damit ginge auch ein Rückschritt der intellektuellen Ausdrucksform einher. Um den Auswirkungen, die ein blindes Verfolgen dieser Neuerung nach sich ziehen, entgegenzuwirken, rät er dazu, ein kritisches Medienbewusstsein zu entwickeln: »Der Leser muss sich mit intellektueller Wachsamkeit wappnen.« (S. 67)
»Wir amüsieren uns zu Tode« ist in zwei Teile gegliedert. Der erste beschäftigt sich vor allem mit Grundlagen der Medientheorie Postmans, den Kennzeichen der amerikanischen Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert und den technischen und medialen Voraussetzungen des Fernsehzeitalters. Im zweiten Teil erläutert er vor allem an konkreten Beispielen (Fernsehnachrichten, Fernsehpredigten, Werbespots etc.) die Auswirkungen des Fernsehens auf Diskurse und Kommunikation. Die einzelnen Kapitel sind nicht voneinander abhängig. Jedes kann für sich gelesen werden und setzt kaum Kenntnisse der vorangegangenen Kapitel voraus. Wenn man sich von den ersten beiden Kapiteln nicht abschrecken lässt, die gewisse Grundkenntnisse der Medientheorie voraussetzen, gelangt man anschließend zum eigentlichen und gut nachvollziehbaren Hauptteil über das Buchdruckzeitalter hin zur Kritik am Fernsehen und seinen Auswirkungen. Postman erläutert unter anderem die mit der Erfindung des Telegrafen einhergehende Verkürzung der Informationen. Es entstand so eine Kultur zusammenhangloser Schlagzeilen, die sich auch auf die Sprache auswirkte (vgl. S. 124). »Unsere Sprache sind unsere Medien. Unsere Medien sind unsere Metaphern. Unsere Metaphern schaffen den Inhalt unserer Kultur.« (S. 25) Er sieht Fernsehen nicht als Erweiterung der Schriftkultur. Beides stehe im Gegensatz zueinander, da sich beim Fernsehen die Information der Unterhaltung unterordnen müsse (vgl. S. 62).
Postman zeigt, wie sich Medien auf die Gesellschaft und die Kultur auswirken und ausgewirkt haben. Das Werk könnte demnach auch als eine Studie zur Mediengeschichte gesehen werden, die untersucht, wie sich unterschiedliche Medien gegen andere durchgesetzt haben und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirken. Sein Anliegen ist es, die Welt über die negativen Folgen des Fernsehens aufzuklären und das Medienbewusstsein zu schärfen, indem die Medien zum Thema in der Bildung, vor allem in den Schulen, gemacht werden. Daneben kritisiert er scharf, dass vom Fernsehen geprägte Kommunikations- und Lehrformen auch auf die Schulen übergreifen. »Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.« (S. 110) Auch würden aus Politikern Popstars, die in kurzen Werbespots emotionale vereinfachte Botschaften verbreiten, anstatt komplexe Lösungen vorzustellen.
Natürlich wäre es weltfremd zu verlangen, das Fernsehen abzuschaffen. Jedoch sollte ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, welche Auswirkungen dieses Medium auf unser Leben und unsere Kommunikation hat. Mittlerweile erscheint das Medium »Fernsehen« fast passé. Das Internet, die »sozialen Medien« und Streaming-Plattformen lösen es ab. Das Smartphone ist der ständige Begleiter und somit auch der bewährte Schutz vor Langweile. Postman und Huxley, auf den Postman sich im ersten Teil seines Buches bezieht, haben in ihren Werken mit erschreckender Voraussicht unsere aktuelle Wirklichkeit beschrieben.
Frage und Antwort
»… dass der fachliche Wortschatz geringer wird …«
Petra Stephan über Sprache und Architektur
Petra Stephan ist Chefredakteurin der der Fachzeitschrift »AIT« (Architektur, Innenarchitektur und Technischer Ausbau). Im Interview beschreibt sie ihre Arbeit.
Was ist Ihre Lieblingsaufgabe als Chefredakteurin?
Mit den Kolleginnen und Kollegen die uns für die jeweilige »AIT«-Ausgabe vorliegenden Projekte zu sichten, zu diskutieren und letztendlich zur Veröffentlichung auszuwählen. Und natürlich: jede ganz frisch gedruckte AIT aufzuschlagen und durchzublättern.
Und welche Aufgabe führen Sie eher ungern aus?
Innenarchitekten und Architekten, die uns Beiträge zur Veröffentlichung eingesandt haben, zu erklären, warum wir ihr Projekt nicht ausgewählt haben. Das Gleiche gilt für Mitarbeiter von PR-Agenturen, die anfragen, warum gerade ihr Text- und Bildmaterial nicht berücksichtig werden konnte.
Wie haben Sie es geschafft, Chefredakteurin der Fachzeitschrift »AIT« zu werden?
In dem ich mich seit dem Abitur entweder mit Journalismus oder mit Innenarchitektur und Architektur beschäftigt habe: Tageszeitungsvolontariat, Innenarchitekturpraktikum, Architekturstudium, freie Mitarbeit bei Architektur- und Bauherren-Magazinen und Architekturbüros, eigenes Architekturbüro, Redakteurin, Ressortleiterin und dann Chefredakteurin. Neben der Ausbildung ist natürlich die Lust und Begeisterung am Schreiben, am Gestalten und am Kontakt mit Menschen notwendig; sowie Fleiß, Engagement, Durchhaltevermögen, Geduld, Kreativität, Führungsqualität, Empathie und natürlich sehr gute Fach- und Branchenkenntnisse.
Wie gewichten Sie verschiedene Textarten in der »AIT«?
Wir unterscheiden, wie allgemein üblich im Journalismus, die Beiträge in Nachrichten, Meldungen, Kommentare, Essays, Glossen, Beschreibungen und Interviews. Diese verschiedenen Beitragsformen sind unterschiedlich gewichtet: Unser nachrichtlicher Teil am Heftanfang, genannt Forum, enthält kurze, prägnante Meldungen und Kommentare und ist möglichst aktuell, von allgemeinem Interesse und unabhängig vom Heftthema. Im Mittelteil bringen wir eine Anzahl von umfangreichen Serien, dabei steht in erster Linie unsere Zielgruppe, die Innenarchitekten und Architekten im Vordergrund, sie werden interviewt oder liefern einen eigenen Autorentext. Die Leserinnen und Leser sind bestenfalls bereits vertraut mit der ein oder anderen Serie und erwarten schon die nächste Folge.
Der Hauptteil dient den Projektbeschreibungen, die sich jeweils an einer innenarchitektonischen Bauaufgabe – Ladenbau, Wohnen, Büro, Öffentliche Bauten, Gastronomie, Gesundheits- und Freizeitbauten sowie Behörden – orientieren. Die Beiträge sind vier bis acht Seiten lang, mit vielen großen Fotos und relativ viel erläuterndem Text. Ergänzt wird dieser Heftteil durch zum Thema passende längere Essays und Theoriebeiträge sowie kurze Produkt- und Projektbeschreibungen. Diese verschiedenen Beitragsarten werden – laut Leserbefragungen – zu unterschiedlichen Zeitpunkten und Anlässen gelesen, sowie von verschiedenen Lesergruppen. Das hat den Vorteil, dass eine Ausgabe nicht nur einmal in die Hand genommen wird, sondern mehrfach – aus unterschiedlichen Intensionen von unterschiedlichen Interessenten. Die Mischung ist wichtig, um möglichst viele spezifische Neigungen und Interessen der Leserinnen und Leser abzudecken und um eine hohe Aufmerksamkeit und großen Lesernutzen zu erzielen.
In der Architekturbranche sind Fachbegriffe sehr geläufig, wie sehen Sie die Situation in der Designbranche?
Fachbegriffe in der Architektur sind wichtig, damit sehr präzise und sachlich zwischen Fachleuten kommuniziert werden kann – zwischen Innenarchitekten, Architekten, Handwerkern, Lieferanten, Industrie aber auch Fachingenieuren und Fachjournalisten –, ähnlich wie bei Medizinern oder Juristen. Fachbegriffe in der Designbranche kenne ich eher als modische, emotionale und kurzlebige Begrifflichkeiten, die auch für den Kunden oder Käufer verständlich sein müssen.
Nehmen Sie Veränderungen im sprachlichen Verständnis Ihrer Leserschaft wahr?
Unsere Leserinnen und Leser geben uns in der Regel keine Rückmeldung, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Das würden sie dann eher googeln oder es als etwas neu Dazugelerntes bewerten. In der Zusammenarbeit mit jüngeren Kollegen merke ich jedoch, dass der fachliche Wortschatz geringer wird und die Neigung, sich sehr präzise, differenziert und bewertend auszudrücken, abnimmt. Das spiegelt sich auch in den eingesandten studentischen Beiträgen wider.
Im Hinblick auf die Zukunft: Wie geht die »AIT« mit Themen wie Digitalisierung oder Akquise junger Leser um?
Die Corona-bedingte Kurzarbeit hat ausgerechnet den Teil der Kolleginnen und Kollegen getroffen, der für die digitalen Medien – Homepage, Newsletter, Facebook, Instagram – zuständig ist. Wir wären da sehr gerne sehr viel weiter und hoffen nach Beendigung der Kurzarbeit in unserem Verlag an die Bemühungen in der Vergangenheit anknüpfen zu können. Die jüngeren Leserinnen und Leser versuchen wir immer schon mit Serienbeiträgen wie »Studierende entwerfen« oder »Lehrjahre bei …« anzusprechen, veröffentlichen Aufrufe zu studentischen Wettbewerbern, Hochschulinterna oder neuen Studiengängen.
Die jungen Autorinnen und Autoren bekommen ein Jahres-Abonnement und je nach Beitrag ein Honorar. Zu Semesterbeginn schicken wir den Erstsemestern unter den Innenarchitektur- und Architekturstudenten seit vielen Jahren ein »AIT«-Willkommenspaket mit einem Fachbuch, »AIT«-Ausgaben, Schreibunterlagen etc. zu; und wer uns den Nachweis über den Bachelor- oder Masterabschluss mailt, bekommt ein Halbjahres-Abonnement der »AIT«. Und natürlich gewähren wir 50 Prozent Studierendenrabatt auf das »AIT«-Jahres-Abonnement.