Hördatei

»Man muss einen Mythos in Verlegenheit bringen«

Heinz-Ulrich Nennen über
 Sprache und ihre Funktion

Von Eduard Schmidt


Der in Karls­ru­he leh­ren­de Phi­lo­soph Heinz-Ulrich Nen­nen wid­met sich dem Ver­hält­nis von Mytho­lo­gie und Spra­che, Poe­sie und Phi­lo­so­phie. Im Inter­view beleuch­tet er die Fall­stri­cke der Spra­che und unse­re Ver­stri­ckun­gen in Mythen. 

Nen­nen, der sich auch mit phi­lo­so­phi­scher Psy­cho­lo­gie befasst, wirft unbe­que­me Fra­gen auf: »Wenn jemand vor sei­ner eige­nen Phan­ta­sie geflo­hen ist, kann er sich dann noch etwas sagen?«

 

Buchbesprechung

Unterhaltungsindustrie contra Schriftkultur

Über Neil Postmans Klassiker »Wir amüsieren uns zu Tode«

Als der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Neil Post­man 1985 mit »Wir amü­sie­ren uns zu Tode« sei­ne Kri­tik an der Unter­hal­tungs­in­dus­trie ver­fass­te, war das Fern­se­hen in Ame­ri­ka auf dem Höhe­punkt sei­ner Wir­kungs­kraft. Post­man mach­te es sich zur Auf­ga­be, die tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen, die die­ses Medi­um auf unse­re Ein­drü­cke auf die Welt und Kom­mu­ni­ka­ti­on hat, genau­er zu unter­su­chen. Da es ihm um »Urteils­bil­dung im Zeit­al­ter der Unter­hal­tungs­in­dus­trie«, so der Unter­ti­tel, ging, lohnt es sich, den Band erneut zu lesen.

In sei­nem Buch dia­gnos­ti­ziert er den enor­men Wer­te­ver­fall, der mit der stei­gen­den Ver­gnü­gungs­sucht der Mensch­heit ein­her­geht. Post­man stützt die Vor­aus­sa­ge, die Hux­ley in sei­nem Buch »Schö­ne neue Welt« bereits traf: Nicht die Demo­kra­tie wer­de zusam­men­bre­chen, son­dern die Mensch­heit wer­de an der tyran­ni­schen All­ge­gen­wär­tig­keit des Ver­gnü­gens zu Grun­de gehen. (vgl. S. 8) Gera­de das Fern­se­hen ver­än­de­re den Blick auf die Welt. Im Ver­gleich zu einem gedruck­ten Buch, das laut Post­man Infor­ma­tio­nen sinn­voll und ratio­nal zusam­men­fas­se, sei das Fern­se­hen gekenn­zeich­net durch Zusam­men­hang­lo­sig­keit, feh­len­der Kom­ple­xi­tät und Geschichts­lo­sig­keit. (vgl. S. 36) Jedes The­ma, sei es Reli­gi­on, Bil­dung oder gar Poli­tik, wür­de zum Enter­tain­ment. Damit gin­ge auch ein Rück­schritt der intel­lek­tu­el­len Aus­drucks­form ein­her. Um den Aus­wir­kun­gen, die ein blin­des Ver­fol­gen die­ser Neue­rung nach sich zie­hen, ent­ge­gen­zu­wir­ken, rät er dazu, ein kri­ti­sches Medien­be­wusst­sein zu ent­wi­ckeln: »Der Leser muss sich mit intel­lek­tu­el­ler Wach­sam­keit wapp­nen.« (S. 67)

»Wir amü­sie­ren uns zu Tode« ist in zwei Tei­le geglie­dert. Der ers­te beschäf­tigt sich vor allem mit Grund­la­gen der Medi­en­theo­rie Post­mans, den Kenn­zei­chen der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft im 18. und 19. Jahr­hun­dert und den tech­ni­schen und media­len Vor­aus­set­zun­gen des Fern­seh­zeit­al­ters. Im zwei­ten Teil erläu­tert er vor allem an kon­kre­ten Bei­spie­len (Fern­seh­nach­rich­ten, Fern­seh­pre­dig­ten, Wer­be­spots etc.) die Aus­wir­kun­gen des Fern­se­hens auf Dis­kur­se und Kom­mu­ni­ka­ti­on. Die ein­zel­nen Kapi­tel sind nicht von­ein­an­der abhän­gig. Jedes kann für sich gele­sen wer­den und setzt kaum Kennt­nis­se der vor­an­ge­gan­ge­nen Kapi­tel vor­aus. Wenn man sich von den ers­ten bei­den Kapi­teln nicht abschre­cken lässt, die gewis­se Grund­kennt­nis­se der Medi­en­theo­rie vor­aus­set­zen, gelangt man anschlie­ßend zum eigent­li­chen und gut nach­voll­zieh­ba­ren Haupt­teil über das Buch­druck­zeit­al­ter hin zur Kri­tik am Fern­se­hen und sei­nen Aus­wir­kun­gen. Post­man erläu­tert unter ande­rem die mit der Erfin­dung des Tele­gra­fen ein­her­ge­hen­de Ver­kür­zung der Infor­ma­tio­nen. Es ent­stand so eine Kul­tur zusam­men­hang­lo­ser Schlag­zei­len, die sich auch auf die Spra­che aus­wirk­te (vgl. S. 124). »Unse­re Spra­che sind unse­re Medi­en. Unse­re Medi­en sind unse­re Meta­phern. Unse­re Meta­phern schaf­fen den Inhalt unse­rer Kul­tur.« (S. 25) Er sieht Fern­se­hen nicht als Erwei­te­rung der Schrift­kul­tur. Bei­des ste­he im Gegen­satz zuein­an­der, da sich beim Fern­se­hen die Infor­ma­ti­on der Unter­hal­tung unter­ord­nen müs­se (vgl. S. 62).

Post­man zeigt, wie sich Medi­en auf die Gesell­schaft und die Kul­tur aus­wir­ken und aus­ge­wirkt haben. Das Werk könn­te dem­nach auch als eine Stu­die zur Medi­en­ge­schich­te gese­hen wer­den, die unter­sucht, wie sich unter­schied­li­che Medi­en gegen ande­re durch­ge­setzt haben und wie sie sich auf die Gesell­schaft aus­wir­ken. Sein Anlie­gen ist es, die Welt über die nega­ti­ven Fol­gen des Fern­se­hens auf­zu­klä­ren und das Medien­be­wusst­sein zu schär­fen, indem die Medi­en zum The­ma in der Bil­dung, vor allem in den Schu­len, gemacht wer­den. Dane­ben kri­ti­siert er scharf, dass vom Fern­se­hen gepräg­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Lehr­for­men auch auf die Schu­len über­grei­fen. »Pro­ble­ma­tisch am Fern­se­hen ist nicht, dass es uns unter­halt­sa­me The­men prä­sen­tiert, pro­ble­ma­tisch ist, dass es jedes The­ma als Unter­hal­tung prä­sen­tiert.« (S. 110) Auch wür­den aus Poli­ti­kern Pop­stars, die in kur­zen Wer­be­spots emo­tio­na­le ver­ein­fach­te Bot­schaf­ten ver­brei­ten, anstatt kom­ple­xe Lösun­gen vorzustellen.

Natür­lich wäre es welt­fremd zu ver­lan­gen, das Fern­se­hen abzu­schaf­fen. Jedoch soll­te ein Bewusst­sein dafür geschaf­fen wer­den, wel­che Aus­wir­kun­gen die­ses Medi­um auf unser Leben und unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on hat. Mitt­ler­wei­le erscheint das Medi­um »Fern­se­hen« fast pas­sé. Das Inter­net, die »sozia­len Medi­en« und Strea­ming-Platt­for­men lösen es ab. Das Smart­phone ist der stän­di­ge Beglei­ter und somit auch der bewähr­te Schutz vor Lang­wei­le. Post­man und Hux­ley, auf den Post­man sich im ers­ten Teil sei­nes Buches bezieht, haben in ihren Wer­ken mit erschre­cken­der Vor­aus­sicht unse­re aktu­el­le Wirk­lich­keit beschrieben.

Frage und Antwort

»… dass der fachliche Wortschatz geringer wird …«

Petra Stephan über Sprache und Architektur

Von Stefanie Schulz


Petra Ste­phan ist Chef­re­dak­teu­rin der der Fach­zeit­schrift »AIT« (Archi­tek­tur, Innen­ar­chi­tek­tur und Tech­ni­scher Aus­bau). Im Inter­view beschreibt sie ihre Arbeit.

Was ist Ihre Lieb­lings­auf­ga­be als Chefredakteurin?

Mit den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen die uns für die jewei­li­ge »AIT«-Ausgabe vor­lie­gen­den Pro­jek­te zu sich­ten, zu dis­ku­tie­ren und letzt­end­lich zur Ver­öf­fent­li­chung aus­zu­wäh­len. Und natür­lich: jede ganz frisch gedruck­te AIT auf­zu­schla­gen und durchzublättern.

Und wel­che Auf­ga­be füh­ren Sie eher ungern aus?

Innen­ar­chi­tek­ten und Archi­tek­ten, die uns Bei­trä­ge zur Ver­öf­fent­li­chung ein­ge­sandt haben, zu erklä­ren, war­um wir ihr Pro­jekt nicht aus­ge­wählt haben. Das Glei­che gilt für Mit­ar­bei­ter von PR-Agen­tu­ren, die anfra­gen, war­um gera­de ihr Text- und Bild­ma­te­ri­al nicht berück­sich­tig wer­den konnte.

Wie haben Sie es geschafft, Chef­re­dak­teu­rin der Fach­zeit­schrift »AIT« zu werden?

In dem ich mich seit dem Abitur ent­we­der mit Jour­na­lis­mus oder mit Innen­ar­chi­tek­tur und Archi­tek­tur beschäf­tigt habe: Tages­zei­tungs­vo­lon­ta­ri­at, Innen­ar­chi­tek­tur­prak­ti­kum, Archi­tek­tur­stu­di­um, freie Mit­ar­beit bei Archi­tek­tur- und Bau­her­ren-Maga­zi­nen und Archi­tek­tur­bü­ros, eige­nes Archi­tek­tur­bü­ro, Redak­teu­rin, Res­sort­lei­te­rin und dann Chef­re­dak­teu­rin. Neben der Aus­bil­dung ist natür­lich die Lust und Begeis­te­rung am Schrei­ben, am Gestal­ten und am Kon­takt mit Men­schen not­wen­dig; sowie Fleiß, Enga­ge­ment, Durch­hal­te­ver­mö­gen, Geduld, Krea­ti­vi­tät, Füh­rungs­qua­li­tät, Empa­thie und natür­lich sehr gute Fach- und Branchenkenntnisse.

Wie gewich­ten Sie ver­schie­de­ne Text­ar­ten in der »AIT«?

Wir unter­schei­den, wie all­ge­mein üblich im Jour­na­lis­mus, die Bei­trä­ge in Nach­rich­ten, Mel­dun­gen, Kom­men­ta­re, Essays, Glos­sen, Beschrei­bun­gen und Inter­views. Die­se ver­schie­de­nen Bei­trags­for­men sind unter­schied­lich gewich­tet: Unser nach­richt­li­cher Teil am Heft­an­fang, genannt Forum, ent­hält kur­ze, prä­gnan­te Mel­dun­gen und Kom­men­ta­re und ist mög­lichst aktu­ell, von all­ge­mei­nem Inter­es­se und unab­hän­gig vom Heft­the­ma. Im Mit­tel­teil brin­gen wir eine Anzahl von umfang­rei­chen Seri­en, dabei steht in ers­ter Linie unse­re Ziel­grup­pe, die Innen­ar­chi­tek­ten und Archi­tek­ten im Vor­der­grund, sie wer­den inter­viewt oder lie­fern einen eige­nen Autoren­text. Die Lese­rin­nen und Leser sind bes­ten­falls bereits ver­traut mit der ein oder ande­ren Serie und erwar­ten schon die nächs­te Folge.

Der Haupt­teil dient den Pro­jekt­be­schrei­bun­gen, die sich jeweils an einer innen­ar­chi­tek­to­ni­schen Bau­auf­ga­be – Laden­bau, Woh­nen, Büro, Öffent­li­che Bau­ten, Gas­tro­no­mie, Gesund­heits- und Frei­zeit­bau­ten sowie Behör­den – ori­en­tie­ren. Die Bei­trä­ge sind vier bis acht Sei­ten lang, mit vie­len gro­ßen Fotos und rela­tiv viel erläu­tern­dem Text. Ergänzt wird die­ser Heft­teil durch zum The­ma pas­sen­de län­ge­re Essays und Theo­rie­bei­trä­ge sowie kur­ze Pro­dukt- und Pro­jekt­be­schrei­bun­gen. Die­se ver­schie­de­nen Bei­trags­ar­ten wer­den – laut Leser­be­fra­gun­gen – zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten und Anläs­sen gele­sen, sowie von ver­schie­de­nen Leser­grup­pen. Das hat den Vor­teil, dass eine Aus­ga­be nicht nur ein­mal in die Hand genom­men wird, son­dern mehr­fach – aus unter­schied­li­chen Inten­sio­nen von unter­schied­li­chen Inter­es­sen­ten. Die Mischung ist wich­tig, um mög­lichst vie­le spe­zi­fi­sche Nei­gun­gen und Inter­es­sen der Lese­rin­nen und Leser abzu­de­cken und um eine hohe Auf­merk­sam­keit und gro­ßen Leser­nut­zen zu erzielen.

In der Archi­tek­tur­bran­che sind Fach­be­grif­fe sehr geläu­fig, wie sehen Sie die Situa­ti­on in der Designbranche?

Fach­be­grif­fe in der Archi­tek­tur sind wich­tig, damit sehr prä­zi­se und sach­lich zwi­schen Fach­leu­ten kom­mu­ni­ziert wer­den kann – zwi­schen Innen­ar­chi­tek­ten, Archi­tek­ten, Hand­wer­kern, Lie­fe­ran­ten, Indus­trie aber auch Fach­in­ge­nieu­ren und Fach­jour­na­lis­ten –, ähn­lich wie bei Medi­zi­nern oder Juris­ten. Fach­be­grif­fe in der Design­bran­che ken­ne ich eher als modi­sche, emo­tio­na­le und kurz­le­bi­ge Begriff­lich­kei­ten, die auch für den Kun­den oder Käu­fer ver­ständ­lich sein müssen.

Neh­men Sie Ver­än­de­run­gen im sprach­li­chen Ver­ständ­nis Ihrer Leser­schaft wahr?

Unse­re Lese­rin­nen und Leser geben uns in der Regel kei­ne Rück­mel­dung, wenn sie etwas nicht ver­stan­den haben. Das wür­den sie dann eher goo­geln oder es als etwas neu Dazu­ge­lern­tes bewer­ten. In der Zusam­men­ar­beit mit jün­ge­ren Kol­le­gen mer­ke ich jedoch, dass der fach­li­che Wort­schatz gerin­ger wird und die Nei­gung, sich sehr prä­zi­se, dif­fe­ren­ziert und bewer­tend aus­zu­drü­cken, abnimmt. Das spie­gelt sich auch in den ein­ge­sand­ten stu­den­ti­schen Bei­trä­gen wider.

Im Hin­blick auf die Zukunft: Wie geht die »AIT« mit The­men wie Digi­ta­li­sie­rung oder Akqui­se jun­ger Leser um?

Die Coro­na-beding­te Kurz­ar­beit hat aus­ge­rech­net den Teil der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen getrof­fen, der für die digi­ta­len Medi­en – Home­page, News­let­ter, Face­book, Insta­gram – zustän­dig ist. Wir wären da sehr ger­ne sehr viel wei­ter und hof­fen nach Been­di­gung der Kurz­ar­beit in unse­rem Ver­lag an die Bemü­hun­gen in der Ver­gan­gen­heit anknüp­fen zu kön­nen. Die jün­ge­ren Lese­rin­nen und Leser ver­su­chen wir immer schon mit Seri­en­bei­trä­gen wie »Stu­die­ren­de ent­wer­fen« oder »Lehr­jah­re bei …« anzu­spre­chen, ver­öf­fent­li­chen Auf­ru­fe zu stu­den­ti­schen Wett­be­wer­bern, Hoch­schul­in­ter­na oder neu­en Studiengängen. 

Die jun­gen Autorin­nen und Autoren bekom­men ein Jah­res-Abon­ne­ment und je nach Bei­trag ein Hono­rar. Zu Semes­ter­be­ginn schi­cken wir den Erst­se­mes­tern unter den Innen­ar­chi­tek­tur- und Archi­tek­tur­stu­den­ten seit vie­len Jah­ren ein »AIT«-Willkommenspaket mit einem Fach­buch, »AIT«-Ausgaben, Schreib­un­ter­la­gen etc. zu; und wer uns den Nach­weis über den Bache­lor- oder Mas­ter­ab­schluss mailt, bekommt ein Halb­jah­res-Abon­ne­ment der »AIT«. Und natür­lich gewäh­ren wir 50 Pro­zent Stu­die­ren­den­ra­batt auf das »AIT«-Jahres-Abonnement.

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