Wie kom­men Sie dar­auf, dass sich unse­rer Arbeits­zeit in der Zukunft ver­kür­zen wird?

Um 1850 haben die Men­schen bei einer 7-Tage-Woche 82 Stun­den gear­bei­tet. Hun­dert Jah­re spä­ter waren es inner­halb von sechs Tagen noch 48 bis 50 Stun­den, und heu­te sind wir in der Schweiz bei 42,5 Stun­den pro Woche. Die Jah­res­ar­beits­zeit – in der EU zwi­schen knapp 1400 Stun­den pro Jahr in den Nie­der­lan­den und gut 2000 Stun­den pro Jahr in Rumä­ni­en – hat sich über die ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te in allen Indus­trie­län­dern also stark redu­ziert. Gleich­zei­tig hat jedoch eine Ver­dich­tung statt­ge­fun­den. Wir pro­du­zier­ten vor 30 Jah­ren mit der dop­pel­ten Beschäf­tig­ten­zahl das glei­che, was wir heu­te zu pro­du­zie­ren in der Lage sind, und das wird in den kom­men­den 30 Jah­ren nicht viel anders sein. Es ist eine gesell­schaft­li­che – und nicht etwa nur eine unter­neh­me­ri­sche – Auf­ga­be, her­aus­zu­fin­den, wie mit die­sen Ratio­na­li­sie­rungs­ge­win­nen umge­gan­gen wer­den soll­te. Um hier­bei gerech­te Ver­tei­lungs­schlüs­sel zu erar­bei­ten, wird sich die Tren­nung zwi­schen Betriebs­wirt­schaft und Volks­wirt­schaft auf­lö­sen müs­sen, und die Stell­ver­tre­ter­po­li­tik – durch Gewerk­schaf­ten etwa – wird eben­falls durch gesamt­ge­sell­schaft­li­che For­de­run­gen, durch deli­be­ra­ti­ve Demo­kra­tie etwa zurück gedrängt. Die bei­den jun­gen eng­li­schen Wis­sen­schaft­ler Osbor­ne und Frey, oder auch die Volks­wir­te der Bank ING-Diba beschäf­ti­gen sich mit die­sen Ratio­na­li­sie­rungs­pro­zes­sen und schau­en sich an, was in den nächs­ten drei bis vier Jah­ren pas­sie­ren kann: Von den knapp 31 Mil­lio­nen sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäf­tig­ten in der BRD kön­nen ca. 18 Mio. durch Maschi­nen oder Soft­ware ersetzt wer­den (in den USA liegt der errech­ne­te Pro­zent­satz »nur« bei 47 und nicht, wie in der BRD bei geschätz­ten 59 Pro­zent)! Von der Modell­rech­nung her ist das alles gut, rea­li­sie­ren lässt sich das aber nicht ohne Wei­te­res, da es eine enor­me Ver­un­si­che­rung in allen Län­dern mit sich brin­gen wür­de. Gera­de für Län­der mit einer star­ken Pro­duk­ti­on wie Deutsch­land oder Dienst­leis­tungs­an­tei­len wie der Schweiz, wäre es eine sozia­le Kata­stro­phe, wenn man das Ratio­na­li­sie­rungs­po­ten­zi­al voll­stän­dig aus­schöp­fen würde.

Dabei ist die quan­ti­ta­ti­ve Arbeits­zeit und deren Reduk­ti­on gar nicht das gro­ße Pro­blem. Eine Sies­ta bei­zu­be­hal­ten, wäre viel­leicht für die Spa­ni­er pro­duk­ti­ver gewe­sen, als sie abzu­schaf­fen. Was hat es mit der Tren­nung von Arbeit und Frei­zeit auf sich? Was bedeu­tet Balan­ce bei der Work-Life-Balan­ce? Was will man da eigent­lich balan­cie­ren? Wenn die Arbeit wirk­lich gut ist, ist sie nicht Malo­che, son­dern sinn­erfül­len­des Tätig-Sein, das nur durch ande­re Tätig­kei­ten unter­bro­chen wird – Kaf­fee trin­ken und Plau­dern mit einem Freund, in den Urlaub fah­ren etc. In mei­nem Berufs­le­ben habe ich Arbeit immer wie­der durch Feri­en, freie Tage oder freie Stun­den im Muse­um unter­bro­chen und umge­kehrt Feri­en oder Muse­ums­be­su­che durch Arbeit. Das liegt nicht dar­an, dass ich ein Work­aho­lic bin; Arbeit ist Habi­tus gewor­den im Bour­dieu­schen Sinne.

Unser Arbei­ten hat sich dem­nach über die letz­ten Jahr­hun­der­te enorm ver­än­dert und wird das auch wei­ter­hin tun. Was wird in Zukunft unse­re Moti­va­ti­on sein, zu arbeiten?

Die Arbeits­mo­ti­va­ti­on ist eine Exis­tenz­fra­ge, und dort, wo es um Exis­tenz geht, spie­len mei­ne Wün­sche und urei­gens­ten Bedürf­nis­se eine nach­ge­ord­ne­te Rol­le. Über­ge­ord­net ist der Anreiz, der extrinsi­sche Moti­va­tor, die Exis­tenz zu sichern. Uns bleibt nun mal nichts ande­res, als mit Arbeit das not­wen­di­ge Ein­kom­men zu sichern, andern­falls wer­den wir ali­men­tiert. Wir haben in deut­schen Abschluss­klas­sen gefragt, was die Schü­ler wer­den möch­ten. Dort gibt es jun­ge Erwach­se­ne, die sagen – und zwar nicht mit fei­ner Iro­nie –: »Ich wer­de ›Hart­zer‹. Ich wer­de kei­nen Beruf ler­nen!« Die­se Jugend­li­chen haben bei ihren Eltern mit­er­lebt, wie sie zwei­mal umge­schult wur­den und heu­te immer noch kei­ne Arbeit haben. Sie wer­den her­aus­fin­den, wie sie inner­halb des Hartz-IV-Sys­tems über­le­ben kön­nen. Dadurch bekom­men sie eine Grund­ren­te, und alles, was sie zusätz­lich machen, geschieht aus Lust und Lau­ne – wenn es noch ein biss­chen Geld bringt: um so bes­ser. Wenn man die­se Tren­nung ein­mal kon­se­quent durch­denkt, dann ist für hoch­ent­wi­ckel­te Gesell­schaf­ten, die enor­me Ratio­na­li­sie­rungs­chan­cen haben, die Ratio­na­li­sie­rung auch nicht mehr der Hor­ror. Mit Gewerk­schaf­tern aus den 70er Jah­ren konn­te man nicht dar­über reden, dass Auto­ma­ti­sie­rung irgend­et­was Gutes haben könn­te. Ich glau­be, unse­re Bedürf­nis­se und Wün­sche wer­den uns in tie­fe Kri­sen gera­ten las­sen – Kri­sen, die wir dafür nut­zen wer­den, her­aus­zu­fin­den, was wir wirk­lich wollen.

Wenn wir 20, 30 Jah­re in die Zukunft bli­cken, wird es den Begriff der Arbeit, so wie wir ihn heu­te ken­nen, über­haupt noch geben?

Den Begriff der Erwerbs­ar­beit wird es noch so lan­ge geben, wie er an die Exis­tenz­si­che­rung gebun­den ist. Doch er wird mit neu­en Fra­gen ange­rei­chert wer­den. Ich will mit mei­ner Arbeit nicht nur zufrie­den wer­den oder Kar­rie­re machen. Das, was man aus­schließ­lich der »Genera­ti­on Y« zuschreibt, gab es ten­den­zi­ell schon bei den »Baby­boo­mers«: Sie waren bereits für Ent­schleu­ni­gung. Auch Per­so­nen aus der »X-Genera­ti­on«, also denen, die zwi­schen 1964 und 1979 gebo­ren wur­den, wür­den – erho­ben in einem Gedan­ken­ex­pe­ri­ment – für sinn­vol­le­re Auf­ga­ben auf Sta­tus oder Geld ver­zich­ten. Vie­le wol­len kei­nen ver­ti­ka­len Auf­stieg, son­dern hori­zon­ta­le Ent­wick­lung und Iden­ti­täts­bil­dung. Unter Umstän­den will man auch mal die Rol­le des Pro­jekt­lei­ters über­neh­men, aber anschlie­ßend auch wie­der zum Pro­jekt­mit­ar­bei­ter wer­den. Die­ses Ver­hal­ten ist intrinsisch moti­viert und erzeugt zum Bei­spiel auch das typi­sche Ver­lan­gen, wie­der ein­mal etwas hand­werk­lich machen zu wol­len. Gera­de in krea­ti­ven Beru­fen gibt es Zei­ten, da ist man heil­froh, dass man Wäsche waschen und auf­hän­gen oder put­zen und auf­räu­men kann. Das Bedürf­nis, sich auf ver­schie­de­ne Art und Wei­se zu beschäf­ti­gen, wird zuneh­men; mal schweiß­trei­bend, mal rela­xend und dann wie­der schöp­fe­risch, mal in Ein­zel­ar­beit, dann wie­der im Team, im Home Office, in der Groß­grup­pe oder an einem ange­mie­tet Arbeits­platz und selbst­ver­ständ­lich auch in der Bahn, vom Urlaub kom­mend oder in die Feri­en rei­send. Wenn die Exis­tenz­si­che­rung nicht im Fokus steht – also das Ein­kom­men über das Aus­kom­men hin­aus­reicht –, fan­gen wir an, uns zu fra­gen, was wir eigent­lich wirk­lich wol­len, und das wird in 30 Jah­ren anders beant­wor­tet wer­den als heu­te. Die Leu­te wol­len heu­te schon nicht mehr ein­fach nur zufrie­den wer­den am Arbeits­platz, für vie­le wird die Sinn­fra­ge immer wich­ti­ger. Sinn meint dabei nicht, dass die Arbeit »nur« nütz­lich sein soll für ande­re oder für die Gesell­schaft. Viel wich­ti­ger wird die Fra­ge: Kor­re­spon­diert die Arbeit mit mei­nen Wer­ten; hat das Gan­ze Sinn für mich? Auch wenn eine Tätig­keit frü­her Sinn erge­ben hat, bedeu­tet es nicht, dass es sie es auch wei­ter­hin tut. Bes­tes Bei­spiel dafür sind Aus­stei­ger. Jemand, der lei­den­schaft­li­cher Arzt war, kann plötz­lich etwas kom­plett ande­res machen. Die­se Posi­ti­on kann ich erst errei­chen, wenn ich Frei­heit von der Exis­tenz­si­che­rung gewon­nen habe. »Wie kann ich wer­den, was ich bin?«, so frag­te Nietz­sche. Natür­lich nur indem ich tue, kom­me ich zu dem, was ich eigent­lich bin. Wir aber sind dabei, uns durch depres­si­ve Stim­mung zu ent­fer­nen von dem, was wir sind.