Essay

Kreativitätstechniken als Topiken des Designs

Warum es Designern hilft, »Kreativität« theoretisch zu fassen

Von Pierre Smolarski


Ein­lei­tung

Krea­ti­vi­tät ist ein, wenn nicht gar, der Kern­be­griff in den Design­dis­zi­pli­nen. Krea­ti­vi­tät und Design zusam­men­zu­brin­gen, stellt dem­nach einen Gemein­platz dar, der hin­rei­chend zum Kli­schee ver­kom­men ist. Und obwohl Krea­ti­vi­tät ein Kern­be­griff im Design ist, schei­nen die Gestal­tungs­dis­zi­pli­nen wenig Mühe dar­auf zu ver­wen­den, die­sen Begriff zu bestim­men und gegen ver­wand­te Begrif­fe wie Inno­va­ti­on, Schön­heit oder Witz abzu­gren­zen. Dar­aus ergibt sich fol­gen­des Pro­blem: Für Desi­gner gehört das Fin­den von neu­en Lösun­gen und guten Ide­en für über­zeu­gen­des Design zum täg­lich Brot. Unter dem Ver­dikt eines mit­hin empha­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses als »krea­tiv« ste­hen Gestal­ter aller­dings oft­mals in einem zwie­späl­ti­gen Ver­hält­nis zu einer metho­di­schen Fin­dungs­leh­re. Auf der einen Sei­te wird die eige­ne Krea­ti­vi­tät betont, die angeb­lich nur eine Eige­ne sei, wenn nicht nur die gefun­de­nen Resul­ta­te neu sind, son­dern auch die Fin­dungs­we­ge, was eine metho­di­sche Anlei­tung als unkrea­tiv erschei­nen lässt; auf der ande­ren Sei­te stel­len Tech­ni­ken der Ide­en- und kon­kret der Bild-, Text- und Motiv­fin­dung sowohl den Gegen­stand der Ver­mitt­lung an Design­hoch­schu­len dar als auch den Gegen­stand gern benutz­ter Rat­ge­ber­li­te­ra­tur und soge­nann­ter Look-Books. Wir kön­nen also kon­sta­tie­ren: Durch die Omni­prä­senz des Krea­ti­vi­täts­ge­bo­tes bei gleich­zei­ti­ger nahe­zu tota­ler Unter­be­stimmt­heit inner­halb der Design­dis­zi­pli­nen ent­steht der Ein­druck einer Unver­ein­bar­keit von Krea­ti­vi­tät und Tech­nik (im Sin­ne einer tech­né).

Um die­se ver­meint­li­che Unver­ein­bar­keit wird es im Wei­te­ren gehen und dabei ste­hen fol­gen­de Fra­gen im Mit­tel­punkt:
a) Was kann unter einer Krea­ti­vi­täts­tech­nik ver­stan­den wer­den? Die Ant­wort auf die­se Fra­ge wird vom Ver­ständ­nis des­sen, was als krea­tiv bezeich­net wird, abhän­gen. Dazu wer­den drei Bedeu­tun­gen von Krea­ti­vi­täts­tech­nik ent­wi­ckelt wer­den.
b) Wel­chen Bezug haben die­se Tech­ni­ken zur Rhe­to­rik? Hier wird es sowohl dar­um gehen, die Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken in das Theo­rie­ge­bäu­de der Rhe­to­rik ein­zu­bet­ten, als auch dar­um, die Fra­ge anzu­rei­ßen, wel­che ver­schie­de­ne Rol­len Krea­ti­vi­tät inner­halb der rhe­to­ri­schen Pra­xis zukom­men kön­nen.
c) Schließ­lich soll der Ver­such gemacht wer­den, kon­kre­te Arbei­ten zu Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken aus dem Bereich Design, in die hier zu tref­fen­den Unter­schei­dun­gen zu inte­grie­ren. Gibt es Bei­spie­le für die hier unter­schie­de­nen Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken aus den Design­be­rei­chen?

Rhe­to­ri­sche Bestim­mung der Krea­ti­vi­tät

Zuerst soll hier der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den, was über­haupt unter Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken ver­stan­den wer­den kann. Dabei wird eine Ant­wort auf die­se Fra­ge offen­sicht­lich stark davon abhän­gen, wie Krea­ti­vi­tät inner­halb der Rhe­to­rik bestimmt wer­den kann. Es wer­den dazu im Wei­te­ren zwei logisch von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Kon­zep­te von Krea­ti­vi­tät vor­ge­stellt:
1. Krea­ti­vi­tät als Zuschrei­bungs­pra­xis
2. Krea­ti­vi­tät als Erkennt­nis­in­stru­ment
Hin­zu kommt ein drit­tes genu­in rhe­to­ri­sches Krea­ti­vi­täts­ver­ständ­nis, des­sen krea­ti­ves Poten­ti­al auf der zwei­ten Bestim­mung (Krea­ti­vi­tät als Erkennt­nis­in­stru­ment) beruht.

Krea­ti­vi­tät als Zuschrei­bungs­pra­xis

Schaut man sich Bestim­mun­gen des Krea­ti­vi­täts­be­grif­fes genau­er an, so fällt auf, dass Krea­ti­vi­tät zumeist bereits eine Publi­kums­ori­en­tiert­heit vor­aus­setzt. Prei­sers Bestim­mung der Krea­ti­vi­tät durch die Eigen­schaf­ten Neu­heit, Sinn­haf­tig­keit und Akzep­tanz inte­griert ins­be­son­de­re durch die Akzeptan­z­ei­gen­schaft das Publi­kum maß­geb­lich zur Bestim­mung des Begrif­fes. Auch Kna­pes For­de­rung nach Taug­lich­keit[1] der Ergeb­nis­se des krea­ti­ven Pro­zes­ses geht in die­se Rich­tung und des­glei­chen Stern­bergs For­de­rung nach Uner­war­tetheit der Ergeb­nis­se. Mat­thä­us bestimmt Krea­ti­vi­tät als eine sechstel­li­ge Rela­ti­on: »Die im Rah­men R zum Pro­dukt P füh­ren­de Hand­lung H des Indi­vi­du­ums I wird vom Beur­tei­ler B im Hin­blick auf ein Sys­tem S von Erwar­tun­gen und Zwe­cken als krea­tiv ein­ge­stuft.« K(R,P,H,I,B,S). Vom rhe­to­ri­schen Stand­punkt aus scheint die Fra­ge, wel­che Rol­le Krea­ti­vi­tät in der Rhe­to­rik spielt, daher tri­vi­al bezie­hungs­wei­se bereits durch die Bestim­mung des Krea­ti­vi­täts­be­grif­fes vor­aus­ge­setzt. Denn wenn stets das Votum eines Publi­kums ent­schei­dend für Krea­ti­vi­tät ist, dann gehört Krea­ti­vi­tät kla­rer Wei­se in den Raum rhe­to­ri­scher Ver­mitt­lungs­pra­xis. Und wenn Krea­ti­vi­tät durch die Akzep­tanz der Rele­vanz einer neu­en Pro­blem­lö­sung durch ein Publi­kum bestimmt wird, dann wird Krea­ti­vi­tät schlicht­weg mit per­sua­si­vem Erfolg gleich­ge­setzt. Zudem macht gera­de Mat­thä­us sechs­stel­li­ge Rela­ti­on deut­lich, dass Krea­ti­vi­tät allein über das Publi­kum defi­niert ist und eben nicht über einen Eigen­schaft eines Indi­vi­du­ums oder Pro­duk­tes. Da Krea­ti­vi­tät hier immer als eine Zuschrei­bungs­pra­xis eines Publi­kums ver­stan­den wird – und eben nicht als eine Eigen­schaft eines Ora­tors – kann auch der sys­te­ma­ti­sche Ort inner­halb des Theo­rie­ge­bäu­des der Rhe­to­rik näher bestimmt wer­den, in wel­chem Krea­ti­vi­tät zum Tra­gen kommt. Als Zuschrei­bungs­pra­xis fällt Krea­ti­vi­tät ein­deu­tig in den Bereich des Ethos und eben nicht der Inven­tio. Da Krea­ti­vi­tät als Zuschrei­bungs­pra­xis kein Instru­ment, ins­be­son­de­re kein Erkennt­nis­in­stru­ment oder heu­ris­ti­sches Werk­zeug, dar­stellt, son­dern ein kon­kre­tes Über­zeu­gungs­mit­tel, spie­len zwar Über­le­gun­gen zur bes­se­ren Insze­nie­rung von Krea­ti­vi­tät eine wich­ti­ge Rol­le inner­halb der Inven­tio, nicht aber kann Krea­ti­vi­tät in die­sem Sta­di­um eine Rol­le spie­len. Wie soll­te sie auch? Wenn Krea­ti­vi­tät erst durch die Zuschrei­bung ent­lang bestimm­ter Akzep­tanz­be­din­gun­gen eines Publi­kums zustan­de kommt, steht sie dem Ora­tor in der Pha­se der Inven­tio – wenn die­ser bei­spiels­wei­se allein über sei­nem Schreib­tisch brü­tet – noch gar nicht zur Ver­fü­gung.