Essay

Rhetorik der Autorität – autoritäre Rhetorik?

Zur Ambivalenz politischer Kommunikation

Von Volker Friedrich


»Ich mache Ihnen ein Ange­bot, dass Sie nicht ableh­nen kön­nen.« Die­sen Satz sagt der Mafia-Boss Don Cor­leo­ne im Film »Der Pate« zu Geschäfts­part­nern – in aller Freund­lich­keit und Klar­heit. Voll­kom­men klar ist, was pas­siert, wenn man ein Ange­bot des Paten ablehnt, er ist die Auto­ri­tät, sein Ange­bot lässt sich nicht ableh­nen, jeden­falls nicht ohne Risi­ko für Leib und Leben.– Die­ser Essay hin­ge­gen macht ein Ange­bot, das ein Leser ableh­nen kann, er trägt ihm ledig­lich Gedan­ken und fünf The­sen dazu an, wie Auto­ri­tät und Rhe­to­rik mit­ein­an­der ver­bun­den sind; die­ses Ange­bot kann abge­lehnt und kri­ti­siert wer­den, in Gän­ze oder in Tei­len – der Autor die­ses Essays ist weder Auto­ri­tät noch Pate, nie­man­dem droht ein Ungemach.

»Rhe­to­rik« wird in die­sen Zei­len als phi­lo­so­phi­sche Dis­zi­plin im Sin­ne einer grund­le­gen­den und der ältes­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft und Argu­men­ta­ti­ons­theo­rie auf­ge­fasst. Zum Ver­hält­nis von Rhe­to­rik und Auto­ri­tät, zu der Fra­ge, ob eine Rhe­to­rik der Auto­ri­tät bereits einer auto­ri­tä­ren Rhe­to­rik ent­spricht und wie sich das in einer Ambi­va­lenz poli­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on nie­der­schlägt, neh­men die fol­gen­den The­sen Stel­lung, die im Anschluss aus­führ­li­cher dis­ku­tiert werden:
• Mit den klas­si­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­del­len der Rhe­to­rik lässt sich nach wie vor ein struk­tu­rel­les Ver­ständ­nis für poli­ti­sche Auto­ri­tät ent­wi­ckeln, aller­dings müs­sen die­se Model­le im Detail an Ver­än­de­run­gen der Zeit ange­passt werden.
• Nach die­sen klas­si­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­del­len ist die Grund­la­ge für eine ­dau­er­haf­te Per­sua­si­on dadurch zu legen, dass Pathos und Ethos dem Logos die­nen, dau­er­haf­te Über­zeu­gung also nicht ohne plau­si­ble Sach­ar­gu­men­te zu haben ist. Auto­ri­tät wird dabei vor­nehm­lich durch das Ethos des Poli­ti­kers und Red­ners ver­kör­pert, Auto­ri­tät und Ethos ste­hen aber in Wech­sel­wir­kung mit dem Pathos, das der Poli­ti­ker anspricht und wie er das tut, und mit der Plau­si­bi­li­tät sei­ner ­Argu­men­te und wie er sie vorbringt.
• Die heu­ti­gen poli­ti­schen Dis­kur­se schei­nen die­sem klas­si­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­del­len der Rhe­to­rik nicht mehr voll zu ent­spre­chen. Sach­ar­gu­men­te schei­nen an Bedeu­tung zu ver­lie­ren, Ethos- und Pathos-Appel­le zum Selbst­zweck media­ler Insze­nie­run­gen zu werden.
• Die Auto­ri­tät scheint sich zu ver­schie­ben: Bis­lang wur­de sie als Wahr­haf­tig­keit dem Poli­ti­ker zuge­spro­chen, der mit Affek­ter­re­gung (Pathos) und Ver­trau­ens- und Glaub­wür­dig­keit (Ethos) die Her­zen der Men­schen für Sach­ar­gu­men­te (Logos) ­öff­ne­te und sie über­zeu­gend und plau­si­bel vor­trug. Vor­aus­set­zung dafür war, dass die Bür­ger in einer Demo­kra­tie aus­rei­chend infor­miert und demo­kra­tisch gebil­det sind, um sich kri­tisch mit den Argu­men­ten und ihrer Dar­bie­tung auseinander­zusetzen und um zum Bei­spiel ihren Wahr­heits­ge­halt zu prü­fen oder ihre Plau­si­bi­li­tät in der Sache, also objek­tiv zu bewerten.
• Inzwi­schen scheint die­se Aus­ein­an­der­set­zung nicht mehr an kri­ti­sches Ver­mö­gen ange­bun­den zu wer­den. Die Auto­ri­tät des Poli­ti­kers grün­det viel­mehr auf sei­ner (und sei­ner Appa­ra­te) Fähig­keit, in den Medi­en kurz­fris­tig Affek­te zu erre­gen und Ethos-Insze­nie­run­gen in kur­zer Tak­tung und hoher Inten­si­tät (Stil­hö­he) zu plat­zie­ren. Die Auto­ri­tät der Poli­tik wird dabei an sich ver­wor­fen: Eine oft erfolg­reich ver­folg­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie weist im öffent­li­chen Dis­kurs poli­ti­sche Auto­ri­tät dem­je­ni­gen zu, der behaup­tet, der Poli­tik, dem poli­ti­schem Sys­tem und der ­poli­ti­schen Klas­se fern­zu­ste­hen, durch sie nicht »kon­ta­mi­niert« zu sein. Die­se ­Stra­te­gie behaup­tet im Kern, dass wir dem­je­ni­gen poli­ti­sche Auto­ri­tät zubil­li­gen sol­len, der apo­li­tisch ist. Die Stra­te­gie grün­det letzt­lich auf der Verächtlich­machung von Poli­tik und poli­ti­scher Autorität.