Essay

Rhetorische Systematik und Designpraxis

Über die Paralleluniversen »Machen« und »Reflektieren«

Von Viktoria Schneider-Kirjuchina


Den Stun­den­plä­nen von Design­hoch­schu­len ent­nimmt man neben der prak­ti­schen Aus­bil­dung einen, wenn auch je nach Hoch­schu­le unter­schied­lich gewich­te­ten Theo­rie­an­teil. Doch nicht nur das blo­ße Vor­han­den­sein und die Men­ge des Theo­rie­un­ter­richts sind ent­schei­dend, son­dern vor allem eine sinn­vol­le Bezie­hung von Theo­rie und Pra­xis. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kom­pe­tenz, die ein Gestal­ter wäh­rend sei­ner Aus­bil­dung erwirbt, ver­pflich­tet ihn dazu, impli­zi­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gän­ge in ihrer Wir­kungs­in­ten­ti­on klar begrün­den zu kön­nen. Die gestal­te­ri­sche Hand­lung soll in ihrer Sys­te­ma­tik und Voll­stän­dig­keit nach­voll­zieh­bar sein. Doch wie ist es um die Bezie­hung die­ser bei­den Par­al­lel­uni­ver­sen des Machens und dar­über Reflek­tie­rens in der Rea­li­tät des Gestal­tungs­un­ter­richts bestellt?

1 Kein Para­dig­ma für die Sys­te­ma­tik gestal­te­ri­scher Hand­lung

Eine Viel­zahl von rich­tungs­wei­sen­den Tex­ten zu Stra­te­gi­en und Kon­zep­tio­nen von Design wer­den von her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­kei­ten der Design­sze­ne ver­fasst und las­sen dabei jeg­li­che Bezü­ge zu ihrer wis­sen­schaft­li­chen Ver­or­tung ver­mis­sen. Oft­mals, der Ori­gi­na­li­tät und inspi­rie­ren­den Wir­kung die­ser Tex­te auf Design­schaf­fen­de zum Trotz, machen sie das Weit­erfor­schen an ihren Kon­zep­ten durch Drit­te unmög­lich. Auf der ande­ren Sei­te wer­den Fächer wie Design­ge­schich­te, Wahr­neh­mungs­psy­cho­lo­gie, Kunst-, Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten in kei­ner­lei oder nicht aus­rei­chen­den Bezug zur Dis­zi­plin der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on gestellt.

Zu sys­te­ma­ti­schen Aspek­ten der gestal­te­ri­schen Hand­lung gibt es kein all­ge­mein aner­kann­tes und ver­bind­li­ches Para­dig­ma, das einer­seits den Gestal­tungs­pro­zess struk­tu­rie­ren könn­te und ande­rer­seits als Grund­la­ge für ein auf­ein­an­der auf­bau­en­des For­schen an den Phä­no­me­nen der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on erlaubt und eine Brü­cke zu den deskrip­ti­ven Fächern bil­den könn­te. Bis­lang ver­dan­ken wir das sel­te­ne Phä­no­men einer frucht­ba­ren Bezie­hung von Theo­rie und Pra­xis ledig­lich dem per­sön­li­chen Ein­satz von ein­zel­nen Prot­ago­nis­ten des Lehr­be­triebs, die inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­hän­ge für die Stu­den­ten und Schü­ler der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on begreif­bar und nutz­bar machen. Ein Sys­tem, das allen Betei­lig­ten ein­leuch­tet und sich pro­gram­ma­tisch in der Leh­re durch­setzt, scheint bis­lang nicht zu exis­tie­ren. Dabei liegt die Lösung des Pro­blems nahe.