Ver­such einer Defi­ni­ti­on im Museumskontext

Das Inter­es­san­te steht am Beginn und am Ende jeder Aus­ein­an­der­set­zung – egal womit: Lite­ra­tur, Kunst, Wis­sen­schaft, aber auch im All­tag – mit Men­schen, Ereig­nis­sen, Hand­lun­gen, Bezie­hun­gen.[11] Ent­we­der ist jemand oder etwas inter­es­sant oder es lohnt sich nicht, sich wei­ter damit zu beschäf­ti­gen. Damit etwas inter­es­sant sein kann, müs­sen aber zwei Din­ge zusam­men­kom­men: Es muss – ers­tens – unwahr­schein­lich oder über­ra­schend sein und – zwei­tens – begrün­det und beweis­bar, und zwar im umge­kehr­ten Ver­hält­nis: Je weni­ger wahr­schein­li­cher etwas ist und je mehr Grün­de dafür­spre­chen, des­to inter­es­san­ter ist es. Das ist auch der Punkt, wo sich das wirt­schaft­lich und das wis­sen­schaft­lich Inter­es­san­te berüh­ren: je höher das Risi­ko, des­to grö­ßer der Ertrag.

Inter­es­sant ist also etwas, wenn
• es sich von etwas ande­rem unter­schei­det und abhebt: der gel­ten­den Mei­nung, dem gesi­cher­ten Wis­sen, der all­ge­mei­nen Über­zeu­gung, dem Mas­sen­ge­schmack – dann ist etwas ori­gi­nell
• es jeman­den betrifft, auf ein vor­han­de­nes Inter­es­se stößt, Neu­gier weckt, jeman­den her­aus­for­dert, etwas in Fra­ge stellt – dann ist es rele­vant.

Das Unin­ter­es­san­te ist im Gegen­satz dazu ent­we­der banal, irrele­vant oder absurd – je nach­dem ob es gar nichts in Fra­ge stellt, nie­man­den betrifft oder alles zusam­men in Fra­ge stellt.[12] Inter­es­sant ist also etwas, das gän­gi­ge Annah­men nicht nur nicht bestä­tigt, son­dern auch in Fra­ge stellt und damit ori­gi­nell ist, zugleich aber für die Besu­che­rin­nen Bedeu­tung hat und daher rele­vant ist. Dar­aus folgt: Das Inter­es­san­te ist immer rela­tiv, und zwar dop­pelt. Ers­tens: Etwas ist nie für alle gleich inter­es­sant, und zwei­tens: Es gibt immer etwas, das noch inter­es­san­ter ist. Es kommt also immer dar­auf an, für wen etwas inter­es­sant ist und im Ver­gleich wozu. Je nach der Vor-Lie­be, die man hat, und nach dem Vor-Wis­sen, das man mit­bringt, sind vie­le Abstu­fun­gen möglich.

Grund­sätz­lich gilt aber, dass »die schein­bar ganz harm­lo­se intel­lek­tu­el­le Ges­te, irgend­et­was für ›inter­es­sant‹ zu hal­ten und sich mit­hil­fe des Ver­gleichs­wis­sens, das man sich gera­de ange­eig­net hat, Gedan­ken über die­ses Inter­es­san­te zu machen«, nicht nur für die Wis­sen­schaft, son­dern die Ent­wick­lung der moder­nen Gesell­schaft gar nicht zu über­schät­zen sei.[13]

Was macht eine Aus­stel­lung interessant?

Eine inter­es­san­te Aus­stel­lung bestä­tigt dem­nach Erwar­tun­gen und stellt sie zugleich in Fra­ge und sie muss das Publi­kum »was ange­hen« – wie sehr, hängt vom Kon­zept der Aus­stel­lung und den Inter­es­sen der Besu­cher ab. Fach­leu­te haben ande­re Erwar­tun­gen als Lai­en und inner­halb der bei­den Grup­pen gibt es wei­te­re Abstu­fun­gen. Jede Aus­stel­lung rech­net mit inter­es­sier­ten Lai­en, muss aber auch für die Spe­zia­list etwas bie­ten. Das unter­schied­lich hohe Wis­sens­ge­fäl­le und die ver­schie­de­nen Inter­es­sen müs­sen fein abge­stimmt sein, um einen Aha-Effekt zu erzie­len, der zu einer wei­ter­ge­hen­den Beschäf­ti­gung mit dem The­ma anregt.

Eine Aus­stel­lung ist immer ein dop­pel­tes Ver­spre­chen, näm­lich etwas – an und für sich und in Bezug auf etwas ande­res – Inter­es­san­tes zu bie­ten. Sie muss also, wenn sie inter­es­sant sein soll – immer eine »Behaup­tung« sein: etwas Neu­es und Uner­war­te­tes bie­ten, zum ers­ten Mal zei­gen, Din­ge ein­an­der näher und zusam­men­brin­gen oder aus­ein­an­der­hal­ten und auf­ein­an­der­pral­len las­sen, in Kon­takt brin­gen, aus dem gewohn­ten Zusam­men­hang lösen und in einen ande­ren ver­set­zen. Und sie muss Ihre Behaup­tung begrün­den und bele­gen. Nur als Bei­spiel das star­ke Ver­spre­chen einer aktu­el­len Aus­stel­lung an die Adres­se eines – brei­ten – Publi­kums: »Die Aus­stel­lung sprengt dabei die bil­dungs­bür­ger­li­che Kaf­ka-Rezep­ti­on und rich­tet sich an ein brei­tes Publi­kum. Comics füh­ren nied­rig­schwel­lig in die The­ma­tik ein und zei­gen unter­schied­li­che Facet­ten der ein­zel­nen Prot­ago­nis­ten aus Kaf­kas Schrif­ten.«[14]


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