Essay

Was macht eine Ausstellung interessant?

Über Kriterien und Kontexte

Von Michael Huter


Das ist eine sehr inter­es­san­te Fra­ge: Was macht eine Aus­stel­lung inter­es­sant? Die Geschich­te des Wor­tes »inter­es­sant« reicht zurück bis zu den alten Römern und bedeu­tet ursprüng­lich: Scha­dens­er­satz, Vor­teil und Nut­zen, spä­ter auch: Auf­merk­sam­keit und Teil­nah­me.[1] Die Her­kunft aus der Spra­che des Han­dels und des Rechts klingt bis heu­te nach: Jemand kann ein inter­es­san­tes Ange­bot machen oder zu einer Inter­es­sen­ten­grup­pe gehö­ren. (Das eng­li­sche Wort für Zin­sen heißt – neben­bei bemerkt: »inte­rest«.) Unter dem Stich­wort »inter­es­sant« ver­zeich­net der »Duden« nicht weni­ger als 36 Wör­ter mit glei­cher oder ähn­li­cher Bedeu­tung. Die Grund­be­deu­tun­gen sind: »Inter­es­se erwe­ckend, erre­gend; geis­tig anzie­hend, fes­selnd« und »Erfolg, Vor­teil ver­spre­chend«.[2]

Das Inter­es­san­te in der Wissenschaft

Aber nicht nur im All­tag und in der Wirt­schaft, auch in der Wis­sen­schaft dreht sich – fast – alles um das Inter­es­san­te. For­schung muss ori­gi­nell und rele­vant sein, aber unin­ter­es­sant darf sie auf kei­nen Fall sein. »So what?« … »Na und?« – das ist die denk­bar schlimms­te Reak­ti­on, die man auf For­schungs­er­geb­nis­se bekom­men kann. Für sei­ne eige­ne Dis­zi­plin hat ein Sozio­lo­ge sogar pro­vo­kant behaup­tet, es kom­me gar nicht so sehr dar­auf an, ob eine Theo­rie rich­tig oder falsch sei – Haupt­sa­che: inter­es­sant.[3] Und er hat einen gan­zen Kata­log von Merk­ma­len erstellt, wel­che Phä­no­me­ne an sich oder im Ver­hält­nis zu ande­ren inter­es­sant machen. Was alle die­se Aus­sa­gen gemein­sam haben: Was bis jetzt gegol­ten hat, ist in Wirk­lich­keit ganz anders …

Das Inter­es­san­te in der Kunst

Wich­ti­ger als in der Wis­sen­schaft ist das Inter­es­san­te nur noch in der Kunst – in der Gegen­warts­kunst, um genau zu sein.[4] Hier herrscht das Inter­es­san­te unum­schränkt – als Abwei­chung und Tra­di­ti­ons­bruch vor dem Hin­ter­grund des Kon­ven­tio­nel­len und Gewohn­ten: »Das Inter­es­san­te wird inter­es­sant durch die Art der Abwei­chung vom Durch­schnitt.«[5] Inter­es­sant­heit ist der Wesens­zug der Moder­ne. Der ein­zi­ge Nach­teil dabei – Inter­es­sant­heit ist auch zu einer »Aller­welts­ka­te­go­rie« gewor­den, »mit der sich eine bestimm­te Form der Zustim­mung und des Wohl­ge­fal­lens«[6] äußern lasse.

Am Ran­de: das Inter­es­san­te in Poe­tik und Ästhetik

Die Kar­rie­re des Begriffs in der Kunst­phi­lo­so­phie ist eine eige­ne – man kann ruhig sagen – höchst inter­es­san­te Geschich­te. In empha­ti­scher Bedeu­tung hat das Inter­es­san­te in einem his­to­ri­schen Moment – gegen Ende des 18. Jahr­hun­derts – eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt,[7] als näm­lich die klas­sisch-idea­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen des Wah­ren und Schö­nen frag- und kri­tik­wür­dig wur­den. Bei Fried­rich Schle­gel, dem Theo­re­ti­ker der Roman­tik, wird das Inter­es­san­te zu einem »Schlüs­sel­be­griff der moder­nen Poe­sie«.[8] Schle­gel war es auch, der bemerk­te, dass es der »Gefahr der Abnut­zung« und dem »Zwang zur Selbst­über­bie­tung« unter­lie­ge, und damit impli­zit die Dyna­mik des moder­nen Kunst­markts vor­her­ge­se­hen hat.[9]

Vor nicht all­zu lan­ger Zeit hat eine Autorin ver­sucht, das Inter­es­san­te (inte­res­t­ing) – neben dem Hüb­schen (cute) und Schrä­gen (zany) – im Rück­griff auf den Theo­re­ti­ker der Roman­tik Fried­rich Schle­gel – als zen­tra­le ästhe­ti­sche Kate­go­rie der Gegen­wart neu zu for­cie­ren.[10]


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