Wie für wissenschaftliche Theorien[15] könnte man auch für Ausstellungsthemen einen »Index des Interessanten« erstellen:
• Was bis jetzt ungeordnet und chaotisch schien, ist in Wirklichkeit geordnet und strukturiert – oder umgekehrt.
• Was normalerweise als verschieden galt, ist in Wirklichkeit dasselbe – oder gerade nicht.
• Was immer wie ein einzelnes, lokales Phänomen aussah, ist Teil eines größeren Ganzen oder – umgekehrt.
• Was bisher gleichbleibend und stabil schien, ist in Wirklichkeit veränderlich und beweglich – oder eben umgekehrt.
• Unzusammenhängendes gehört in Wirklichkeit eng zusammen oder scheinbar Zusammenhängendes nicht.
• Dinge, die sich immer auszuschließen schienen, können plötzlich zusammen vorkommen – oder nicht.
• Was bisher ähnlich oder gleich aussah, ist in Wirklichkeit das genaue Gegenteil von etwas – und umgekehrt.
• u. a. m.
Was eine Ausstellung interessant macht, ist also in erster Linie das Thema. Sie muss sich damit von anderen, vergleichbaren, früheren unterscheiden und davon abheben. Eine Ausstellung kann aber auch – ohne inhaltlich viel Neues zu bieten – interessant »gemacht« sein. Dann hebt sie sich in der Gestaltung von anderen, früheren ab.
Eine andere aktuelle Kunstausstellung zeigt Werke »zwei[er] große[r] Namen«, die als »Leitsterne der westlichen Abstraktion« gelten: »Auf der einen Seite Wassily Kandinsky (1866—1944), der russische Maler, Mitbegründer des ›Blauen Reiter‹ in München und Lehrer am Bauhaus in Weimar und Dessau. Zum anderen Hilma af Klint (1862—1944), die schwedische Künstlerin, deren visionäres Werk erst kürzlich wiederentdeckt wurde und die seitdem ein großes Publikum begeistert.« Hier sind eine Künstlerin, die bis jetzt einem breiteren Publikum unbekannt war, und ein Klassiker der Moderne, zusammen zu sehen: »Zum ersten Mal kann man nun das Werk der beiden Pioniere der Abstraktion, die einander nicht kannten, wirklich vergleichen.«[16] Das ist doppelt interessant: Eine gerade wiederentdeckte Künstlerin wird zu einem »Leitstern« erklärt und zum Gegenstand eines Vergleiches mit einem berühmten Künstler gemacht.
Was für die Moderne funktioniert, geht auch mit alten Meistern: »In der Ausstellung in Wien treten erlesene Werke dieser beiden so gegensätzlichen Künstler in bewegenden Dialog mit Arbeiten Albrecht Dürers (1471–1528) […]«[17] In dieser Ausstellung werden Werke von »drei herausragenden Wegbereitern der Renaissance nördlich der Alpen« gezeigt. Hier treffen zwei an sich schon »gegensätzliche« Künstler aufeinander und werden zusätzlich in den Zusammenhang mit Albrecht Dürer gebracht. Dass einer der beiden weniger bekannt ist, macht die Ausstellung nicht weniger interessant – ganz im Gegenteil. Die Klammer des Ganzen bilden der Ort Augsburg – eine Stadt, die »[w]ie kaum eine zweite Metropole nördlich der Alpen […] von der Kunst Italiens beeinflusst« wurde. Die Besucher bekommen also nicht nur die Gelegenheit, »faszinierende Werke dieser Künstler« zu »erleben«, sondern auch zu »erkunden«, »wie Augsburg zum Geburtsort der Renaissance im Norden wurde«. Die Ausstellung bietet alle Abstufungen des Interessanten: (1) Ein Name wie Burgkmair ist vielleicht sogar Fachleuten nicht so wirklich geläufig. (2) Laien hören vielleicht zum ersten Mal, dass es auch eine Renaissance »nördlich der Alpen« gab und (3) die »Fuggerstadt« Augsburg bekommt den Status einer Metropole. Wir sehen: Interessantheit muss argumentiert und plausibel gemacht werden.
Je mehr Gewissheiten eine Ausstellung in Frage stellt, umso interessanter wird sie. Sie darf allerdings nicht zu interessant sein, denn: Was an Attraktion gewonnen wird, kann auch an Reichweite verloren gehen. Ein Beispiel? »The Culture. Hip-Hop und zeitgenössische Kunst Im 21. Jahrhundert.« In dieser Ausstellung werden kulturelle Phänomene (1) medien- und gattungsübergreifend (2) über einen bestimmten Zeitraum zu einem Thema gemacht und (3) mit gesellschaftlichen Fragen in Zusammenhang gebracht. Im on-line-Teaser heißt es: »Die Ausstellung erforscht den tiefgreifenden Einfluss von Hip-Hop auf zeitgenössische Kunst und Kultur unserer Gesellschaft.« In der Beschreibung wird das weiter ausgeführt: »Basierend auf den Ursprüngen des Hip-Hop in den USA, aber mit Fokus auf Kunst und Musik der letzten 20 Jahre, werden über 100 Gemälde, Fotografien, Skulpturen und Videos sowie Fashion und Vinyl von international bekannten Künstler*innen der Gegenwart präsentiert, […]« und: »The Culture beleuchtet das beispiellose wirtschaftliche, soziale und kulturelle Kapital des Hip-Hop und greift zudem zeitgenössische Themen und Debatten auf – von Identität, Rassismus und Appropriation bis hin zu Sexualität, Feminismus und Empowerment.«[18] Die Ausstellung ist selbstverständlich »gerechtfertigt« und war wahrscheinlich auch ein Erfolg. Die Frage, ob sich ein Musikstil – sozusagen »essayistisch« – zu einem Schlüsselbegriff hochstilisieren und kulturkritisch nutzen lässt, können nur die Besucher beantworten.
Absolut interessant
Eine Ausstellung kann auch etwas zum ersten Mal zum Gegenstand des Interesses, also zu einem »Thema« machen. Ich habe eine sehr interessante Ausstellung gesehen, wo das – wie ich finde – erfolgreich gelungen ist: »Protest / Architektur. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber.«[19] Hier verzichten die Ausstellungsmacher sogar auf Ihren Status als Experten und lassen das Publikum wissen: »Was wir dabei gelernt haben.« Dass sich die Ausstellungsmacher ihr Wissen erst erarbeiten mussten, macht die Ausstellung nur noch interessanter: »Die Recherche zur Ausstellung förderte dabei ein ambivalentes, oft utopisches und mitunter risikoreiches Spektrum zutage.« Die Ausstellung wird zum Projekt, d. h. zur »befristete[n], relativ innovative[n] und risikobehaftete[n] Aufgabe von erheblicher Komplexität«[20] und als Dokumentation inszeniert. Als Besucher wird man zum Akteur in einem Experiment und Erkenntnisprozess – viel interessanter geht nicht.
- [15] siehe Anmerkung 3
- [16] Kunstsammlung Nordrherin-Westfalen, Düsseldorf: Hilma af Klint und Wassily Kandinsky Träume von der Zukunft. https://www.kunstsammlung.de/de/
- [17] Holbein. Burgkmair. Dürer. Renaissance im Norden. Wien: Kunsthistorisches Museum: 19. März bis 30. Juni 2024. https://www.khm.at/besuchen/ausstellungen/holbein-burgkmair-duerer/
- [18] https://www.schirn.de/ausstellungen/2024/the_culture/
- [19] https://www.mak.at/protestarchitektur
- [20] Gabler Wirtschaftslexikon: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/projekt-42861 (10.3.2024)
