Essay
Was macht eine Ausstellung interessant?
Über Kriterien und Kontexte
Das ist eine sehr interessante Frage: Was macht eine Ausstellung interessant? Die Geschichte des Wortes »interessant« reicht zurück bis zu den alten Römern und bedeutet ursprünglich: Schadensersatz, Vorteil und Nutzen, später auch: Aufmerksamkeit und Teilnahme.[1] Die Herkunft aus der Sprache des Handels und des Rechts klingt bis heute nach: Jemand kann ein interessantes Angebot machen oder zu einer Interessentengruppe gehören. (Das englische Wort für Zinsen heißt – nebenbei bemerkt: »interest«.) Unter dem Stichwort »interessant« verzeichnet der »Duden« nicht weniger als 36 Wörter mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung. Die Grundbedeutungen sind: »Interesse erweckend, erregend; geistig anziehend, fesselnd« und »Erfolg, Vorteil versprechend«.[2]
Das Interessante in der Wissenschaft
Aber nicht nur im Alltag und in der Wirtschaft, auch in der Wissenschaft dreht sich – fast – alles um das Interessante. Forschung muss originell und relevant sein, aber uninteressant darf sie auf keinen Fall sein. »So what?« … »Na und?« – das ist die denkbar schlimmste Reaktion, die man auf Forschungsergebnisse bekommen kann. Für seine eigene Disziplin hat ein Soziologe sogar provokant behauptet, es komme gar nicht so sehr darauf an, ob eine Theorie richtig oder falsch sei – Hauptsache: interessant.[3] Und er hat einen ganzen Katalog von Merkmalen erstellt, welche Phänomene an sich oder im Verhältnis zu anderen interessant machen. Was alle diese Aussagen gemeinsam haben: Was bis jetzt gegolten hat, ist in Wirklichkeit ganz anders …
Das Interessante in der Kunst
Wichtiger als in der Wissenschaft ist das Interessante nur noch in der Kunst – in der Gegenwartskunst, um genau zu sein.[4] Hier herrscht das Interessante unumschränkt – als Abweichung und Traditionsbruch vor dem Hintergrund des Konventionellen und Gewohnten: »Das Interessante wird interessant durch die Art der Abweichung vom Durchschnitt.«[5] Interessantheit ist der Wesenszug der Moderne. Der einzige Nachteil dabei – Interessantheit ist auch zu einer »Allerweltskategorie« geworden, »mit der sich eine bestimmte Form der Zustimmung und des Wohlgefallens«[6] äußern lasse.
Am Rande: das Interessante in Poetik und Ästhetik
Die Karriere des Begriffs in der Kunstphilosophie ist eine eigene – man kann ruhig sagen – höchst interessante Geschichte. In emphatischer Bedeutung hat das Interessante in einem historischen Moment – gegen Ende des 18. Jahrhunderts – eine entscheidende Rolle gespielt,[7] als nämlich die klassisch-idealistischen Vorstellungen des Wahren und Schönen frag- und kritikwürdig wurden. Bei Friedrich Schlegel, dem Theoretiker der Romantik, wird das Interessante zu einem »Schlüsselbegriff der modernen Poesie«.[8] Schlegel war es auch, der bemerkte, dass es der »Gefahr der Abnutzung« und dem »Zwang zur Selbstüberbietung« unterliege, und damit implizit die Dynamik des modernen Kunstmarkts vorhergesehen hat.[9]
Vor nicht allzu langer Zeit hat eine Autorin versucht, das Interessante (interesting) – neben dem Hübschen (cute) und Schrägen (zany) – im Rückgriff auf den Theoretiker der Romantik Friedrich Schlegel – als zentrale ästhetische Kategorie der Gegenwart neu zu forcieren.[10]
- [1] Ostermann, Eberhard: Das Interessante als Element ästhetischer Authentizität. In: Berg, Jan; Hügel, Hans-Otto; Kurzenberger, Hajo (Hg.): Authentizität als Darstellung. Hildesheim 1997. S. 197—215. Neupublikation im Goethezeitportal: http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/ostermann_interessante.pdf (aufgerufen am 10. März 2024)
- [2] https://www.duden.de/rechtschreibung/interessant
- [3] Davis, Murray: That’s Interesting! Towards a Phenomenology of Sociology and a Sociology of Phenomenology Phil. Soc. Sci. 1 (1971), 309—344.
- [4] vgl. dazu Liessmann, Konrad Paul (2008): Ästhetische Empfindungen. Eine Einführung. Wien: facultas, S. 101—113.
- [5] ebd., S. 107.
- [6] ebd., S. 101.
- [7] vgl. Ostermann (Anmerkung 1) und Liessmann (Anmerkung 4)
- [8] Jauß, Hans Robert (1968) (Diskussionsbeitrag) In: Die nicht mehr schönen Künste. Grenzphänomene des Ästhetischen. Hrsg. von Hans Robert Jauß. München: Fink, S. 640.
- [9] Vgl. Zelle, Carsten (1995): Die doppelte Ästhetik der Moderne. Revisonen des Schönen von Boileau bis Nietzsche. Stuttgart / Weimar: Verlag J. B. Metzler, S. 253.
- [10] Ngai, Sianne: Our Aesthetic Categoies. Zany, Cute, Interesting, Cambridge (Mass.), London 2012.
