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»Rhetorik ist allgegenwärtig«
Daniel Perrin über die treibende Kraft im Designalltag
Daniel Perrin bezeichnet die Rhetorik als Metapher für die Verbindung von Absicht und kommunikativer Form. In diesem Sinn durchzieht die Rhetorik unseren Alltag. »Rhetorik ist allgegenwärtig, wo immer wir etwas tun, um etwas zu erreichen.«
Zudem erläutert Daniel Perrin die Chancen für die Verbindung von Design und Rhetorik. »Wer die Grundidee der Rhetorik verstanden hat, kann sie leicht auf seinen Bereich übertragen.«
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»In erster Linie muss ich mein Design verkaufen können«
Verena Mayer über rhetorische Fähigkeiten im Agenturalltag
Verena Mayer musste sich rhetorische Fähigkeiten aneignen, um sich in der Berufswelt der Designer durchzusetzen. »Am Ende des Tages steht auf meiner Visitenkarte ›Designer‹. Aber in erster Linie muss ich mein Design verkaufen können.«
Darüber hinaus gibt Verena Mayer einen Einblick in die Arbeitsweise und Philosophie der Karlsruher Agentur »Helden und Mayglöckchen«. »Wir möchten uns in der Welt darstellen. Wir wollen in einer gewissen Weise ein Zeichen hinterlassen. Und das versuchen wir mit Spaß an der Arbeit.«
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»Hell – dunkel, laut – leise, voll – leer, vorne – hinten«
Peter Lederle: Überall wirken die gleichen MIttel
»Man muss nicht unbedingt eine große Agentur sein, um für große Kunden gute Arbeit zu machen«, erklärt Peter Lederle das Motto der Agentur »Discodoener«: »Auch in einer kleinen Küche kann man große Schnitzel braten.« Im Interview beschreibt Peter Lederle den internen Arbeitsprozess und die Kommunikation mit dem Kunden. Er ist der Meinung, dass man seine Arbeiten dann gut präsentieren und argumentieren kann, wenn man überzeugt davon ist.
Am Ende des Interviews verrät Peter Lederle, was es mit seiner persönlichen »Lieblingsliste von Wörtern« auf sich hat und warum seine Agentur versucht, so manche Begrifflichkeit zu vermeiden.
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»Für die Kunden eine passende Form finden«
Jochen Rädeker sucht die weichen Faktoren herauszufinden
Die Aufgabe des Designers sei, so Jochen Rädeker, unabhängig von seiner Stilistik und seinen Vorlieben die ideale Form für den passenden Markt zu generieren. Um Kunden dabei zu unterstützen, versucht seine Agentur »Strichpunkt« die Werte eines Unternehmens und einer Marke herauszufinden oder zu definieren.
Kommunikation, so der Professor für Kommunikationsdesign, soll strategisch durchdacht sein und deshalb weiche Werte berücksichtigen – denn Kommunikation ziele auf Bauch und Herz, Kaufentscheidungen würden nicht allein im Kopf gefällt.
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»Erst Analyse – dann Design«
Klaus Erlach spricht über das Potenzial von Wertstromdesign
Klaus Erlach erklärt das Wertstromdesign, eine Methode zur Optimierung von Produktionsabläufen. Dabei geht er auf die Symbolik zur Visualisierung von Abläufen und die verschiedenen Arten des Informationsflusses ein und auf Methoden, diese zu steuern oder zu regeln.
Außerdem erläutert er, welche Rolle die Rhetorik in seiner Arbeit spielt und was die Gestaltung vom Wertstromdesign lernen kann.
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»Eine Ausstellung ist ein Essay«
Ursula Gillmann zielt auf Wirkung im Raum
Ursula Gillmann spricht im Interview darüber, mit welchen Mitteln sie Wirkung im Raum erzielt, welche Rolle dabei die Akustik für sie spielt und welche Stilfiguren sie einsetzt, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen.
In ihrer Arbeit stützt sie sich, neben entsprechenden Fachkenntnissen, besonders auf ihren eigenen Erfahrungsschatz. Sie beschreibt die Sprache als Hilfskonstrukt, um über Ausstellungsgestaltung zu sprechen, und zieht Parallelen zwischen Rhetorik und Gestaltung. Dennoch fehle es an einer Theorie der Ausstellungsgestaltung. »Wenn man nur Sprache nimmt, lässt man ganz viel außer Acht, denn Sprache ist immer linear.« Dies steht im Gegensatz zur Nonlinearität einer Ausstellung, die man meist auf mehreren Wegen erkunden kann.
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»Die ersten zwei Sätze entscheiden«
Klaus Kornwachs über Sprache, Sprechakt und Rhetorik
Woran kann man die Bedeutung eines Satzes festmachen? Was sind die Voraussetzungen, dass Kommunikation gelingt? Klaus Kornwachs geht im Interview anhand von Beispielen auf diese Fragen ein und erläutert, was die Sprechakttheorie für den Gestaltungsprozess bedeuten könnte.
Für Klaus Kornwachs spielt dabei auch die Rhetorik eine wichtige Rolle, da sie universelle Strukturmerkmale liefert, die auf verschiedene Abläufe übertragbar sind. »Die ersten zwei Sätze entscheiden, ob zugehört wird oder nicht.« Kornwachs betont: »Wenn Ihnen keiner zuhört, dann kann die Argumentation noch so toll sein, dann haben Sie den Sprechakt verfehlt.«
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»Beobachter beim Beobachten beobachten«
Michael Wörz weist auf Berührungspunkte zwischen Konstruktivismus und Design hin
Was hat Konstruktivismus mit Design zu tun? Michael Wörz beschreibt den Konstruktivismus als »einen Versuch, den Beobachter beim Beobachten zu beobachten«. Er zieht Parallelen zum Gestaltungsprozess und hinterfragt das Verständnis von Design. »Machen Designer einfach Designprodukte […]? Oder versuchen sie mit ihren Designprodukten die Beobachtung auf das Design mitzubestimmen?«
Darüber hinaus geht Michael Wörz auf das Verständnis von Kommunikation im Konstruktivismus ein. Wann wird sprechen zu Kommunikation? Welche Rolle spielt der Kontext des Empfängers? Michael Wörz erläutert, was diese Erkenntnisse für gutes Kommunikationsdesign bedeuten können.
Essay
Das zentrale Kriterium eines guten Entwurfs
Über den Wert des Designs
Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt unsere Zeit die Epoche des »massenhaften self-designings«: Jeder kann am Computer gestalten, was das Zeug hält, ohne je eine Hochschule von innen gesehen zu haben. Führt die Demokratisierung der Gestaltung zum Verlust von Qualität? Ist Design-Kompetenz bereits eine aussterbende Fähigkeit? Welchen Wert messen wir guter Gestaltung heutzutage eigentlich bei?
Das Jahr 1876 war ein folgenreiches für die deutsche Industrie. Der offizielle Berichterstatter der Weltausstellung in Philadelphia sprach von »der schwersten Niederlage Deutschlands«. Man möge doch alles in Bewegung setzen, damit fortan gute und zeitgemäße Gestaltung dem schlechten Ruf deutscher Industrieerzeugnisse entgegenwirke. Bisher galt: Hauptsache es funktioniert, Erscheinung ist Nebensache. Nun setzte sich die Erkenntnis durch, Formgestaltung sei eine entscheidende Ingredienz für den Erfolg eines jeden guten Produktes. Ein Auftrag des 1907 gegründeten Werkbunds und oberstes Primat des späteren Bauhauses.
Wo aber stehen wir heute? Am scheinbar anderen Ende der damaligen Auffassung. Heute, so scheint es, spielt das Gesicht eines Produkts eine größere Rolle als seine Funktion. Das Erscheinungsbild überstrahlt die Funktion, beeinträchtigt sie oft gar. Der Kunde misst formalästhetischen Merkmalen von sich aus höchsten Wert bei. Nehmen wir zum Beispiel einen Text. Ein Text sollte zwischen den Buchstaben weniger Abstand haben als zwischen den Zeilen, damit man ihn besser lesen kann. Zu dieser erfahrungsgemäßen Formalie kommen die emotional überzeugenden Komponenten, die die Designer liefern können. Wie ordne ich Textblöcke? Wie ist das Bild-Text-Verhältnis? Welche Typografie spricht den Leser an? Versal, fett, farbig? Da die Produkte heute auf einem ähnlichen technischen Stand sind, ist die emotionale Verkleidung sehr wichtig geworden. Sie verspricht Distinktion. das Alleinstellungsmerkmal. Einen Text kann jeder drucken. Ihn richtig zu setzen bleibt die Herausforderung.
Nach wie vor bleibt die Funktion das zentrale Kriterium eines guten Entwurfs. Aber genau dies wird mittlerweile in den Hintergrund gedrängt. Man bewegt sich teilweise auf dem Terrain der totalen Funktionsverfehlung mancher Objekte. In jugendlicher Naivität habe ich einmal die dicke Bertha von Alessi (ja, den Wasserkessel) zum Sperrmüll getan, da sie einfach nur getropft und nicht gegossen hat, wie man das als eine wesentliche Eigenschaft von einem Wasserkessel erwarten dürfte. Vielleicht markiert dies unsere Ära: Das Ineinander-Fließen von Design und Kunst. Eine Vase, die am Computer schief gezogen wurde, soll den Glanz des Spektakulären ins Haus holen und dem Kunden etwas Besonderes vermitteln. Aber allein die Andersartigkeit gibt dem Design nicht das Anrecht, tatsächlich ein gutes Design zu sein. Die Abweichung von der Norm als Selbstzweck ist nicht die Lösung: Wenn man sich die Kreationen des schwedischen Trios »Front« anschaut, fragt man sich, ob ein Stuhl, der am Computer spontan mit Linien gezeichnet ist und dann in ein 3D-Modell übertragen wurde, tatsächlich funktioniert und ob man ihn mit seiner unebenen Sitzfläche überhaupt zum Sitzen benutzen kann. Oder ist hier wieder die Kunst im Spiel? Dann stellt man ihn sich zum Anschauen in die Ecke.
Essay
Das Sehen des Horizontes
Über das Versöhnliche ungeahnter Perspektiven
Er ist da und doch nicht da. Er ist nicht zu fassen, aber in wechselnden Konturen allgegenwärtig; mal näher, mal weiter entfernt, mal mehr, mal weniger deutlich zu sehen, im Sonnenschein klar umrissen oder von Regenschauern verwischt.
Eben noch verfing sich der Blick von der Anhöhe in den nahen Baumkronen, die mit bizarrem Geäst in tief hängende Nebelschwaden stachen. Wenig später hat sich der Vorhang vor einer weiträumigen Gegend gehoben. Die geschwungene Kammlinie einer Hügelkette grenzt die sichtbare Erdoberfläche gegen den leicht verschleierten Himmel ab. Davor Wiesen von blassem Gelbgrün, Felder wie dämmernde Matten, verstreute, teils ineinander übergehende Ortschaften, raumgreifende Anhäufungen von schachtelförmigen Gewerbebauten, dazwischen Straßen, Schienen, Überlandleitungen, hier und da ein blitzender Reflex, Wälder in vielfältig getöntem Blau, der Fluss wie ein silbern Band.
Die zusammengewürfelte Gegenstandswelt, das Neben- und Durcheinander ihrer heterogenen Bestandteile wird gewissermaßen versöhnlich umrahmt von einem Horizont, der dieser Gegend scheinbar zeitloses Profil gibt. Man könnte deren Anblick auf sich beruhen lassen, hätte er sich nicht plötzlich schon wieder verändert.
Zeigte sich vereinzelt über die Kammlinie Hinausragendes – Kirchtürme, Strommasten, Hochregallager, Silotürme – noch erkennbar mit dem Hügelrücken verbunden, so ist jetzt unter jäh aufgerissenem Himmel eine fernere Ferne übergangslos eingedrungen. Über allem, was sich zum Gesamteindruck der Gegend zusammengeschlossen hatte, erscheinen nun, abgehoben in unwirklicher Schwebe, die schneebedeckten Gipfel des Hochgebirges, unbegreiflich nah und entrückt zugleich. Blendend weiß reflektieren die zerklüfteten Bergflanken das Sonnenlicht. Die vom Föhn scharf in den Himmel gezeichneten Konturen der Gipfelkette setzen dem Blick von neuem eine Grenze. Diese Trennlinie zwischen Himmel und Erde scheint jedoch weniger das im Vordergrund ausgebreitete Hügelland abzuschließen als vielmehr eine ganz andere Welt zu eröffnen. Etwas Herausforderndes geht von ihr aus. Lockt doch zum einen die Gefahr, sich elementarer Naturgewalt auszusetzen, zum anderen die Verheißung, Freiheit der Bewegung und des Blicks zu genießen. Die Lust, vom Berg zu schauen hat indes ihre Geschichte. Sie setzt nicht nur topographisch erheblichen Abstand zum Alltag mit seinen Lebensnotwendigkeiten voraus.