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»Rhetorik ist allgegenwärtig«

Daniel Perrin über die treibende Kraft im Designalltag

Von Michael Ingino


Dani­el Per­rin bezeich­net die Rhe­to­rik als Meta­pher für die Ver­bin­dung von Absicht und kom­mu­ni­ka­ti­ver Form. In die­sem Sinn durch­zieht die Rhe­to­rik unse­ren All­tag. »Rhe­to­rik ist all­ge­gen­wär­tig, wo immer wir etwas tun, um etwas zu erreichen.«

Zudem erläu­tert Dani­el Per­rin die Chan­cen für die Ver­bin­dung von Design und Rhe­to­rik. »Wer die Grund­idee der Rhe­to­rik ver­stan­den hat, kann sie leicht auf sei­nen Bereich übertragen.«

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»In erster Linie muss ich mein Design verkaufen können«

Verena Mayer über rhetorische Fähigkeiten im Agenturalltag

Von Simon Baßler und Eva-Maria Kreuzer


Vere­na May­er muss­te sich rhe­to­ri­sche Fähig­kei­ten aneig­nen, um sich in der Berufs­welt der Desi­gner durch­zu­set­zen. »Am Ende des Tages steht auf mei­ner Visi­ten­kar­te ›Desi­gner‹. Aber in ers­ter Linie muss ich mein Design ver­kau­fen können.«

Dar­über hin­aus gibt Vere­na May­er einen Ein­blick in die Arbeits­wei­se und Phi­lo­so­phie der Karls­ru­her Agen­tur »Hel­den und May­glöck­chen«. »Wir möch­ten uns in der Welt dar­stel­len. Wir wol­len in einer gewis­sen Wei­se ein Zei­chen hin­ter­las­sen. Und das ver­su­chen wir mit Spaß an der Arbeit.«

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»Hell – dunkel, laut – leise, voll – leer, vorne – hinten«

Peter Lederle: Überall wirken die gleichen MIttel

Von Simon Baßler und Marie-Christine von Locquenghien


»Man muss nicht unbe­dingt eine gro­ße Agen­tur sein, um für gro­ße Kun­den gute Arbeit zu machen«, erklärt Peter Leder­le das Mot­to der Agen­tur »Dis­co­doe­ner«: »Auch in einer klei­nen Küche kann man gro­ße Schnit­zel bra­ten.« Im Inter­view beschreibt Peter Leder­le den inter­nen Arbeits­pro­zess und die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Kun­den. Er ist der Mei­nung, dass man sei­ne Arbei­ten dann gut prä­sen­tie­ren und argu­men­tie­ren kann, wenn man über­zeugt davon ist.

Am Ende des Inter­views ver­rät Peter Leder­le, was es mit sei­ner per­sön­li­chen »Lieb­lings­lis­te von Wör­tern« auf sich hat und war­um sei­ne Agen­tur ver­sucht, so man­che Begriff­lich­keit zu vermeiden.

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»Für die Kunden eine passende Form finden«

Jochen Rädeker sucht die weichen Faktoren herauszufinden

Von Jakob Behrends


Die Auf­ga­be des Desi­gners sei, so Jochen Räde­ker, unab­hän­gig von sei­ner Sti­lis­tik und sei­nen Vor­lie­ben die idea­le Form für den pas­sen­den Markt zu gene­rie­ren. Um Kun­den dabei zu unter­stüt­zen, ver­sucht sei­ne Agen­tur »Strich­punkt« die Wer­te eines Unter­neh­mens und einer Mar­ke her­aus­zu­fin­den oder zu definieren.

Kom­mu­ni­ka­ti­on, so der Pro­fes­sor für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign, soll stra­te­gisch durch­dacht sein und des­halb wei­che Wer­te berück­sich­ti­gen – denn Kom­mu­ni­ka­ti­on zie­le auf Bauch und Herz, Kauf­ent­schei­dun­gen wür­den nicht allein im Kopf gefällt.

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»Erst Analyse – dann Design«

Klaus Erlach spricht über das Potenzial von Wertstromdesign

Von Simon Baßler


Klaus Erlach erklärt das Wert­strom­de­sign, eine Metho­de zur Opti­mie­rung von Pro­duk­ti­ons­ab­läu­fen. Dabei geht er auf die Sym­bo­lik zur Visua­li­sie­rung von Abläu­fen und die ver­schie­de­nen Arten des Infor­ma­ti­ons­flus­ses ein und auf Metho­den, die­se zu steu­ern oder zu regeln.

Außer­dem erläu­tert er, wel­che Rol­le die Rhe­to­rik in sei­ner Arbeit spielt und was die Gestal­tung vom Wert­strom­de­sign ler­nen kann.

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»Eine Ausstellung ist ein Essay«

Ursula Gillmann zielt auf Wirkung im Raum

Von Michael Ingino


Ursu­la Gill­mann spricht im Inter­view dar­über, mit wel­chen Mit­teln sie Wir­kung im Raum erzielt, wel­che Rol­le dabei die Akus­tik für sie spielt und wel­che Stil­fi­gu­ren sie ein­setzt, um bestimm­te Reak­tio­nen hervorzurufen.

In ihrer Arbeit stützt sie sich, neben ent­spre­chen­den Fach­kennt­nis­sen, beson­ders auf ihren eige­nen Erfah­rungs­schatz. Sie beschreibt die Spra­che als Hilfs­kon­strukt, um über Aus­stel­lungs­ge­stal­tung zu spre­chen, und zieht Par­al­le­len zwi­schen Rhe­to­rik und Gestal­tung. Den­noch feh­le es an einer Theo­rie der Aus­stel­lungs­ge­stal­tung. »Wenn man nur Spra­che nimmt, lässt man ganz viel außer Acht, denn Spra­che ist immer line­ar.« Dies steht im Gegen­satz zur Non­linea­ri­tät einer Aus­stel­lung, die man meist auf meh­re­ren Wegen erkun­den kann.

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»Die ersten zwei Sätze entscheiden«

Klaus Kornwachs über Sprache, Sprechakt und Rhetorik

Von Eva-Maria Kreuzer


Wor­an kann man die Bedeu­tung eines Sat­zes fest­ma­chen? Was sind die Vor­aus­set­zun­gen, dass Kom­mu­ni­ka­ti­on gelingt? Klaus Korn­wachs geht im Inter­view anhand von Bei­spie­len auf die­se Fra­gen ein und erläu­tert, was die Sprech­akt­theo­rie für den Gestal­tungs­pro­zess bedeu­ten könnte.

Für Klaus Korn­wachs spielt dabei auch die Rhe­to­rik eine wich­ti­ge Rol­le, da sie uni­ver­sel­le Struk­tur­merk­ma­le lie­fert, die auf ver­schie­de­ne Abläu­fe über­trag­bar sind. »Die ers­ten zwei Sät­ze ent­schei­den, ob zuge­hört wird oder nicht.« Korn­wachs betont: »Wenn Ihnen kei­ner zuhört, dann kann die Argu­men­ta­ti­on noch so toll sein, dann haben Sie den Sprech­akt verfehlt.«

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»Beobachter beim Beobachten beobachten«

Michael Wörz weist auf Berührungspunkte zwischen Konstruktivismus und Design hin

Von Michael Ingino


Was hat Kon­struk­ti­vis­mus mit Design zu tun? Micha­el Wörz beschreibt den Kon­struk­ti­vis­mus als »einen Ver­such, den Beob­ach­ter beim Beob­ach­ten zu beob­ach­ten«. Er zieht Par­al­le­len zum Gestal­tungs­pro­zess und hin­ter­fragt das Ver­ständ­nis von Design. »Machen Desi­gner ein­fach Design­pro­duk­te […]? Oder ver­su­chen sie mit ihren Design­pro­duk­ten die Beob­ach­tung auf das Design mitzubestimmen?«

Dar­über hin­aus geht Micha­el Wörz auf das Ver­ständ­nis von Kom­mu­ni­ka­ti­on im Kon­struk­ti­vis­mus ein. Wann wird spre­chen zu Kom­mu­ni­ka­ti­on? Wel­che Rol­le spielt der Kon­text des Emp­fän­gers? Micha­el Wörz erläu­tert, was die­se Erkennt­nis­se für gutes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign bedeu­ten können.

Essay

Das zentrale Kriterium eines guten Entwurfs

Über den Wert des Designs

Der Phi­lo­soph Peter Slo­ter­di­jk nennt unse­re Zeit die Epo­che des »mas­sen­haf­ten self-desig­nings«: Jeder kann am Com­pu­ter gestal­ten, was das Zeug hält, ohne je eine Hoch­schu­le von innen gese­hen zu haben. Führt die Demo­kra­ti­sie­rung der Gestal­tung zum Ver­lust von Qua­li­tät? Ist Design-Kom­pe­tenz bereits eine aus­ster­ben­de Fähig­keit? Wel­chen Wert mes­sen wir guter Gestal­tung heut­zu­ta­ge eigent­lich bei?

Das Jahr 1876 war ein fol­gen­rei­ches für die deut­sche Indus­trie. Der offi­zi­el­le Bericht­erstat­ter der Welt­aus­stel­lung in Phil­adel­phia sprach von »der schwers­ten Nie­der­la­ge Deutsch­lands«. Man möge doch alles in  Bewe­gung set­zen, damit fort­an gute und zeit­ge­mä­ße Gestal­tung dem schlech­ten Ruf deut­scher Indus­trie­er­zeug­nis­se ent­ge­gen­wir­ke. Bis­her galt: Haupt­sa­che es funk­tio­niert, Erschei­nung ist Neben­sa­che. Nun setz­te sich die Erkennt­nis durch, Form­ge­stal­tung sei eine ent­schei­den­de Ingre­di­enz für den Erfolg eines jeden guten Pro­duk­tes. Ein Auf­trag des 1907 gegrün­de­ten Werk­bunds und obers­tes Pri­mat des spä­te­ren Bauhauses.

Wo aber ste­hen wir heu­te? Am schein­bar ande­ren Ende der dama­li­gen Auf­fas­sung. Heu­te, so scheint es, spielt das Gesicht eines Pro­dukts eine grö­ße­re Rol­le als sei­ne Funk­ti­on. Das Erschei­nungs­bild über­strahlt die Funk­ti­on, beein­träch­tigt sie oft gar. Der Kun­de misst for­ma­l­äs­the­ti­schen Merk­ma­len von sich aus höchs­ten Wert bei. Neh­men wir zum Bei­spiel einen Text. Ein Text soll­te zwi­schen den Buch­sta­ben weni­ger Abstand haben als zwi­schen den Zei­len, damit man ihn bes­ser lesen kann. Zu die­ser erfah­rungs­ge­mä­ßen For­ma­lie kom­men die emo­tio­nal über­zeu­gen­den Kom­po­nen­ten, die die Desi­gner lie­fern kön­nen. Wie ord­ne ich Text­blö­cke? Wie ist das Bild-Text-Ver­hält­nis? Wel­che Typo­gra­fie spricht den Leser an? Ver­sal, fett, far­big? Da die Pro­duk­te heu­te auf einem ähn­li­chen tech­ni­schen Stand sind, ist die emo­tio­na­le Ver­klei­dung sehr wich­tig gewor­den. Sie ver­spricht Distink­ti­on. das Allein­stel­lungs­merk­mal. Einen Text kann jeder dru­cken. Ihn rich­tig zu set­zen bleibt die Herausforderung.

Nach wie vor bleibt die Funk­ti­on das zen­tra­le Kri­te­ri­um eines guten Ent­wurfs. Aber genau dies wird mitt­ler­wei­le in den Hin­ter­grund gedrängt. Man bewegt sich teil­wei­se auf dem Ter­rain der tota­len Funk­ti­ons­ver­feh­lung man­cher Objek­te. In jugend­li­cher Nai­vi­tät habe ich ein­mal die dicke Ber­tha von Ales­si (ja, den Was­ser­kes­sel) zum Sperr­müll getan, da sie ein­fach nur getropft und nicht gegos­sen hat, wie man das als eine wesent­li­che Eigen­schaft von einem Was­ser­kes­sel erwar­ten dürf­te. Viel­leicht mar­kiert dies unse­re Ära: Das Inein­an­der-Flie­ßen von Design und Kunst. Eine Vase, die am Com­pu­ter schief gezo­gen wur­de, soll den Glanz des Spek­ta­ku­lä­ren ins Haus holen und dem Kun­den etwas Beson­de­res ver­mit­teln. Aber allein die Anders­ar­tig­keit gibt dem Design nicht das Anrecht, tat­säch­lich ein gutes Design zu sein. Die Abwei­chung von der Norm als Selbst­zweck ist nicht die Lösung: Wenn man sich die Krea­tio­nen des schwe­di­schen Tri­os »Front« anschaut, fragt man sich, ob ein Stuhl, der am Com­pu­ter spon­tan mit Lini­en gezeich­net ist und dann in ein 3D-Modell über­tra­gen wur­de, tat­säch­lich funk­tio­niert und ob man ihn mit sei­ner unebe­nen Sitz­flä­che über­haupt zum Sit­zen benut­zen kann. Oder ist hier wie­der die Kunst im Spiel? Dann stellt man ihn sich zum Anschau­en in die Ecke.

Essay

Das Sehen des Horizontes

Über das Versöhnliche ungeahnter Perspektiven

Er ist da und doch nicht da. Er ist nicht zu fas­sen, aber in wech­seln­den Kon­tu­ren all­ge­gen­wär­tig; mal näher, mal wei­ter ent­fernt, mal mehr, mal weni­ger deut­lich zu sehen, im Son­nen­schein klar umris­sen oder von Regen­schau­ern  verwischt.

Eben noch ver­fing sich der Blick von der Anhö­he in den nahen Baum­kro­nen, die mit bizar­rem Geäst in tief hän­gen­de Nebel­schwa­den sta­chen. Wenig spä­ter hat sich der Vor­hang vor einer weit­räu­mi­gen Gegend geho­ben. Die geschwun­ge­ne Kamm­li­nie einer Hügel­ket­te grenzt die sicht­ba­re Erd­ober­flä­che gegen den leicht ver­schlei­er­ten Him­mel ab. Davor Wie­sen von blas­sem Gelb­grün, Fel­der wie däm­mern­de Mat­ten, ver­streu­te, teils inein­an­der über­ge­hen­de Ort­schaf­ten, raum­grei­fen­de Anhäu­fun­gen von schach­tel­för­mi­gen Gewer­be­bau­ten, dazwi­schen Stra­ßen, Schie­nen, Über­land­lei­tun­gen, hier und da ein blit­zen­der Reflex, Wäl­der in viel­fäl­tig getön­tem Blau, der Fluss wie ein sil­bern Band.

Die zusam­men­ge­wür­fel­te Gegen­stands­welt, das  Neben- und Durch­ein­an­der ihrer hete­ro­ge­nen Bestand­tei­le wird gewis­ser­ma­ßen ver­söhn­lich umrahmt von einem Hori­zont, der die­ser Gegend schein­bar zeit­lo­ses Pro­fil gibt. Man könn­te deren Anblick auf sich beru­hen las­sen, hät­te er sich nicht plötz­lich schon wie­der verändert.

Zeig­te sich ver­ein­zelt über die Kamm­li­nie Hin­aus­ra­gen­des – Kirch­tür­me, Strom­mas­ten, Hoch­re­gal­la­ger, Silo­tür­me – noch erkenn­bar mit dem Hügel­rü­cken ver­bun­den, so ist jetzt unter jäh auf­ge­ris­se­nem Him­mel eine fer­ne­re Fer­ne über­gangs­los ein­ge­drun­gen. Über allem, was sich zum Gesamt­ein­druck der Gegend zusam­men­ge­schlos­sen hat­te, erschei­nen nun, abge­ho­ben in unwirk­li­cher Schwe­be, die schnee­be­deck­ten Gip­fel des Hoch­ge­bir­ges, unbe­greif­lich nah und ent­rückt zugleich. Blen­dend weiß reflek­tie­ren die zer­klüf­te­ten Berg­flan­ken das Son­nen­licht. Die vom Föhn scharf in den Him­mel gezeich­ne­ten Kon­tu­ren der Gip­fel­ket­te set­zen dem Blick von neu­em eine Gren­ze. Die­se Trenn­li­nie zwi­schen Him­mel und Erde scheint jedoch weni­ger das im Vor­der­grund aus­ge­brei­te­te Hügel­land abzu­schlie­ßen als viel­mehr eine ganz ande­re Welt zu eröff­nen. Etwas Her­aus­for­dern­des geht von ihr aus. Lockt doch zum einen die Gefahr, sich ele­men­ta­rer Natur­ge­walt aus­zu­set­zen, zum ande­ren die Ver­hei­ßung, Frei­heit der Bewe­gung und des Blicks zu genie­ßen. Die Lust, vom Berg zu schau­en hat indes ihre Geschich­te. Sie setzt nicht nur topo­gra­phisch erheb­li­chen Abstand zum All­tag mit sei­nen Lebens­not­wen­dig­kei­ten voraus.