Mythen des Alltags

Biomüll

Wenn Reste zu Energie werden

Der süß­li­che Geruch der Zer­set­zung brei­tet sich in der Küche aus. Eine Bana­nen­scha­le, eine schimm­li­ge Kar­tof­fel und drei Tee­beu­tel lie­gen ganz oben auf dem über­füll­ten Behäl­ter – hat schon wie­der nie­mand den Bio­müll raus­ge­bracht? Je län­ger der Bio­ab­fall in der Küche steht, des­to unan­ge­neh­mer wird die Auf­ga­be, ihn nach drau­ßen zu beför­dern. Oft siegt die Träg­heit des All­tags. Dann häuft sich ein Berg an Bio­mas­se an, der seit drei Tagen dar­auf war­tet, besei­tigt zu wer­den. Der Geruch ist nicht das Ein­zi­ge, das stört. Inner­halb von weni­gen Stun­den pas­siert es: Eine neue Frucht­flie­gen­ko­lo­nie wur­de in der Küche gegrün­det. Nun ent­steht, neben der Wol­ke aus Gestank, auch eine aus Flie­gen. Der Obst­korb wird bald zum nächs­ten Opfer der neu­en Haus­be­woh­ner, und ehe man sich ver­sieht, fin­det man sie auch beim Betre­ten der Dusche.

Egal, ob man sei­ne Küchen­ab­fäl­le in der Tup­per­box oder einem Desi­gner­stück mit Aktiv­koh­le­fil­ter lagert – der Zer­set­zungs­vor­gang ist nicht auf­zu­hal­ten. Frü­her oder spä­ter folgt der Gang zur Bio­ton­ne und das Säu­bern des Gefä­ßes. Seit Neus­tem im Trend ist der Wurm­kom­pos­ter, den man sich in die Woh­nung oder auf den Bal­kon stellt und mit haupt­säch­lich pflanz­li­chen Res­ten der Nah­rungs­zu­be­rei­tung befüllt. Nach Mona­ten ern­tet man eigens pro­du­zier­ten Humus – vor­aus­ge­setzt man möch­te dafür zwi­schen 80 und 500 Euro aus­ge­ben und sein Zuhau­se mit ein paar Tau­send Wür­mern teilen. 

Güns­ti­ger kommt man bei der Selbst­kom­pos­tie­rung natür­lich nur weg, sobald man einen Gar­ten sein Eigen nen­nen kann. Doch auch auf dem Kom­post im Gar­ten dür­fen nicht alle Abfäl­le lan­den, die die Küche her­gibt. So ist in Deutsch­land seit 2015 die flä­chen­de­cken­de Samm­lung von Bio­ab­fäl­len gemäß § 11 Kreis­lauf­wirt­schafts­ge­setz Pflicht.[1] Das bedeu­tet: Mit eini­gen Aus­nah­men müs­sen Städ­te und Kom­mu­nen ihren Bewoh­nern die Mög­lich­keit einer Bio­ton­ne bereit­stel­len. Mit dem Tren­nen von Müll leis­tet man einen Teil zum Schutz der Umwelt. Seit den 90er Jah­ren wird weit mehr als die Hälf­te des Haus­mülls – vor allem Alt­pa­pier, Alt­glas, Ver­pa­ckun­gen und Bio­ab­fall – stoff­lich ver­wer­tet. Das führt zu einer Scho­nung natür­li­cher Roh­stof­fe und somit zum Schutz des Kli­mas, »da beim Recy­cling weni­ger Ener­gie benö­tigt wird als bei der Neu­ge­win­nung von Roh­stof­fen«. Im Ver­gleich zu den durch die Abfall­wirt­schaft erzeug­ten Treib­haus­gas-Emis­sio­nen aus dem Jahr 1990 sind die des Jah­res 2015 um cir­ca 29 % gesun­ken, was auf die Abschaf­fung von Depo­nie­rung unbe­han­del­ter Sied­lungs­ab­fäl­le und eine ver­stärk­te stoff­li­che und ener­ge­ti­sche Nut­zung zurück­zu­füh­ren ist.[2]

Eine opti­ma­le Ver­wer­tung des Bio­ab­falls hängt von des­sen Zusam­men­set­zung ab. Hier wird unter­schie­den zwi­schen nas­sen Bio- und Spei­se­ab­fäl­len, holz­ar­ti­gen Bestand­tei­len des Grün­ab­falls und lignin- und zel­lu­lo­se­rei­chem Pflan­zen­ma­te­ri­al. Ers­te­res ist für eine Ver­gä­rung mit Bio­gas­nut­zung und anschlie­ßen­der stoff­li­cher Ver­wer­tung geeig­net, zwei­te­res zur ener­ge­ti­schen Nut­zung als Brenn­stoff in Bio­mas­se­heiz­kraft­wer­ken; das drit­te wird als Qua­li­täts­kom­post ver­wen­det. In kei­nem Fall soll­ten Fremd­stof­fe ent­hal­ten sein, denn die­se behin­dern die Ver­ar­bei­tung und machen den Bio­müll teil­wei­se sogar unbrauch­bar für die wei­te­re Ver­wer­tung. Beson­ders oft sind lei­der Kunst­stof­fe dar­in zu fin­den. Neben Man­da­ri­nen­net­zen und Frisch­hal­te­fo­lie fin­den sich Unmen­gen an »kom­pos­tier­ba­ren Müll­beu­teln«, die aller­dings nur in die Bio­ton­ne dür­fen, wenn die Kom­mu­ne die Ver­wen­dung von Bio­ab­fall­beu­teln aus bio­lo­gisch abbau­ba­ren Kunst­stof­fen erlaubt. »Bio­lo­gisch abbau­bar« bedeu­tet nicht gleich­zei­tig auch bio­ba­siert. Die Tüten bestehen nicht unbe­dingt aus nach­wach­sen­den Roh­stof­fen wie etwa Mais oder Stär­ke: Auch man­che erd­öl­ba­sier­te Kunst­stof­fe wer­den als abbau­bar beti­telt, da sie unter den pas­sen­den Bedin­gun­gen zer­setzt wer­den kön­nen. Eine Zer­set­zung unter natür­li­chen Umwelt­be­din­gun­gen braucht oft jedoch Jah­re, und nur weni­ge Kom­pos­tie­rungs­an­la­gen haben die tech­ni­sche Aus­stat­tung für die ent­spre­chen­de Zer­set­zung der Müll­beu­tel.[3] Des­halb soll­ten die Bio­ab­fäl­le lie­ber in altes Zei­tungs­pa­pier oder unbe­schich­te­te Papier­tü­ten gewi­ckelt wer­den, bevor man sie in der Ton­ne versenkt.

Wenn dann end­lich der längst über­fäl­li­ge Bio­müll raus­ge­bracht und Frucht­flie­gen­fal­len in der Küche auf­ge­stellt sind, heißt es: Bloß nicht direkt neu­en Müll pro­du­zie­ren. Viel­leicht lie­ber eine Piz­za bestel­len, um zumin­dest heu­te nichts mehr in der fri­schen Küche dre­ckig zu machen.

Mythen des Alltags

Kaffeekultur

Das braune Gold in der Tasse

7:30 Uhr – ein mecha­ni­sches Sur­ren unter­bricht die Stil­le der Woh­nung. Der Was­ser­hahn rauscht, der Mensch murrt. Ein Kli­cken hallt mehr­mals durch den Raum, der Gas­herd möch­te wohl auch erst geweckt wer­den. Es folgt ein Zischen und Glu­ckern. Der Wecker piepst lei­se im Hin­ter­grund. Ein woh­li­ger Duft erfüllt die Küche. Ein müdes Lächeln huscht über die Lip­pen. Die­se 10 Minu­ten Ruhe sind uner­läss­lich, um in den Tag zu star­ten – nur man selbst und eine Tas­se frisch gebrüh­ten Kaf­fees, natür­lich nach ita­lie­ni­scher Art. Rena­to Bial­et­ti, Sohn des bekann­ten Erfin­ders des Espres­so­ko­chers, war so begeis­tert von die­ser Art, sei­nen täg­li­chen Kaf­fee zu genie­ßen, dass er sei­ne letz­te Ruhe in einem über­gro­ßen Espres­so­ko­cher fand.[1]

Wenn die­se all­täg­lich mil­lio­nen­fach in Haus­hal­ten der Welt voll­zo­ge­ne Hand­lung hin­ter­fragt wird, zei­gen sich diver­se Ein­flüs­se, nicht nur aus der ita­lie­ni­schen Kaf­fee­kul­tur. Sei es nun der alt­be­kann­te Fil­ter­kaf­fee oder doch die hip­pe Vari­an­te des Cold Brew – sein Aro­ma ist unver­wech­sel­bar und kann doch so unter­schied­lich sein. Der tra­di­tio­nel­le grie­chi­sche Kaf­fee wird bei­spiels­wei­se mit Zucker gebrüht und ent­hält gemah­le­ne Kicher­erb­sen für eine »tor­fig-erdi­ge« Note.[2] In den Wei­ten des Inter­nets fin­det man zu jeder Brüh­va­ri­an­te, jeder Kaf­fee­boh­ne, jeder Milch­sor­te und jedem Süßungs­mit­tel eine pein­lich genaue Anlei­tung, wor­auf zu ach­ten sei und was unter allen Umstän­den ver­mie­den wer­den soll­te. Da könn­te man glatt mei­nen, dass vor You­tube und Wiki­pe­dia kein trink­ba­rer Kaf­fee exis­tier­te. Doch ist aus frü­hen Schrif­ten zu ent­neh­men, dass bereits im 14., 15. Jahr­hun­dert im Jemen Kaf­fee groß­flä­chig ange­baut wur­de. Über Mek­ka erober­te der Ara­bica-Kaf­fee ab dem 16. Jahr­hun­dert das süd­öst­li­che Euro­pa. Zahl­rei­che Kaf­fee­häu­ser eröff­ne­ten, dar­un­ter das ers­te deut­sche Kaf­fee­haus 1673 in Bre­men.[3]

Bald galt Kaf­fee als wich­ti­ges Han­dels­gut und wur­de somit auch innen­po­li­tisch bedeut­sam in den Kon­sum­län­dern. Aus die­sem Grund ent­stand ab 1780 ein gefürch­te­ter Beruf unter Fried­rich dem Gro­ßen. Der soge­nann­te »Kaf­fee­schnüff­ler« soll­te gewähr­leis­ten, dass dem Staats­mo­no­pol des Kaf­fee­rös­tens nichts im Wege stand.[4] Mit Beginn der Indus­tria­li­sie­rung wur­de der Genuss des Kaf­fee­trin­kens auch der brei­ten Bevöl­ke­rung und sogar den ärme­ren Schich­ten zugäng­lich. Kaf­fee galt als eine Nah­rungs­quel­le, so weich­te man Brot in einer soge­nann­ten Kaf­fee­sup­pe ein. So wur­de sowohl der Hun­ger gestillt als auch der Müdig­keit durch die har­te Arbeit ent­ge­gen­ge­wirkt.[5]

Um die eigent­li­che Ent­de­ckung die­ses Wun­der­mit­tels hin­ge­gen exis­tie­ren viel­fäl­ti­ge Legen­den. Es ist von uner­müd­li­chen Zie­gen in Äthio­pi­en und Heil­kun­di­gen aus Afri­ka die Rede. 

Bei die­ser lan­gen Geschich­te ver­wun­dert es nicht, dass Kaf­fee zum Lieb­lings­ge­tränk der Deut­schen gewor­den ist: Ein Bun­des­bür­ger trinkt im Schnitt rund 168 Liter Kaf­fee pro Jahr[6] – nicht nur am Morgen …

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»Eine gute Szenographie verstärkt den Inhalt«

Christian Brändle über gute Ausstellungsgestaltung

Von Julia Valter


Der Archi­tekt und Direk­tor des Muse­ums für Gestal­tung Zürich, Chris­ti­an Bränd­le, spricht über die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen von Szen­o­gra­phie. Bei einem offe­nen The­ma stel­le sich die Fra­ge: »Wie kön­nen wir die Rän­der so defi­nie­ren, dass am Ende eine gut kom­mu­ni­zier­ba­re Aus­stel­lung entsteht?«

Bränd­le und sein Team ist der Dia­log mit dem Publi­kum und des­sen Rück­mel­dung wich­tig. So wer­den in einem Koope­ra­ti­ons­pro­jekt Schü­ler ein­ge­bun­den, deren Kri­tik an Aus­stel­lun­gen auf- und ernst­ge­nom­men wird.

 

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»Tauscht euch viel aus, seid wild!«

Patricia Franzreb über ihren Umgang mit ihren Studenten

Von Saira Yaqoob


»Der ambi­tio­nier­te Desi­gner hat immer das Gefühl, er ist noch nicht gut genug, er muss noch irgend­et­was bes­ser machen. Das ist häu­fig auch der Teu­fel, mit dem wir kämp­fen müs­sen«, stellt die Design­pro­fes­so­rin fest. Sie schil­dert außer­dem, war­um Desi­gner Ver­ant­wor­tung für ihre Umwelt über­neh­men soll­ten und war­um ihnen ein fun­dier­tes theo­re­ti­sches Basis­wis­sen weiterhilft. 

»Spra­che ist unheim­lich wich­tig, und ich habe ein biss­chen das Gefühl, dass sie in letz­ter Zeit etwas ver­nach­läs­sigt wur­de«, kri­ti­siert sie und rät ihren Stu­den­ten, sich aus­zu­tau­schen und wild zu sein.

 

Essay

Wie werden Bilder für Argumentationen verwendet?

Über Semiotik und Rhetorik in der visuellen Kommunikation

1 Logik und visu­el­le Argumentation

Bil­der, sei­en es unbe­weg­te oder beweg­te, erhal­ten in der com­pu­ter­un­ter­stütz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on der post­mo­der­nen Welt­ge­sell­schaft eine zuneh­mend bedeu­tungs­vol­le­re Posi­ti­on hin­sicht­lich ihrer Quan­ti­tät, Qua­li­tät und auch ihrer argu­men­ta­ti­ven Auto­ri­tät. Im Jour­na­lis­mus wer­den Bil­der bei­spiels­wei­se als Rea­li­täts­be­wei­se her­an­ge­zo­gen. Im Mar­ke­ting sol­len Bil­der den Kun­den zum Kauf anre­gen und in der Public Rela­ti­ons ein posi­ti­ves Image eta­blie­ren. Und die Social Media wür­den ohne Bil­der das Poten­ti­al ihrer trans­kul­tu­rell ver­mit­teln­den Wir­kung ver­lie­ren, eine kul­tu­rel­le Glo­ba­li­sie­rung von Design – und Lebens­sti­len zu mani­fes­tie­ren. Manch­mal unter­stüt­zen Bil­der auch eine post­fak­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on, die kraft Emo­tio­na­li­sie­rung und schein­ba­ren Evi­denz ver­sucht zu über­re­den, aber die infol­ge einer ver­ba­len Logik und Argu­men­ta­ti­on kaum über­zeu­gen kann. Hin­sicht­lich all die­ser Bild­ver­wen­dun­gen drängt die Fra­ge: Wor­in besteht der Erfolg visu­el­ler Argu­men­ta­ti­on? Die Akteu­re ver­wen­den Bil­der mit der Absicht, einen Sach­ver­halt dar­zu­le­gen und kom­mu­ni­ka­tiv mit­zu­tei­len. Sie betrei­ben eine visu­el­le Argu­men­ta­ti­on, um ihre kom­mu­ni­ka­ti­ven Zie­le zu errei­chen. Aber wie und was kann als visu­el­le Argu­men­ta­ti­on gel­ten? Wel­cher Logik und wel­cher Rhe­to­rik folgt die visu­el­le Argu­men­ta­ti­on und wie wird sie stra­te­gisch ein­ge­setzt? Und zu fra­gen ist auch: Wel­che Zei­chen müs­sen Bil­der tra­gen, um Recht in einem Dis­kurs zu behalten?

Der fol­gen­de Text erör­tert Begrif­fe, mit denen über Bil­der gespro­chen wird, obgleich die Anschau­ung von Bil­dern not­wen­dig eine ande­re Pra­xis beinhal­tet als eine Theo­rie. In die­sem Sin­ne ori­en­tiert sich der Text an dem phi­lo­so­phi­schen Dik­tum von Imma­nu­ell Kant: »Gedan­ken ohne Inhalt sind leer, Anschau­un­gen ohne Begrif­fe sind blind.«[1] Um die auf­ge­zeig­ten Fra­gen zu beant­wor­ten, wird im Fol­gen­den zunächst reka­pi­tu­liert, war­um Bil­der nicht den Kri­te­ri­en stand­hal­ten, die in der for­ma­len Logik der Phi­lo­so­phie für eine Aus­sa­gen­lo­gik und Prä­di­ka­ten­lo­gik not­wen­dig sind. Im Anschluss dar­an wird dar­ge­legt, wie die Semio­tik eine Bild­lo­gik stützt, die den Begriff der Logik im Sin­ne sei­ner alt­grie­chi­schen Her­kunft als den­ken­de Kunst, Vor­ge­hens­wei­se, Fol­ge­rich­tig­keit oder ver­nünf­ti­ge Schluss­fol­ge­rung bezeich­net.[2] Die Bild­lo­gik als den­ken­de Kunst zu beschrei­ben, obgleich sie ohne eine Logik der Ver­ba­li­sie­run­gen und damit der Spra­che aus­kommt, mutet unpro­ble­ma­tisch an, da aus­schließ­lich der Homo Sapi­ens Bil­der als Zei­chen erstel­len kann und sie für die zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on nutzt. So soll der Zweck der Zei­chen­theo­rie dar­in bestehen, die Logik visu­el­ler Argu­men­ta­ti­on zu klären.

Für vie­le Akteu­re gehört es zur all­täg­li­chen Pra­xis, visu­ell zu den­ken und kom­mu­ni­ka­tiv mit­tels Bil­dern zu han­deln. Oft möch­ten Bild­han­deln­de mit­tels visu­el­ler Argu­men­ta­ti­on jeman­den davon über­zeu­gen, wie etwas aus­sieht, wie etwas exis­tiert und wie über etwas zu den­ken ist. Des­halb lau­tet die fina­le Fra­ge fol­gen­der Über­le­gun­gen: Wie fol­gen Bil­der ihrer Logik, die ihnen unter­schied­li­che For­men der visu­el­len Argu­men­ta­tio­nen erlau­ben? Um die­ses Ergeb­nis zu erlan­gen, gehen dem Fra­gen vor­aus, die klä­ren, wie logi­sche Argu­men­ta­tio­nen mit­tels Wor­ten in einer Spra­che auf­ge­baut sind. Die Ana­lo­gie zwi­schen Spra­che und Bild­spra­che hat zwar in der Bild­wis­sen­schaft nur zu Miss­ver­ständ­nis­sen[3] geführt, weil Bil­der sich nicht als eine Spra­che defi­nie­ren las­sen, trotz­dem bie­tet die Argu­men­ta­ti­ons­theo­rie der sprach­ba­sier­ten Logik eini­ge Hin­wei­se, wor­auf eine bild­ba­sier­te Logik zu ach­ten hat.

1.1 Bild­ba­sier­te Logik

Sehr ver­ein­facht, aber ohne weit­rei­chen­de Erklä­rungs­kraft lässt sich der prag­ma­ti­sche Umgang mit visu­el­ler Argu­men­ta­ti­on mit Bird­sell and Gro­ar­ke fol­gen­der­ma­ßen beschrei­ben: »We under­stand visu­al argu­ments to be argu­ments (in the tra­di­tio­nal pre­mi­se and con­clu­si­on sen­se) which are con­vey­ed in images.«[4] Sol­che tau­to­lo­gi­schen Erklä­run­gen fol­gen der all­täg­li­chen Beob­ach­tung, dass Bil­der in der Pra­xis als visu­el­le Argu­men­te ver­wen­det wer­den und des­halb auch Argu­men­te sein sol­len. Die­ser rhe­to­ri­sche Trick lässt sich leicht durch­schau­en, weil dann eben­falls ein Faust­schlag auf das Auge eines Ant­ago­nis­ten der­art evi­dent bzw. empi­risch bedeut­sam wirkt, um ihn im ansons­ten sprach­li­chen Dis­sens von der eige­nen Mei­nung final zu über­zeu­gen. Ein solch »über­wäl­ti­gen­des Argu­ment«, wie man es im Deut­schen umgangs­sprach­lich benennt, kann ein­ge­setzt wer­den, um sei­nen Ant­ago­nis­ten mit­tels Evi­denz ohne wei­te­re Argu­men­te zu über­zeu­gen. Hand­lun­gen oder bild­haf­te Zei­chen müs­sen sich nicht als Argu­men­te defi­nie­ren las­sen, obgleich sie im All­tag schein­bar wie Argu­men­te wir­ken. Hin­zu­kommt, wor­auf Roque hin­weist, dass die Benen­nung des visu­el­len Kanals nicht aus­reicht, um die visu­el­le Argu­men­ta­ti­on als sol­che zu defi­nie­ren.[5] Das visu­el­le Medi­um Bild ver­mit­telt immer die Bot­schaft, dass etwas visu­ell prä­sent wird, ohne dass eine Argu­men­ta­ti­on in pro­po­si­tio­na­len Sprech­ak­ten dem gleich­kom­men könn­te oder soll­te. Bei­spiels­wei­se bie­tet das Bild »Feld­ha­se« von Albrecht Dürer eine Evi­denz, die über­zeugt, weil sie im Jah­re 1502 mit­tels einer foto­rea­lis­ti­schen Dar­stel­lung visu­ell argu­men­tiert, wie ein Feld­ha­se so rea­lis­tisch wie mög­lich per Ähn­lich­keit bezeich­net wer­den kann. Hier wirkt die visu­el­le Prä­senz eines Bil­des evi­dent, weil Betrach­ter ohne Wor­te ver­ste­hen und gege­be­nen­falls reagie­ren, obwohl sie für das Gese­he­ne noch kei­ne Wor­te fin­den oder gar Argu­men­te erkennen.

Die Evi­denz – im Sin­ne einer anschau­en­den Gewiss­heit – beschreibt die »broa­der cate­go­ry«[6], die ver­ständ­lich macht, dass Betrach­ter bei­spiels­wei­se ein Foto als einen empi­ri­schen Beweis für die Exis­tenz von etwas aner­ken­nen und dies unbe­zwei­fel­bar Erkenn­ba­re als Wort in ihre ver­ba­le Argu­men­ta­ti­on ein­fü­gen. Wenn ein Bild auf Rezi­pi­en­ten wirkt, als ob es ein Argu­ment sei, dann ist dies aber kein Beweis dafür, dass es not­wen­dig den Begriffs­ab­gren­zun­gen des Argu­ments folgt, wie sie die Phi­lo­so­phie der Logik defi­niert. Wenn Bil­der wie »schla­gen­de Argu­men­te« ver­wen­det wer­den, dann kann ihre Evi­denz über­zeu­gen, ohne dass es sprach­wis­sen­schaft­li­chen oder phi­lo­so­phi­schen Defi­ni­tio­nen eines Argu­ments ent­spricht. Es wird sich an spä­te­rer Stel­le zei­gen, wie Bil­der als »schla­gen­de Argu­men­te« eine Plau­si­bi­li­tät und Evi­denz anbie­ten, die die Zustim­mungs­be­reit­schaft bei Rezi­pi­en­ten zwei­fel­los erhöht. Inso­fern führt Scholz mit der Dar­stel­lung der Neu­en Rhe­to­rik von Chaïm Perel­man [7] auf die weg­wei­sen­de Spur, dass »zwi­schen der Wahr­heit einer The­se und Zustim­mungs­be­reit­schaft zu einer The­se zu unter­schei­den«[8] sei.

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»Die Zukunft liegt für mich im schönen Buch«

Christina Schmid über haptische Erlebnisse

Von Sarah Prestel


Die Gestal­te­rin, Autorin und Her­aus­ge­be­rin Chris­ti­na Schmid ist von der Wich­tig­keit des schö­nen Buches über­zeugt und glaubt an des­sen Zukunft. Auch wenn an ihrem Rech­ner das meist­ge­nutz­te Pro­gramm das E-Mail-Pro­gramm und sie in ihrem E-Mail-Post­fach lebt, so weiß sie um die Bedeu­tung der Mate­ria­li­tät – und wie sie in eine gute Form gebracht wird. 

Das legt sie im (per Video­kon­fe­renz geführ­ten) Inter­view mit »Spra­che für die Form« dar – und war­um Bücher­ma­chen Team­ar­beit ist.

 

Essay

Die GIGA-Adaptionsmethode

Aptum: Stilschulung im Hochschulschreibunterricht

1 Aus­gangs­la­ge: Schrei­ben als Qual

Die Gefüh­le, die Stu­die­ren­de an einer ange­wand­ten Hoch­schu­le ihrem eige­nen Schrei­ben ent­ge­gen­brin­gen, sind erfah­rungs­ge­mäß[1] oft nega­tiv. Abb. 1 zeigt ein typi­sches Mei­nungs­bild, wie es 2021 bei einer Erst­se­mes­ter­ver­an­stal­tung im Fach Wirt­schafts­in­ge­nieur­we­sen Maschi­nen­bau ein­ge­holt wur­de[2]. Zwar gibt es eini­ge Stim­men, die die Nütz­lich­keit des Schrei­bens her­vor­he­ben und des­sen kom­mu­ni­ka­ti­ve, epis­te­mi­sche, doku­men­ta­ri­sche oder krea­ti­ve Funk­ti­on benen­nen, doch sind die vor­nehm­li­chen Asso­zia­tio­nen Anstren­gung, Mühe und Qual. Ableh­nung und Ver­wei­ge­rung wer­den offen geäu­ßert, in die­ser anony­men digi­ta­len Umfra­ge eben­so deut­lich wie sonst im Unterrichtsgespräch.

Abbildung 1: Meinungsbild unter Wirtschaftsingenieuren

Abbil­dung 4: Arbeits­blatt zur Grup­pen­übung (Aus­schnitt)

Wie kommt es nach zwölf Jah­ren Deutsch­un­ter­richt mit all sei­nen Auf­sät­zen, Erör­te­run­gen und Inter­pre­ta­tio­nen zu die­sem ver­hee­ren­den Stim­mungs­bild? Offen­bar ver­mag das Schul­fach bei vie­len kei­ne nach­hal­ti­ge Begeis­te­rung zu wecken, weder für die frei­wil­li­ge Beschäf­ti­gung mit Lite­ra­tur[3] noch für das aka­de­mi­sche Schrei­ben, noch für die beruf­li­chen Schreib­auf­ga­ben, die unver­meid­lich zu erfül­len sein wer­den und Kar­rie­re­chan­cen mitentscheiden.

Dass Umfang und Bedeu­tung des Schrei­bens in so gut wie jedem Beruf im Wach­sen begrif­fen sind, ist als Fol­ge der Digi­ta­li­sie­rung und der Ver­recht­li­chung der Arbeits­welt schlicht­weg ein Fak­tum. Die damit ein­her­ge­hen­de Ver­schrift­li­chung bedeu­te­te einen enor­men Anstieg der kom­mu­ni­ka­ti­ven, doku­men­ta­ri­schen, ver­trag­li­chen, daten­schutz­recht­li­chen und buch­hal­te­ri­schen Vor­gän­ge. Den Stu­die­ren­den ist dies oft nicht bewusst, viel­mehr hof­fen sie, etwa durch die Wahl eines tech­ni­schen Stu­di­en­fachs, dem Schrei­ben ein für alle­mal ent­ron­nen zu sein – ein Trug­schluss, beschäf­ti­gen sich doch z. B. Inge­nieu­re weit über die Hälf­te ihrer Arbeits­zeit mit der Lek­tü­re und Erstel­lung anfor­de­rungs­rei­cher Text­sor­ten[4].

Ist die Genie-Ästhe­tik ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te – »Poe­ta nas­ci­tur, non fit«[5] – eine wei­te­re Ursa­che für das schlech­te Image des Schrei­bens bei den Stu­die­ren­den? Die Vor­stel­lung, dass sich beim Schrei­ben das ange­bo­re­ne Talent zei­ge oder eben nicht, kann in Kom­bi­na­ti­on mit ver­gan­ge­nen Miss­erfol­gen tat­säch­lich tie­fe Selbst­zwei­fel und Mut­lo­sig­keit erzeugen.

Eine pas­sen­de Replik dar­auf lie­fert Heming­way, der in Bezug auf sein eige­nes Schrei­ben gesagt haben soll: “The first draft of any­thing is sh.”[6]. Im Unter­richt ver­wen­det, offen­bart die­ses Zitat, dass auch bei genia­len Welt­schrift­stel­lern die Arbeit am Text mit der Roh­fas­sung beginnt – und nicht etwa endet. Um fal­schen Vor­stel­lun­gen zu begeg­nen, ist es wich­tig, die­se für Schreib­ex­per­ten so selbst­ver­ständ­li­che Tat­sa­che im Unter­richt expli­zit zu machen.

2 Münd­lich­keit ver­sus Schriftlichkeit

Die wich­tigs­te Ursa­che für die stu­den­ti­sche Schreib­un­lust offen­bart sich, sobald man die Sprech- mit der Schreib­si­tua­ti­on ver­gleicht. Im münd­li­chen Gespräch voll­zieht sich ein unbe­wuss­ter, sub­ti­ler und fort­wäh­ren­der Anpas­sungs­pro­zess[7], der eine umfang­rei­che Palet­te an Zuschrei­bun­gen über Wis­sen und Vor­lie­ben, Stim­mun­gen, Emp­fäng­lich- und Emp­find­lich­kei­ten des Gegen­übers ein­be­zieht. Über Jahr­zehn­te haben sich Empa­thie und Men­schen­kennt­nis, Takt­ge­fühl und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen, Höf­lich­keit und Umgangs­for­men in uns ent­wi­ckelt und ver­fei­nert. In der Sprech­si­tua­ti­on erlaubt uns die­ses hoch­ent­wi­ckel­te Ver­mö­gen eine auto­ma­ti­sche Anpas­sung des Sprach­ni­veaus, meist unbe­merkt und mühe­los, obgleich es uns auch mög­lich ist, den Vor­gang bewusst zu steu­ern und wahrzunehmen.

In der Schreib­si­tua­ti­on feh­len die Aus­lö­ser, die den beschrie­be­nen Adap­ti­ons-Auto­ma­tis­mus in Gang set­zen könn­ten. Wir sehen kein Gesicht, kei­ne Mimik und Ges­tik, wir hören kei­nen Ton­fall und erhal­ten auch sonst kei­ne Signa­le, die uns hel­fen könn­ten, uns in die Situa­ti­on ein­zu­fin­den. Statt­des­sen sehen wir einen lee­ren Bild­schirm oder ein wei­ßes Blatt Papier. Die Schwie­rig­kei­ten vie­ler Stu­die­ren­der, über­haupt ins Schrei­ben zu kom­men und dann noch den rech­ten Ton zu tref­fen, erschei­nen vor die­ser Folie all­zu verständlich.

  1. [1] Die Ver­fas­se­rin lehrt seit über einem Jahr­zehnt wis­sen­schaft­li­ches Schrei­ben an der HTWG Kon­stanz, einer Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten, die tech­ni­sche, wirt­schaft­li­che und gestal­te­ri­sche Fächer unter ihrem Dach vereint. 
  2. [2] Anony­me Online-Umfra­ge 2021 via Men­ti­me­ter unter 25 Erste­mes­ter­stu­die­ren­den im Fach Wirt­schafts­in­ge­nieur­we­sen Maschi­nen­bau an der Hoch­schu­le Kon­stanz, Mehr­fach­ant­wor­ten möglich. 
  3. [3] Bei einer nicht-reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge unter 23 Stu­die­ren­den im Stu­di­um gene­ra­le der Hoch­schu­le Kon­stanz gaben 2021 80 % an, nie­mals Erzähl­li­te­ra­tur zur Hand zu neh­men. 20 % lesen hin­ge­gen täg­lich und teil­wei­se über eine Stun­de. Die­se Anga­be deckt sich mit der Erfah­rung aus diver­sen Lese­work­shops: auf die Fra­ge nach einer Buch­emp­feh­lung für die Kom­mi­li­to­nen ant­wor­te­te ein Groß­teil der Teil­neh­men­den ent­we­der mit einem Selbst­op­ti­mie­rungs­rat­ge­ber oder wuss­te gar kei­nen Titel zu nen­nen. Roma­ne, das eigent­lich inten­dier­te Ziel der Fra­ge, wur­den nur von ver­ein­zel­ten Teil­neh­men­den emp­foh­len. Dabei han­del­te es sich dann vor allem um eng­lisch­spra­chi­ge Thriller. 
  4. [4] VDI-Richt­li­ni­en­au­tor Eber­sold zählt fol­gen­de inge­nieur­ty­pi­sche Schreib­an­läs­se auf: »Es fal­len sehr ver­schie­de­ne Text­sor­ten an. Da gibt es zum einen Berich­te und Pro­to­kol­le, den Mail­ver­kehr und Prä­sen­ta­tio­nen, die man bei­na­he täg­lich zu erstel­len hat. (…) Dann gibt es die (…) Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on als Text­sor­te. Sie beinhal­tet ins­be­son­de­re Kon­struk­ti­ons­be­schrei­bun­gen, (…) über­aus umfas­sen­de und kom­ple­xe Soft­ware­do­ku­men­ta­tio­nen, (…) Nor­men und Richt­li­ni­en, Spe­zi­fi­ka­tio­nen, Beschrei­bun­gen von bei­spiels­wei­se Berech­nungs­vor­gän­gen, dann aber auch tech­ni­sche Vor­ga­ben für die Pro­duk­ti­on und (…) Qua­li­täts­si­che­rung (…), sehr viel Test­do­ku­men­ta­ti­on usw.« (Eber­sold, Schef­fel 2021, S. 44). Zu Stu­di­en zum Zeit­auf­wand für Schreib­auf­ga­ben im Inge­nieur­be­ruf vgl. Brandt 2013, S. 3–4.
  5. [5] »Der Dich­ter wird gebo­ren, nicht gemacht«, anti­ker Apho­ris­mus umstrit­te­nen Ursprungs; Pro­ve­ni­enz­for­schung lie­fert Rin­gler 1941. 
  6. [6] Zit. nach Heming­ways Freund Samu­el­son 1984, S. 11. 
  7. [7] Zur Dyna­mik die­ses Modi­fi­ka­ti­ons­pro­zes­ses, der fort­wäh­ren­den Syn­chro­ni­sa­ti­on zwi­schen den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­nern und dem Aus­han­deln von Ange­mes­sen­heit, vgl. Bülow und Krieg-Holz, die die »eth­no­gra­fisch-inter­ak­tio­na­le() und prag­masti­lis­ti­sche() Per­spek­ti­ve« (Bülow, Krieg-Holz 2015, S. 111) auf den Vor­gang zusammenführen. 

Mythen des Alltags

Flurfunk

Was man im Lockdown verpasst hat …

Schul­funk
Hat Luca wirk­lich den Impe­ria­len Ster­nen­zer­stö­rer[1] von Lego Star Wars geschenkt bekom­men? Ob Han­na auch die tür­ki­se Fro­zen[2]-Haar­span­gen toll fin­det? Hat Joshua wie­der eine Schlä­ge­rei ange­fan­gen? Ob jemand wohl den sil­ber­glän­zen­den Manu­el-Neu­er-Sti­cker hat und tau­schen wür­de? Plant Leon wirk­lich eine Switch[3]-Geburts­tags­par­ty und hat sogar Mario Cart[4]?

Uni­funk
Gab es auf der Schwarz­licht-WG-Par­ty wirk­lich nur Ötti[5] zum Trin­ken? Stimmt es, dass Simon nun einen Voki[6] trägt; hat er nicht schon einen Schnau­zer? Ist Eli­as wirk­lich schon fer­tig mit dem lan­gen Essay? Sind Sophia und Felix in einer offe­nen Bezie­hung[7]? Hat Lea bereits ein WG-Zim­mer gefun­den? Ist die Book­let-Abga­be eine Woche nach der Prä­sen­ta­ti­on? Hat Finn wirk­lich drei Döner in der Mit­tags­pau­se verdrückt? 

Büro­funk
Ob die Kaf­fee­ma­schi­ne wohl end­lich ent­kalkt wur­de? Wo sind denn nur die Brief­mar­ken gela­gert? Stimmt es, dass Sven aus Eta­ge sechs zu sei­nem Geburts­tag Nuss­schne­cken für alle geba­cken hat? Heißt das Baby Ama­lia oder Oli­via? Fin­det der Yoga-Kurs spä­ter statt? Für wel­chen Anlass wohl der Sekt im Kühl­schrank gela­gert wird? Ver­dient Sabi­ne wirk­lich 500 Euro mehr im Monat? Ist Robert krank oder nutzt er wie­der nur den Brü­cken­tag aus? Wer hat den Papier­stau im Dru­cker verursacht?

Buchbesprechung

»Schreibt kürzer, schreibt klarer, schreibt bildhafter«

Armin Reins über »Corporate Language«

Das Inhalts­ver­zeich­nis von Armin Reins »Cor­po­ra­te Lan­guage« gleicht einem gut sor­tier­ten Super­markt-Regal. Man fin­det dar­in sowohl das Inter­view mit einem Enter­tai­ner als auch mit einem renom­mier­ten Hirn­for­scher, 24 Geset­ze der Ver­füh­rung nach Vor­bild Casa­no­vas, gefolgt von der Ana­ly­se einer Des­sous-Kam­pa­gne. Ange­rei­chert wird das bunt gemisch­te Sor­ti­ment mit zahl­rei­chen Fall­bei­spie­len aus der Welt der Wer­bung – von Anzei­gen für Was­ser bis zum Bran­ding für Wein. Und schon auf den ers­ten Sei­ten wird klar: Gute Tex­te sind in der Bran­che noch immer Man­gel­wa­re. »Cor­po­ra­te Lan­guage« schafft Abhilfe.

Grob glie­dert sich das Buch in zwei Tei­le: Der ers­te führt die Wich­tig­keit von Spra­che für das »brand buil­ding« vor Augen und gibt kon­kre­te Anlei­tung, wie man zu einer »Cor­po­ra­te Lan­guage« für eine Mar­ke oder ein Unter­neh­men fin­det. Der zwei­te Teil prä­sen­tiert eine Samm­lung von Fall­bei­spie­len. In Inter­views kom­men Mar­ke­ting-Lei­ter und Wer­be­fach­leu­te von gro­ßen Unter­neh­men wie »Nivea«, »Ikea« oder »Mer­ce­des« zu Wort, die es erfolg­reich geschafft haben, eine authen­ti­sche »Cor­po­ra­te Lan­guage« zu eta­blie­ren. Die­ser Inter­view­teil eröff­net span­nen­de Ein­bli­cke in die Mar­ken­phi­lo­so­phien und die Stra­te­gien hin­ter den gro­ßen Werbekampagnen.

Reins plau­dert mun­ter aus dem Näh­käst­chen eines Wer­be­tex­ters. Die im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re zusam­men­ge­stell­ten The­sen unter­mau­ert er mit reich­lich Anschau­ungs­ma­te­ri­al aus sei­nem Arbeits­all­tag. »Cor­po­ra­te Lan­guage« ist gewiss kei­ne wis­sen­schaft­li­che Lek­tü­re, ver­folgt aber auch gar nicht die­sen Anspruch. Die Kapi­tel zur Hirn­for­schung oder dem NLP (Neu­ro-Lin­gu­is­ti­sches-Pro­gram­mie­ren) blei­ben eng auf ihren Nut­zen in der Wer­be­spra­che zuge­schnit­ten und wer­den vom Autor in klei­nen Appe­tit-Häpp­chen ser­viert. Reins spricht mit Men­schen aus unter­schied­li­chen For­schungs- und Tätig­keits­fel­dern, die alle am gro­ßen Kuchen »Spra­che« naschen, und pickt sich die Rosi­nen her­aus — also all das, was für die Arbeit des Wer­be­tex­ters nütz­lich ist. Das ent­spricht auch ganz sei­ner Über­zeu­gung, dass »gute Tex­ter ein brei­tes Halb­wis­sen [haben]« (S. 105).

»Schreibt kür­zer, schreibt kla­rer, schreibt bild­haf­ter, hör­ba­rer, anfass­ba­rer und fühl­ba­rer« (S. 25). Die­ser For­de­rung bleibt Armin Reins treu. Der Autor schreibt in kur­zen, ja sogar ver­kürz­ten Sät­zen und ist dabei abso­lut über­zeu­gend. »Cor­po­ra­te Lan­guage« liest sich wie ein Wer­be­text für gutes Wer­be­tex­ten. Müh­sam wird das Lesen nur, wenn man über das bran­chen­spe­zi­fi­sche Fach­vo­ka­bu­lar stol­pert. Wör­ter wie UBP (Uni­que Buy­ing Pro­po­si­ti­on) kön­nen dem CI-Lai­en die Lust am Lesen schmä­lern. Reins locke­rer, leicht ver­ständ­li­cher Schreib­stil soll­te nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass sich die­ser Busi­ness­rat­ge­ber gezielt an Wer­be­tex­ter, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gen und Mar­ke­ting­lei­ter rich­tet. Otto-Nor­mal­ver­brau­cher kann mit Kos­ten-Nut­zen-Über­le­gun­gen oder einer CL-Check­lis­te nur wenig anfan­gen. Neben den zahl­rei­chen Para­de­bei­spie­len aus der inter­na­tio­na­len Wer­be­welt ver­gisst Reins auch nicht, Wer­bung in eig­ner Sache zu machen. Die Unter­punk­te sei­nes CL-12-Schrit­te-Pro­gramms, einer der Kern­in­hal­te, lässt er wohl­weis­lich unkom­men­tiert. Die erwar­te­ten Ein­bli­cke in ein bestehen­des CL-Manu­al blei­ben aus. Statt­des­sen flat­tert dem Leser beim Auf­schla­gen des Buches ein For­mu­lar zur Semi­nar­an­mel­dung entgegen.

Zen­tra­le The­sen und Schlüs­sel­aus­sa­gen wer­den optisch her­vor­ge­ho­ben, eben­so wie die in Signal­far­be unter­leg­ten Defi­ni­tio­nen von Fach­be­grif­fen. Dadurch bekommt Reins »Cor­po­ra­te Lan­guage« an man­chen Stel­len Lehr­buch-Cha­rak­ter. In jedem Fall ist es ein Hand­buch, das man bei der Kon­zep­ti­on der nächs­ten Kam­pa­gne auch tat­säch­lich wie­der zur Hand nimmt, fin­den sich dar­in doch Arbeits­an­lei­tun­gen zur sprach­li­chen Text­ge­stal­tung, die direkt umsetz­bar sind. Es ist das Ass im Ärmel für jeden, der beim nächs­ten Team­mee­ting mit ziel­ge­rich­te­ten Cla­im-Vor­schlä­gen bril­lie­ren will. Tat­säch­lich ist das Kapi­tel zur Cla­im-Fin­dung nach der CL-Metho­de auch jenes, das die kon­kre­tes­ten Ein­bli­cke in die Her­an­ge­hens­wei­se eines Tex­ters bei der Sprach­ge­stal­tung gibt und gleich­zei­tig auch den höchs­ten Unter­hal­tungs­wert hat. In amü­san­ter Wei­se wird dem Leser die Unsin­nig­keit eini­ger der bekann­tes­ten eng­lisch­spra­chi­gen Claims vor Augen geführt, wie »Mitsu­bi­shi — Dri­ve ali­ve«, vom Autor über­setzt mit »Die Fahrt über­le­ben«, oder »Dou­glas — Come in and find out — Komm rein und find wie­der raus« (vgl. S. 215). Äußerst kurz­wei­lig ist auch das Kapi­tel, in dem Reins die Wer­bung für ein Pro­dukt mit dem Wer­ben um eine Frau gleich­setzt. Der Autor scheut dabei nicht den Ver­gleich mit Gia­co­mo Casa­no­va. Spä­tes­tens wenn Reins die Brü­cke von den Ver­füh­rungs­küns­ten des berühm­ten Schür­zen­jä­gers zu den Ver­füh­rungs­stra­te­gien der Wer­bung schlägt, wird selbst der kri­ti­sche Leser schwach und ist sich sicher, mit »Cor­po­ra­te Lan­guage« sei­nen Schatz gefun­den zu haben.

Der Desi­gner soll­te drin­gend auf­hö­ren, Tex­te nur als läs­ti­ges Bei­werk, »als Grau­wert« zu sehen (vgl. S. 10). In der Wer­bung kom­men Bil­der sel­ten ohne Wor­te aus. Dafür kön­nen Wör­ter eine Men­ge Bil­der pro­du­zie­ren, sie kön­nen unser Kopf­ki­no wecken.

Buchbesprechung

»Schrift hat eine Stimme«

Sabrina Öttl über das Handwerk der Typografie

»Wir lesen und sehen Schrift zugleich. (…) Jede Schrift hat eine Stim­me, jede Gestal­tung einen Ton­fall und damit eine Absicht.« (S. 25) Die­ses Zitat beschreibt die Rele­vanz von guter Typo­gra­fie und war­um es unaus­weich­lich ist, sich als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner mit die­ser The­ma­tik zu beschäf­ti­gen. Einen guten Grund­stein dafür legt das Buch aus dem die­ses Zitat stammt: »Der ers­te Ein­druck zählt! Das Hand­werk der Typo­gra­fie ver­ste­hen und anwen­den« von Sabri­na Öttl. Sie möch­te dar­in »einen fun­dier­ten wie all­ge­mein­ver­ständ­li­chen Pra­xis­work­shop Typo­gra­fie für wer­den­de Pro­fis« (S. 6).

Das Buch ent­hält sechs Kapi­tel zu The­men und Fra­gen rund um Typo­gra­fie, Lesen und Les­bar­keit sowie und einen umfang­rei­chen Anhang. Im Vor­wort beschreibt der Ver­le­ger Bert­ram Schmidt-Fri­de­richs, wie die­ses Buch ent­stan­den ist: Nach­dem die 1992 gebo­re­ne Gestal­te­rin Sabri­na Öttl ihm ihre Bache­lor­ar­beit gezeigt hat­te, stell­ten bei­de die gemein­sa­me Lie­be zur Typo­gra­fie fest. Dar­auf­hin habe er sie gefragt, ob sie nicht die­ses Buch schrei­ben kön­ne, das dann in einer drei­jäh­ri­gen Koope­ra­ti­on zwi­schen dem Ver­le­ger und der Gestal­te­rin ent­stan­den ist.

Nach einer Ein­lei­tung durch die Autorin folgt eine Bei­spiel­sei­te, die ver­deut­licht, wie die ein­zel­nen Sei­ten des Buches struk­tu­riert sind – an wel­cher Posi­ti­on wel­che Infor­ma­tio­nen zu fin­den und wie sie gestal­tet sind. Zu Beginn wird unter dem Titel »Defi­ni­ti­on« erklärt, wie Schrift unse­ren All­tag beglei­tet, was Typo­gra­fie eigent­lich ist, wel­che Auf­ga­ben Schrift hat und wie sie ent­stan­den ist. »Wie Schrift unter­schied­lich wir­ken kann« – wie sie eine Dif­fe­ren­zie­rung schafft, aus wel­chen Bestand­tei­len die ein­zel­nen Buch­sta­ben bestehen und wie Schrift an sich bereits kom­mu­ni­ziert – wird im zwei­ten Kapi­tel »Cha­rak­ter« beschrieben.

Dar­an anschlie­ßend spielt in »Lesen« eben die­ser Vor­gang eine Rol­le: »Wie Schrift ver­ar­bei­tet und gele­sen wird.« Es wird dar­über infor­miert, wie das mensch­li­che Auge Schrift wahr­nimmt und ver­ar­bei­tet, was zur Leser­lich­keit und Les­bar­keit bei­trägt und wel­che Aus­wir­kun­gen das alles auf die Gestal­tung hat. »Typo­gra­fie ist das Fens­ter zum Dahin­ter­lie­gen­den. Sie macht dem Inhalt eines Tex­tes Platz. Damit das Dahin­ter­lie­gen­de mög­lichst gut ersicht­lich ist, soll­te die Typo­gra­fie genau­so unauf­fäl­lig und sau­ber wie ein Fens­ter mit Pan­ora­ma­blick sein. Denn Lesen funk­tio­niert dann am bes­ten, wenn wir uns eben nicht von Details ablen­ken las­sen.« (S. 34 f.)

Im vier­ten Kapi­tel »Schrift­qua­li­tät« geht es dar­um, »Wie Schrift gestal­tet und aus­ge­wählt wird«, wie man Schrif­ten unter­schei­det und klas­si­fi­ziert und wie man sie für die unter­schied­li­chen Arten des Lesens aus­wählt – »Wer (Ziel­grup­pe) liest was (Inhalt), war­um (Moti­va­ti­on), wie (Umstän­de) und wo (Ort)?« (S. 49). »Satz­qua­li­tät« the­ma­ti­siert »Wie Schrift sorg­fäl­tig gesetzt wird« und somit sind die Mikro­ty­po­gra­fie und ihre Ele­men­te, wie bei­spiels­wei­se Buch­sta­ben- und Wort­ab­stand, Zei­len­län­ge und -abstand sowie Stri­che, Punk­te und Son­der­zei­chen, Inhalt die­ses Kapi­tels. Im letz­ten Kapi­tel mit dem Titel »Gestal­tung« wird erklärt, »wie Weiß­raum struk­tu­riert wird«. Dabei wird anhand von drei Fall­bei­spie­len gezeigt, wel­che Ele­men­te zur Makro­ty­po­gra­fie gehö­ren und wie man sie ein­setzt.– Zu guter Letzt beinhal­tet das Buch einen umfang­rei­chen Anhang mit hilf­rei­chen Merk­hil­fen und Short­cuts sowie Ver­wei­sen zu wei­ter­füh­ren­der Literatur. 

Wie der Ver­le­ger Bert­ram Schmidt-Fri­de­richs es im Vor­wort beschreibt, ist die­ses Buch aus­ge­rich­tet auf »wer­den­de Pro­fis« (S. 6). Es stellt dem­entspre­chend eine kurz­wei­li­ge Grund­la­ge dar, die man gut am Stück lesen kann, wenn man sich für die­se The­ma­tik inter­es­siert, sich bereits etwas Vor­wis­sen ange­eig­net hat und tie­fer in die The­ma­tik ein­tau­chen möch­te. Die wich­tigs­ten The­men wer­den mit­hil­fe von Bei­spie­len bespro­chen und durch erklä­ren­de Visua­li­sie­run­gen ergänzt. Zusätz­lich wird dar­auf ver­wie­sen, wo man wei­te­re, tie­fer­grei­fen­de Infor­ma­tio­nen fin­den kann. Außer­dem ist es ein gutes Nach­schla­ge­werk für geziel­te Suchen, die durch Quer­ver­wei­se im Buch unter­stützt werden.

Der Bezug zur Pra­xis spielt eine gro­ße Rol­le: Es wer­den Hin­wei­se, Ein­stel­lungs­mög­lich­kei­ten und Short­cuts für die geläu­fi­gen Pro­gram­me geteilt sowie prak­ti­sche Merk­hil­fen in Form von Zusam­men­fas­sun­gen mit Sei­ten­ver­wei­sen gege­ben. Beim Lesen gibt die Struk­tur der ein­zel­nen Sei­ten zusätz­lich Sicher­heit und einen fes­ten Rah­men, und man weiß, wie wel­che Art von Infor­ma­tio­nen aussieht.

Nach­dem der Lek­tü­re des Buches betrach­tet und liest man Typo­gra­fie deut­lich bewuss­ter und erfährt die Bestä­ti­gung, dass lesen nicht nur lesen, son­dern auch sehen bedeu­tet. »Alles was wir lesen, neh­men wir ratio­nal und emo­tio­nal wahr. Wir kom­mu­ni­zie­ren Fak­ten und Emo­tio­nen gleich­zei­tig, jede visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on ist dadurch zugleich auch eine Inter­pre­ta­ti­on des Inhalts. Man kann nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren laut Paul Watz­la­wick. Auch visu­ell nicht.« (S. 25)