Mythen des Alltags
Biomüll
Wenn Reste zu Energie werden
Der süßliche Geruch der Zersetzung breitet sich in der Küche aus. Eine Bananenschale, eine schimmlige Kartoffel und drei Teebeutel liegen ganz oben auf dem überfüllten Behälter – hat schon wieder niemand den Biomüll rausgebracht? Je länger der Bioabfall in der Küche steht, desto unangenehmer wird die Aufgabe, ihn nach draußen zu befördern. Oft siegt die Trägheit des Alltags. Dann häuft sich ein Berg an Biomasse an, der seit drei Tagen darauf wartet, beseitigt zu werden. Der Geruch ist nicht das Einzige, das stört. Innerhalb von wenigen Stunden passiert es: Eine neue Fruchtfliegenkolonie wurde in der Küche gegründet. Nun entsteht, neben der Wolke aus Gestank, auch eine aus Fliegen. Der Obstkorb wird bald zum nächsten Opfer der neuen Hausbewohner, und ehe man sich versieht, findet man sie auch beim Betreten der Dusche.
Egal, ob man seine Küchenabfälle in der Tupperbox oder einem Designerstück mit Aktivkohlefilter lagert – der Zersetzungsvorgang ist nicht aufzuhalten. Früher oder später folgt der Gang zur Biotonne und das Säubern des Gefäßes. Seit Neustem im Trend ist der Wurmkomposter, den man sich in die Wohnung oder auf den Balkon stellt und mit hauptsächlich pflanzlichen Resten der Nahrungszubereitung befüllt. Nach Monaten erntet man eigens produzierten Humus – vorausgesetzt man möchte dafür zwischen 80 und 500 Euro ausgeben und sein Zuhause mit ein paar Tausend Würmern teilen.
Günstiger kommt man bei der Selbstkompostierung natürlich nur weg, sobald man einen Garten sein Eigen nennen kann. Doch auch auf dem Kompost im Garten dürfen nicht alle Abfälle landen, die die Küche hergibt. So ist in Deutschland seit 2015 die flächendeckende Sammlung von Bioabfällen gemäß § 11 Kreislaufwirtschaftsgesetz Pflicht.[1] Das bedeutet: Mit einigen Ausnahmen müssen Städte und Kommunen ihren Bewohnern die Möglichkeit einer Biotonne bereitstellen. Mit dem Trennen von Müll leistet man einen Teil zum Schutz der Umwelt. Seit den 90er Jahren wird weit mehr als die Hälfte des Hausmülls – vor allem Altpapier, Altglas, Verpackungen und Bioabfall – stofflich verwertet. Das führt zu einer Schonung natürlicher Rohstoffe und somit zum Schutz des Klimas, »da beim Recycling weniger Energie benötigt wird als bei der Neugewinnung von Rohstoffen«. Im Vergleich zu den durch die Abfallwirtschaft erzeugten Treibhausgas-Emissionen aus dem Jahr 1990 sind die des Jahres 2015 um circa 29 % gesunken, was auf die Abschaffung von Deponierung unbehandelter Siedlungsabfälle und eine verstärkte stoffliche und energetische Nutzung zurückzuführen ist.[2]
Eine optimale Verwertung des Bioabfalls hängt von dessen Zusammensetzung ab. Hier wird unterschieden zwischen nassen Bio- und Speiseabfällen, holzartigen Bestandteilen des Grünabfalls und lignin- und zellulosereichem Pflanzenmaterial. Ersteres ist für eine Vergärung mit Biogasnutzung und anschließender stofflicher Verwertung geeignet, zweiteres zur energetischen Nutzung als Brennstoff in Biomasseheizkraftwerken; das dritte wird als Qualitätskompost verwendet. In keinem Fall sollten Fremdstoffe enthalten sein, denn diese behindern die Verarbeitung und machen den Biomüll teilweise sogar unbrauchbar für die weitere Verwertung. Besonders oft sind leider Kunststoffe darin zu finden. Neben Mandarinennetzen und Frischhaltefolie finden sich Unmengen an »kompostierbaren Müllbeuteln«, die allerdings nur in die Biotonne dürfen, wenn die Kommune die Verwendung von Bioabfallbeuteln aus biologisch abbaubaren Kunststoffen erlaubt. »Biologisch abbaubar« bedeutet nicht gleichzeitig auch biobasiert. Die Tüten bestehen nicht unbedingt aus nachwachsenden Rohstoffen wie etwa Mais oder Stärke: Auch manche erdölbasierte Kunststoffe werden als abbaubar betitelt, da sie unter den passenden Bedingungen zersetzt werden können. Eine Zersetzung unter natürlichen Umweltbedingungen braucht oft jedoch Jahre, und nur wenige Kompostierungsanlagen haben die technische Ausstattung für die entsprechende Zersetzung der Müllbeutel.[3] Deshalb sollten die Bioabfälle lieber in altes Zeitungspapier oder unbeschichtete Papiertüten gewickelt werden, bevor man sie in der Tonne versenkt.
Wenn dann endlich der längst überfällige Biomüll rausgebracht und Fruchtfliegenfallen in der Küche aufgestellt sind, heißt es: Bloß nicht direkt neuen Müll produzieren. Vielleicht lieber eine Pizza bestellen, um zumindest heute nichts mehr in der frischen Küche dreckig zu machen.
- [1] Getrennte Sammlung von Bioabfällen ab 1. Januar 2015. https://www.bmuv.de/ME7906, Stand: 9.2.2022.
- [2] Klimaverträgliche Abfallwirtschaft. URL: https://www.umweltbundesamt.de/daten/ressourcen-abfall/klimavertraegliche-abfallwirtschaft#abfallbehandlung-schutzt-heute-das-klima, Stand: 9.2.2022.
- [3] Quarks: Darum sind Biomüllbeutel nicht umweltfreundlich. https://www.quarks.de/umwelt/muell/darum-sind-bio-muellbeutel-nicht-umweltfreundlich/, Stand: 9.2.2022.
Mythen des Alltags
Kaffeekultur
Das braune Gold in der Tasse
7:30 Uhr – ein mechanisches Surren unterbricht die Stille der Wohnung. Der Wasserhahn rauscht, der Mensch murrt. Ein Klicken hallt mehrmals durch den Raum, der Gasherd möchte wohl auch erst geweckt werden. Es folgt ein Zischen und Gluckern. Der Wecker piepst leise im Hintergrund. Ein wohliger Duft erfüllt die Küche. Ein müdes Lächeln huscht über die Lippen. Diese 10 Minuten Ruhe sind unerlässlich, um in den Tag zu starten – nur man selbst und eine Tasse frisch gebrühten Kaffees, natürlich nach italienischer Art. Renato Bialetti, Sohn des bekannten Erfinders des Espressokochers, war so begeistert von dieser Art, seinen täglichen Kaffee zu genießen, dass er seine letzte Ruhe in einem übergroßen Espressokocher fand.[1]
Wenn diese alltäglich millionenfach in Haushalten der Welt vollzogene Handlung hinterfragt wird, zeigen sich diverse Einflüsse, nicht nur aus der italienischen Kaffeekultur. Sei es nun der altbekannte Filterkaffee oder doch die hippe Variante des Cold Brew – sein Aroma ist unverwechselbar und kann doch so unterschiedlich sein. Der traditionelle griechische Kaffee wird beispielsweise mit Zucker gebrüht und enthält gemahlene Kichererbsen für eine »torfig-erdige« Note.[2] In den Weiten des Internets findet man zu jeder Brühvariante, jeder Kaffeebohne, jeder Milchsorte und jedem Süßungsmittel eine peinlich genaue Anleitung, worauf zu achten sei und was unter allen Umständen vermieden werden sollte. Da könnte man glatt meinen, dass vor Youtube und Wikipedia kein trinkbarer Kaffee existierte. Doch ist aus frühen Schriften zu entnehmen, dass bereits im 14., 15. Jahrhundert im Jemen Kaffee großflächig angebaut wurde. Über Mekka eroberte der Arabica-Kaffee ab dem 16. Jahrhundert das südöstliche Europa. Zahlreiche Kaffeehäuser eröffneten, darunter das erste deutsche Kaffeehaus 1673 in Bremen.[3]
Bald galt Kaffee als wichtiges Handelsgut und wurde somit auch innenpolitisch bedeutsam in den Konsumländern. Aus diesem Grund entstand ab 1780 ein gefürchteter Beruf unter Friedrich dem Großen. Der sogenannte »Kaffeeschnüffler« sollte gewährleisten, dass dem Staatsmonopol des Kaffeeröstens nichts im Wege stand.[4] Mit Beginn der Industrialisierung wurde der Genuss des Kaffeetrinkens auch der breiten Bevölkerung und sogar den ärmeren Schichten zugänglich. Kaffee galt als eine Nahrungsquelle, so weichte man Brot in einer sogenannten Kaffeesuppe ein. So wurde sowohl der Hunger gestillt als auch der Müdigkeit durch die harte Arbeit entgegengewirkt.[5]
Um die eigentliche Entdeckung dieses Wundermittels hingegen existieren vielfältige Legenden. Es ist von unermüdlichen Ziegen in Äthiopien und Heilkundigen aus Afrika die Rede.
Bei dieser langen Geschichte verwundert es nicht, dass Kaffee zum Lieblingsgetränk der Deutschen geworden ist: Ein Bundesbürger trinkt im Schnitt rund 168 Liter Kaffee pro Jahr[6] – nicht nur am Morgen …
- [1] https://www.handelszeitung.ch/unternehmen/renato-bialetti-findet-letzte-ruhe-espressokanne-995642, Stand: 25.1.2022.
- [2] https://kaffeeseite.com/kaffee-internationale-sitten-und-rituale/, Stand: 25.1.2022.
- [3] https://www.kaffeeverband.de/de/kaffeewissen/geschichte, Stand: 25.1.2022.
- [4] https://www.br.de/mediathek/podcast/die-unglaubliche-geschichte/die-kaffeeschnueffler/1599731, Stand: 25.1.2022.
- [5] https://www.espresso-international.at/kaffee-statt-bier, Stand: 25.1.2022.
- [6] https://www.kaffeeverband.de/de#, Stand: 25.1.2022.
Hördatei
»Eine gute Szenographie verstärkt den Inhalt«
Christian Brändle über gute Ausstellungsgestaltung
Der Architekt und Direktor des Museums für Gestaltung Zürich, Christian Brändle, spricht über die Möglichkeiten und Grenzen von Szenographie. Bei einem offenen Thema stelle sich die Frage: »Wie können wir die Ränder so definieren, dass am Ende eine gut kommunizierbare Ausstellung entsteht?«
Brändle und sein Team ist der Dialog mit dem Publikum und dessen Rückmeldung wichtig. So werden in einem Kooperationsprojekt Schüler eingebunden, deren Kritik an Ausstellungen auf- und ernstgenommen wird.
Hördatei
»Tauscht euch viel aus, seid wild!«
Patricia Franzreb über ihren Umgang mit ihren Studenten
»Der ambitionierte Designer hat immer das Gefühl, er ist noch nicht gut genug, er muss noch irgendetwas besser machen. Das ist häufig auch der Teufel, mit dem wir kämpfen müssen«, stellt die Designprofessorin fest. Sie schildert außerdem, warum Designer Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen sollten und warum ihnen ein fundiertes theoretisches Basiswissen weiterhilft.
»Sprache ist unheimlich wichtig, und ich habe ein bisschen das Gefühl, dass sie in letzter Zeit etwas vernachlässigt wurde«, kritisiert sie und rät ihren Studenten, sich auszutauschen und wild zu sein.
Essay
Wie werden Bilder für Argumentationen verwendet?
Über Semiotik und Rhetorik in der visuellen Kommunikation
1 Logik und visuelle Argumentation
Bilder, seien es unbewegte oder bewegte, erhalten in der computerunterstützten Kommunikation der postmodernen Weltgesellschaft eine zunehmend bedeutungsvollere Position hinsichtlich ihrer Quantität, Qualität und auch ihrer argumentativen Autorität. Im Journalismus werden Bilder beispielsweise als Realitätsbeweise herangezogen. Im Marketing sollen Bilder den Kunden zum Kauf anregen und in der Public Relations ein positives Image etablieren. Und die Social Media würden ohne Bilder das Potential ihrer transkulturell vermittelnden Wirkung verlieren, eine kulturelle Globalisierung von Design – und Lebensstilen zu manifestieren. Manchmal unterstützen Bilder auch eine postfaktische Kommunikation, die kraft Emotionalisierung und scheinbaren Evidenz versucht zu überreden, aber die infolge einer verbalen Logik und Argumentation kaum überzeugen kann. Hinsichtlich all dieser Bildverwendungen drängt die Frage: Worin besteht der Erfolg visueller Argumentation? Die Akteure verwenden Bilder mit der Absicht, einen Sachverhalt darzulegen und kommunikativ mitzuteilen. Sie betreiben eine visuelle Argumentation, um ihre kommunikativen Ziele zu erreichen. Aber wie und was kann als visuelle Argumentation gelten? Welcher Logik und welcher Rhetorik folgt die visuelle Argumentation und wie wird sie strategisch eingesetzt? Und zu fragen ist auch: Welche Zeichen müssen Bilder tragen, um Recht in einem Diskurs zu behalten?
Der folgende Text erörtert Begriffe, mit denen über Bilder gesprochen wird, obgleich die Anschauung von Bildern notwendig eine andere Praxis beinhaltet als eine Theorie. In diesem Sinne orientiert sich der Text an dem philosophischen Diktum von Immanuell Kant: »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.«[1] Um die aufgezeigten Fragen zu beantworten, wird im Folgenden zunächst rekapituliert, warum Bilder nicht den Kriterien standhalten, die in der formalen Logik der Philosophie für eine Aussagenlogik und Prädikatenlogik notwendig sind. Im Anschluss daran wird dargelegt, wie die Semiotik eine Bildlogik stützt, die den Begriff der Logik im Sinne seiner altgriechischen Herkunft als denkende Kunst, Vorgehensweise, Folgerichtigkeit oder vernünftige Schlussfolgerung bezeichnet.[2] Die Bildlogik als denkende Kunst zu beschreiben, obgleich sie ohne eine Logik der Verbalisierungen und damit der Sprache auskommt, mutet unproblematisch an, da ausschließlich der Homo Sapiens Bilder als Zeichen erstellen kann und sie für die zwischenmenschliche Kommunikation nutzt. So soll der Zweck der Zeichentheorie darin bestehen, die Logik visueller Argumentation zu klären.
Für viele Akteure gehört es zur alltäglichen Praxis, visuell zu denken und kommunikativ mittels Bildern zu handeln. Oft möchten Bildhandelnde mittels visueller Argumentation jemanden davon überzeugen, wie etwas aussieht, wie etwas existiert und wie über etwas zu denken ist. Deshalb lautet die finale Frage folgender Überlegungen: Wie folgen Bilder ihrer Logik, die ihnen unterschiedliche Formen der visuellen Argumentationen erlauben? Um dieses Ergebnis zu erlangen, gehen dem Fragen voraus, die klären, wie logische Argumentationen mittels Worten in einer Sprache aufgebaut sind. Die Analogie zwischen Sprache und Bildsprache hat zwar in der Bildwissenschaft nur zu Missverständnissen[3] geführt, weil Bilder sich nicht als eine Sprache definieren lassen, trotzdem bietet die Argumentationstheorie der sprachbasierten Logik einige Hinweise, worauf eine bildbasierte Logik zu achten hat.
1.1 Bildbasierte Logik
Sehr vereinfacht, aber ohne weitreichende Erklärungskraft lässt sich der pragmatische Umgang mit visueller Argumentation mit Birdsell and Groarke folgendermaßen beschreiben: »We understand visual arguments to be arguments (in the traditional premise and conclusion sense) which are conveyed in images.«[4] Solche tautologischen Erklärungen folgen der alltäglichen Beobachtung, dass Bilder in der Praxis als visuelle Argumente verwendet werden und deshalb auch Argumente sein sollen. Dieser rhetorische Trick lässt sich leicht durchschauen, weil dann ebenfalls ein Faustschlag auf das Auge eines Antagonisten derart evident bzw. empirisch bedeutsam wirkt, um ihn im ansonsten sprachlichen Dissens von der eigenen Meinung final zu überzeugen. Ein solch »überwältigendes Argument«, wie man es im Deutschen umgangssprachlich benennt, kann eingesetzt werden, um seinen Antagonisten mittels Evidenz ohne weitere Argumente zu überzeugen. Handlungen oder bildhafte Zeichen müssen sich nicht als Argumente definieren lassen, obgleich sie im Alltag scheinbar wie Argumente wirken. Hinzukommt, worauf Roque hinweist, dass die Benennung des visuellen Kanals nicht ausreicht, um die visuelle Argumentation als solche zu definieren.[5] Das visuelle Medium Bild vermittelt immer die Botschaft, dass etwas visuell präsent wird, ohne dass eine Argumentation in propositionalen Sprechakten dem gleichkommen könnte oder sollte. Beispielsweise bietet das Bild »Feldhase« von Albrecht Dürer eine Evidenz, die überzeugt, weil sie im Jahre 1502 mittels einer fotorealistischen Darstellung visuell argumentiert, wie ein Feldhase so realistisch wie möglich per Ähnlichkeit bezeichnet werden kann. Hier wirkt die visuelle Präsenz eines Bildes evident, weil Betrachter ohne Worte verstehen und gegebenenfalls reagieren, obwohl sie für das Gesehene noch keine Worte finden oder gar Argumente erkennen.
Die Evidenz – im Sinne einer anschauenden Gewissheit – beschreibt die »broader category«[6], die verständlich macht, dass Betrachter beispielsweise ein Foto als einen empirischen Beweis für die Existenz von etwas anerkennen und dies unbezweifelbar Erkennbare als Wort in ihre verbale Argumentation einfügen. Wenn ein Bild auf Rezipienten wirkt, als ob es ein Argument sei, dann ist dies aber kein Beweis dafür, dass es notwendig den Begriffsabgrenzungen des Arguments folgt, wie sie die Philosophie der Logik definiert. Wenn Bilder wie »schlagende Argumente« verwendet werden, dann kann ihre Evidenz überzeugen, ohne dass es sprachwissenschaftlichen oder philosophischen Definitionen eines Arguments entspricht. Es wird sich an späterer Stelle zeigen, wie Bilder als »schlagende Argumente« eine Plausibilität und Evidenz anbieten, die die Zustimmungsbereitschaft bei Rezipienten zweifellos erhöht. Insofern führt Scholz mit der Darstellung der Neuen Rhetorik von Chaïm Perelman [7] auf die wegweisende Spur, dass »zwischen der Wahrheit einer These und Zustimmungsbereitschaft zu einer These zu unterscheiden«[8] sei.
Hördatei
»Die Zukunft liegt für mich im schönen Buch«
Christina Schmid über haptische Erlebnisse
Die Gestalterin, Autorin und Herausgeberin Christina Schmid ist von der Wichtigkeit des schönen Buches überzeugt und glaubt an dessen Zukunft. Auch wenn an ihrem Rechner das meistgenutzte Programm das E-Mail-Programm und sie in ihrem E-Mail-Postfach lebt, so weiß sie um die Bedeutung der Materialität – und wie sie in eine gute Form gebracht wird.
Das legt sie im (per Videokonferenz geführten) Interview mit »Sprache für die Form« dar – und warum Büchermachen Teamarbeit ist.
Essay
Die GIGA-Adaptionsmethode
Aptum: Stilschulung im Hochschulschreibunterricht
1 Ausgangslage: Schreiben als Qual
Die Gefühle, die Studierende an einer angewandten Hochschule ihrem eigenen Schreiben entgegenbringen, sind erfahrungsgemäß[1] oft negativ. Abb. 1 zeigt ein typisches Meinungsbild, wie es 2021 bei einer Erstsemesterveranstaltung im Fach Wirtschaftsingenieurwesen Maschinenbau eingeholt wurde[2]. Zwar gibt es einige Stimmen, die die Nützlichkeit des Schreibens hervorheben und dessen kommunikative, epistemische, dokumentarische oder kreative Funktion benennen, doch sind die vornehmlichen Assoziationen Anstrengung, Mühe und Qual. Ablehnung und Verweigerung werden offen geäußert, in dieser anonymen digitalen Umfrage ebenso deutlich wie sonst im Unterrichtsgespräch.
Abbildung 4: Arbeitsblatt zur Gruppenübung (Ausschnitt)
Wie kommt es nach zwölf Jahren Deutschunterricht mit all seinen Aufsätzen, Erörterungen und Interpretationen zu diesem verheerenden Stimmungsbild? Offenbar vermag das Schulfach bei vielen keine nachhaltige Begeisterung zu wecken, weder für die freiwillige Beschäftigung mit Literatur[3] noch für das akademische Schreiben, noch für die beruflichen Schreibaufgaben, die unvermeidlich zu erfüllen sein werden und Karrierechancen mitentscheiden.
Dass Umfang und Bedeutung des Schreibens in so gut wie jedem Beruf im Wachsen begriffen sind, ist als Folge der Digitalisierung und der Verrechtlichung der Arbeitswelt schlichtweg ein Faktum. Die damit einhergehende Verschriftlichung bedeutete einen enormen Anstieg der kommunikativen, dokumentarischen, vertraglichen, datenschutzrechtlichen und buchhalterischen Vorgänge. Den Studierenden ist dies oft nicht bewusst, vielmehr hoffen sie, etwa durch die Wahl eines technischen Studienfachs, dem Schreiben ein für allemal entronnen zu sein – ein Trugschluss, beschäftigen sich doch z. B. Ingenieure weit über die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit der Lektüre und Erstellung anforderungsreicher Textsorten[4].
Ist die Genie-Ästhetik vergangener Jahrhunderte – »Poeta nascitur, non fit«[5] – eine weitere Ursache für das schlechte Image des Schreibens bei den Studierenden? Die Vorstellung, dass sich beim Schreiben das angeborene Talent zeige oder eben nicht, kann in Kombination mit vergangenen Misserfolgen tatsächlich tiefe Selbstzweifel und Mutlosigkeit erzeugen.
Eine passende Replik darauf liefert Hemingway, der in Bezug auf sein eigenes Schreiben gesagt haben soll: “The first draft of anything is sh.”[6]. Im Unterricht verwendet, offenbart dieses Zitat, dass auch bei genialen Weltschriftstellern die Arbeit am Text mit der Rohfassung beginnt – und nicht etwa endet. Um falschen Vorstellungen zu begegnen, ist es wichtig, diese für Schreibexperten so selbstverständliche Tatsache im Unterricht explizit zu machen.
2 Mündlichkeit versus Schriftlichkeit
Die wichtigste Ursache für die studentische Schreibunlust offenbart sich, sobald man die Sprech- mit der Schreibsituation vergleicht. Im mündlichen Gespräch vollzieht sich ein unbewusster, subtiler und fortwährender Anpassungsprozess[7], der eine umfangreiche Palette an Zuschreibungen über Wissen und Vorlieben, Stimmungen, Empfänglich- und Empfindlichkeiten des Gegenübers einbezieht. Über Jahrzehnte haben sich Empathie und Menschenkenntnis, Taktgefühl und Einfühlungsvermögen, Höflichkeit und Umgangsformen in uns entwickelt und verfeinert. In der Sprechsituation erlaubt uns dieses hochentwickelte Vermögen eine automatische Anpassung des Sprachniveaus, meist unbemerkt und mühelos, obgleich es uns auch möglich ist, den Vorgang bewusst zu steuern und wahrzunehmen.
In der Schreibsituation fehlen die Auslöser, die den beschriebenen Adaptions-Automatismus in Gang setzen könnten. Wir sehen kein Gesicht, keine Mimik und Gestik, wir hören keinen Tonfall und erhalten auch sonst keine Signale, die uns helfen könnten, uns in die Situation einzufinden. Stattdessen sehen wir einen leeren Bildschirm oder ein weißes Blatt Papier. Die Schwierigkeiten vieler Studierender, überhaupt ins Schreiben zu kommen und dann noch den rechten Ton zu treffen, erscheinen vor dieser Folie allzu verständlich.
- [1] Die Verfasserin lehrt seit über einem Jahrzehnt wissenschaftliches Schreiben an der HTWG Konstanz, einer Hochschule für angewandte Wissenschaften, die technische, wirtschaftliche und gestalterische Fächer unter ihrem Dach vereint.
- [2] Anonyme Online-Umfrage 2021 via Mentimeter unter 25 Erstemesterstudierenden im Fach Wirtschaftsingenieurwesen Maschinenbau an der Hochschule Konstanz, Mehrfachantworten möglich.
- [3] Bei einer nicht-repräsentativen Umfrage unter 23 Studierenden im Studium generale der Hochschule Konstanz gaben 2021 80 % an, niemals Erzählliteratur zur Hand zu nehmen. 20 % lesen hingegen täglich und teilweise über eine Stunde. Diese Angabe deckt sich mit der Erfahrung aus diversen Leseworkshops: auf die Frage nach einer Buchempfehlung für die Kommilitonen antwortete ein Großteil der Teilnehmenden entweder mit einem Selbstoptimierungsratgeber oder wusste gar keinen Titel zu nennen. Romane, das eigentlich intendierte Ziel der Frage, wurden nur von vereinzelten Teilnehmenden empfohlen. Dabei handelte es sich dann vor allem um englischsprachige Thriller.
- [4] VDI-Richtlinienautor Ebersold zählt folgende ingenieurtypische Schreibanlässe auf: »Es fallen sehr verschiedene Textsorten an. Da gibt es zum einen Berichte und Protokolle, den Mailverkehr und Präsentationen, die man beinahe täglich zu erstellen hat. (…) Dann gibt es die (…) Technische Dokumentation als Textsorte. Sie beinhaltet insbesondere Konstruktionsbeschreibungen, (…) überaus umfassende und komplexe Softwaredokumentationen, (…) Normen und Richtlinien, Spezifikationen, Beschreibungen von beispielsweise Berechnungsvorgängen, dann aber auch technische Vorgaben für die Produktion und (…) Qualitätssicherung (…), sehr viel Testdokumentation usw.« (Ebersold, Scheffel 2021, S. 44). Zu Studien zum Zeitaufwand für Schreibaufgaben im Ingenieurberuf vgl. Brandt 2013, S. 3–4.
- [5] »Der Dichter wird geboren, nicht gemacht«, antiker Aphorismus umstrittenen Ursprungs; Provenienzforschung liefert Ringler 1941.
- [6] Zit. nach Hemingways Freund Samuelson 1984, S. 11.
- [7] Zur Dynamik dieses Modifikationsprozesses, der fortwährenden Synchronisation zwischen den Kommunikationspartnern und dem Aushandeln von Angemessenheit, vgl. Bülow und Krieg-Holz, die die »ethnografisch-interaktionale() und pragmastilistische() Perspektive« (Bülow, Krieg-Holz 2015, S. 111) auf den Vorgang zusammenführen.
Mythen des Alltags
Flurfunk
Was man im Lockdown verpasst hat …
Schulfunk
Hat Luca wirklich den Imperialen Sternenzerstörer[1] von Lego Star Wars geschenkt bekommen? Ob Hanna auch die türkise Frozen[2]-Haarspangen toll findet? Hat Joshua wieder eine Schlägerei angefangen? Ob jemand wohl den silberglänzenden Manuel-Neuer-Sticker hat und tauschen würde? Plant Leon wirklich eine Switch[3]-Geburtstagsparty und hat sogar Mario Cart[4]?
Unifunk
Gab es auf der Schwarzlicht-WG-Party wirklich nur Ötti[5] zum Trinken? Stimmt es, dass Simon nun einen Voki[6] trägt; hat er nicht schon einen Schnauzer? Ist Elias wirklich schon fertig mit dem langen Essay? Sind Sophia und Felix in einer offenen Beziehung[7]? Hat Lea bereits ein WG-Zimmer gefunden? Ist die Booklet-Abgabe eine Woche nach der Präsentation? Hat Finn wirklich drei Döner in der Mittagspause verdrückt?
Bürofunk
Ob die Kaffeemaschine wohl endlich entkalkt wurde? Wo sind denn nur die Briefmarken gelagert? Stimmt es, dass Sven aus Etage sechs zu seinem Geburtstag Nussschnecken für alle gebacken hat? Heißt das Baby Amalia oder Olivia? Findet der Yoga-Kurs später statt? Für welchen Anlass wohl der Sekt im Kühlschrank gelagert wird? Verdient Sabine wirklich 500 Euro mehr im Monat? Ist Robert krank oder nutzt er wieder nur den Brückentag aus? Wer hat den Papierstau im Drucker verursacht?
- [1] Imperialer Sternenzerstörer: Ein Raumschifftypus aus dem Science-Fiction-Universum Star Wars.
- [2] Frozen: Eine Kinderfilmreihe von Disney rund um die Eiskönigin Elsa.
- [3] Switch: Eine Videospielkonsole des japanischen Herstellers »Nintendo«.
- [4] Mario Cart: Ein Autorennspiel, ebenfalls von »Nintendo«.
- [5] Ötti: Abk. für Oettinger, bezeichnet hier Bier der »Oettinger Bierbrauerei«; bekannt für kostengünstiges Bier.
- [6] Voki: Abk. für Vokuhila (»vorne kurz, hinten lang«), eine Frisur aus den 80er Jahren, die aktuell ein Comeback erlebt.
- [7] Offene Beziehung: Eine Art und Weise der Beziehung, bei der neben dem Hauptpartner weitere Sexualpartner geduldet sind.
Buchbesprechung
»Schreibt kürzer, schreibt klarer, schreibt bildhafter«
Armin Reins über »Corporate Language«
Das Inhaltsverzeichnis von Armin Reins »Corporate Language« gleicht einem gut sortierten Supermarkt-Regal. Man findet darin sowohl das Interview mit einem Entertainer als auch mit einem renommierten Hirnforscher, 24 Gesetze der Verführung nach Vorbild Casanovas, gefolgt von der Analyse einer Dessous-Kampagne. Angereichert wird das bunt gemischte Sortiment mit zahlreichen Fallbeispielen aus der Welt der Werbung – von Anzeigen für Wasser bis zum Branding für Wein. Und schon auf den ersten Seiten wird klar: Gute Texte sind in der Branche noch immer Mangelware. »Corporate Language« schafft Abhilfe.
Grob gliedert sich das Buch in zwei Teile: Der erste führt die Wichtigkeit von Sprache für das »brand building« vor Augen und gibt konkrete Anleitung, wie man zu einer »Corporate Language« für eine Marke oder ein Unternehmen findet. Der zweite Teil präsentiert eine Sammlung von Fallbeispielen. In Interviews kommen Marketing-Leiter und Werbefachleute von großen Unternehmen wie »Nivea«, »Ikea« oder »Mercedes« zu Wort, die es erfolgreich geschafft haben, eine authentische »Corporate Language« zu etablieren. Dieser Interviewteil eröffnet spannende Einblicke in die Markenphilosophien und die Strategien hinter den großen Werbekampagnen.
Reins plaudert munter aus dem Nähkästchen eines Werbetexters. Die im Laufe seiner Karriere zusammengestellten Thesen untermauert er mit reichlich Anschauungsmaterial aus seinem Arbeitsalltag. »Corporate Language« ist gewiss keine wissenschaftliche Lektüre, verfolgt aber auch gar nicht diesen Anspruch. Die Kapitel zur Hirnforschung oder dem NLP (Neuro-Linguistisches-Programmieren) bleiben eng auf ihren Nutzen in der Werbesprache zugeschnitten und werden vom Autor in kleinen Appetit-Häppchen serviert. Reins spricht mit Menschen aus unterschiedlichen Forschungs- und Tätigkeitsfeldern, die alle am großen Kuchen »Sprache« naschen, und pickt sich die Rosinen heraus — also all das, was für die Arbeit des Werbetexters nützlich ist. Das entspricht auch ganz seiner Überzeugung, dass »gute Texter ein breites Halbwissen [haben]« (S. 105).
»Schreibt kürzer, schreibt klarer, schreibt bildhafter, hörbarer, anfassbarer und fühlbarer« (S. 25). Dieser Forderung bleibt Armin Reins treu. Der Autor schreibt in kurzen, ja sogar verkürzten Sätzen und ist dabei absolut überzeugend. »Corporate Language« liest sich wie ein Werbetext für gutes Werbetexten. Mühsam wird das Lesen nur, wenn man über das branchenspezifische Fachvokabular stolpert. Wörter wie UBP (Unique Buying Proposition) können dem CI-Laien die Lust am Lesen schmälern. Reins lockerer, leicht verständlicher Schreibstil sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dieser Businessratgeber gezielt an Werbetexter, Kommunikationsstrategen und Marketingleiter richtet. Otto-Normalverbraucher kann mit Kosten-Nutzen-Überlegungen oder einer CL-Checkliste nur wenig anfangen. Neben den zahlreichen Paradebeispielen aus der internationalen Werbewelt vergisst Reins auch nicht, Werbung in eigner Sache zu machen. Die Unterpunkte seines CL-12-Schritte-Programms, einer der Kerninhalte, lässt er wohlweislich unkommentiert. Die erwarteten Einblicke in ein bestehendes CL-Manual bleiben aus. Stattdessen flattert dem Leser beim Aufschlagen des Buches ein Formular zur Seminaranmeldung entgegen.
Zentrale Thesen und Schlüsselaussagen werden optisch hervorgehoben, ebenso wie die in Signalfarbe unterlegten Definitionen von Fachbegriffen. Dadurch bekommt Reins »Corporate Language« an manchen Stellen Lehrbuch-Charakter. In jedem Fall ist es ein Handbuch, das man bei der Konzeption der nächsten Kampagne auch tatsächlich wieder zur Hand nimmt, finden sich darin doch Arbeitsanleitungen zur sprachlichen Textgestaltung, die direkt umsetzbar sind. Es ist das Ass im Ärmel für jeden, der beim nächsten Teammeeting mit zielgerichteten Claim-Vorschlägen brillieren will. Tatsächlich ist das Kapitel zur Claim-Findung nach der CL-Methode auch jenes, das die konkretesten Einblicke in die Herangehensweise eines Texters bei der Sprachgestaltung gibt und gleichzeitig auch den höchsten Unterhaltungswert hat. In amüsanter Weise wird dem Leser die Unsinnigkeit einiger der bekanntesten englischsprachigen Claims vor Augen geführt, wie »Mitsubishi — Drive alive«, vom Autor übersetzt mit »Die Fahrt überleben«, oder »Douglas — Come in and find out — Komm rein und find wieder raus« (vgl. S. 215). Äußerst kurzweilig ist auch das Kapitel, in dem Reins die Werbung für ein Produkt mit dem Werben um eine Frau gleichsetzt. Der Autor scheut dabei nicht den Vergleich mit Giacomo Casanova. Spätestens wenn Reins die Brücke von den Verführungskünsten des berühmten Schürzenjägers zu den Verführungsstrategien der Werbung schlägt, wird selbst der kritische Leser schwach und ist sich sicher, mit »Corporate Language« seinen Schatz gefunden zu haben.
Der Designer sollte dringend aufhören, Texte nur als lästiges Beiwerk, »als Grauwert« zu sehen (vgl. S. 10). In der Werbung kommen Bilder selten ohne Worte aus. Dafür können Wörter eine Menge Bilder produzieren, sie können unser Kopfkino wecken.
Buchbesprechung
»Schrift hat eine Stimme«
Sabrina Öttl über das Handwerk der Typografie
»Wir lesen und sehen Schrift zugleich. (…) Jede Schrift hat eine Stimme, jede Gestaltung einen Tonfall und damit eine Absicht.« (S. 25) Dieses Zitat beschreibt die Relevanz von guter Typografie und warum es unausweichlich ist, sich als Kommunikationsdesigner mit dieser Thematik zu beschäftigen. Einen guten Grundstein dafür legt das Buch aus dem dieses Zitat stammt: »Der erste Eindruck zählt! Das Handwerk der Typografie verstehen und anwenden« von Sabrina Öttl. Sie möchte darin »einen fundierten wie allgemeinverständlichen Praxisworkshop Typografie für werdende Profis« (S. 6).
Das Buch enthält sechs Kapitel zu Themen und Fragen rund um Typografie, Lesen und Lesbarkeit sowie und einen umfangreichen Anhang. Im Vorwort beschreibt der Verleger Bertram Schmidt-Friderichs, wie dieses Buch entstanden ist: Nachdem die 1992 geborene Gestalterin Sabrina Öttl ihm ihre Bachelorarbeit gezeigt hatte, stellten beide die gemeinsame Liebe zur Typografie fest. Daraufhin habe er sie gefragt, ob sie nicht dieses Buch schreiben könne, das dann in einer dreijährigen Kooperation zwischen dem Verleger und der Gestalterin entstanden ist.
Nach einer Einleitung durch die Autorin folgt eine Beispielseite, die verdeutlicht, wie die einzelnen Seiten des Buches strukturiert sind – an welcher Position welche Informationen zu finden und wie sie gestaltet sind. Zu Beginn wird unter dem Titel »Definition« erklärt, wie Schrift unseren Alltag begleitet, was Typografie eigentlich ist, welche Aufgaben Schrift hat und wie sie entstanden ist. »Wie Schrift unterschiedlich wirken kann« – wie sie eine Differenzierung schafft, aus welchen Bestandteilen die einzelnen Buchstaben bestehen und wie Schrift an sich bereits kommuniziert – wird im zweiten Kapitel »Charakter« beschrieben.
Daran anschließend spielt in »Lesen« eben dieser Vorgang eine Rolle: »Wie Schrift verarbeitet und gelesen wird.« Es wird darüber informiert, wie das menschliche Auge Schrift wahrnimmt und verarbeitet, was zur Leserlichkeit und Lesbarkeit beiträgt und welche Auswirkungen das alles auf die Gestaltung hat. »Typografie ist das Fenster zum Dahinterliegenden. Sie macht dem Inhalt eines Textes Platz. Damit das Dahinterliegende möglichst gut ersichtlich ist, sollte die Typografie genauso unauffällig und sauber wie ein Fenster mit Panoramablick sein. Denn Lesen funktioniert dann am besten, wenn wir uns eben nicht von Details ablenken lassen.« (S. 34 f.)
Im vierten Kapitel »Schriftqualität« geht es darum, »Wie Schrift gestaltet und ausgewählt wird«, wie man Schriften unterscheidet und klassifiziert und wie man sie für die unterschiedlichen Arten des Lesens auswählt – »Wer (Zielgruppe) liest was (Inhalt), warum (Motivation), wie (Umstände) und wo (Ort)?« (S. 49). »Satzqualität« thematisiert »Wie Schrift sorgfältig gesetzt wird« und somit sind die Mikrotypografie und ihre Elemente, wie beispielsweise Buchstaben- und Wortabstand, Zeilenlänge und -abstand sowie Striche, Punkte und Sonderzeichen, Inhalt dieses Kapitels. Im letzten Kapitel mit dem Titel »Gestaltung« wird erklärt, »wie Weißraum strukturiert wird«. Dabei wird anhand von drei Fallbeispielen gezeigt, welche Elemente zur Makrotypografie gehören und wie man sie einsetzt.– Zu guter Letzt beinhaltet das Buch einen umfangreichen Anhang mit hilfreichen Merkhilfen und Shortcuts sowie Verweisen zu weiterführender Literatur.
Wie der Verleger Bertram Schmidt-Friderichs es im Vorwort beschreibt, ist dieses Buch ausgerichtet auf »werdende Profis« (S. 6). Es stellt dementsprechend eine kurzweilige Grundlage dar, die man gut am Stück lesen kann, wenn man sich für diese Thematik interessiert, sich bereits etwas Vorwissen angeeignet hat und tiefer in die Thematik eintauchen möchte. Die wichtigsten Themen werden mithilfe von Beispielen besprochen und durch erklärende Visualisierungen ergänzt. Zusätzlich wird darauf verwiesen, wo man weitere, tiefergreifende Informationen finden kann. Außerdem ist es ein gutes Nachschlagewerk für gezielte Suchen, die durch Querverweise im Buch unterstützt werden.
Der Bezug zur Praxis spielt eine große Rolle: Es werden Hinweise, Einstellungsmöglichkeiten und Shortcuts für die geläufigen Programme geteilt sowie praktische Merkhilfen in Form von Zusammenfassungen mit Seitenverweisen gegeben. Beim Lesen gibt die Struktur der einzelnen Seiten zusätzlich Sicherheit und einen festen Rahmen, und man weiß, wie welche Art von Informationen aussieht.
Nachdem der Lektüre des Buches betrachtet und liest man Typografie deutlich bewusster und erfährt die Bestätigung, dass lesen nicht nur lesen, sondern auch sehen bedeutet. »Alles was wir lesen, nehmen wir rational und emotional wahr. Wir kommunizieren Fakten und Emotionen gleichzeitig, jede visuelle Kommunikation ist dadurch zugleich auch eine Interpretation des Inhalts. Man kann nicht nicht kommunizieren laut Paul Watzlawick. Auch visuell nicht.« (S. 25)